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Porträt
30.08.2021

Jens Arlt - der General, der im Chaos von Kabul die Ruhe behält

Die ungeheure Anspannung der letzten Tage war es wohl, die am Freitagabend zu der emotionalen Geste auf dem Stützpunkt Wunstorf führte: General Jens Arlt und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer umarmen sich.
Foto: Daniel Reinhardt, dpa

Chaos, Panik und ein blutiger Selbstmordanschlag. Elf Tage fliegt die Bundeswehr Menschen aus Kabul aus. Das Kommando hat Jens Arlt, der den Einsatz mit Umsicht meistert.

Das Bild wird man noch häufiger sehen, wenn die Geschichte des rund 20-jährigen Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan erzählt wird: Ein General und eine Verteidigungsministerin in inniger Umarmung. Eine symbolische Szene, die durch den Umstand noch an Aussagekraft gewinnt, dass Brigadegeneral Jens Arlt direkt nach der Ankunft der Bundeswehr-Transportmaschine auf dem Luftwaffenstützpunkt im niedersächsischen Wunstorf noch sein Sturmgewehr trägt, als er Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in den Arm nimmt. Fast etwas amerikanisch wirkt der emotionale Empfang für den 52-jährigen Fallschirmjäger-General, der die Evakuierungsmission in Kabul als Kommandeur leitete, und die rund 600 Frauen und Männer, die den größten und wohl auch dramatischsten Rettungseinsatz in der Historie der Bundeswehr absolviert und durchgestanden haben. "Helden", wie man an diesem Freitagabend in den Ansprachen immer wieder hört.

Wer ist der Brigadegeneral, der den elftägigen Einsatz ohne Tote und Verletzte abschließen konnte? Ein versierter, erfahrener Militär - natürlich. Aber das hätte in diesem Fall wohl nicht als Kompetenz ausgereicht. Gefragt war auch ausgeprägtes diplomatisches Gespür. Schließlich wurde in und um den Flughafen ständig verhandelt, gefeilscht und diskutiert. Und zwar nicht nur unter den Kommandanten der verbündeten Streitkräfte, sondern eben auch mit den Taliban. Ein Ritt auf der Rasierklinge. Schließlich stand die Mission unter der ständigen Bedrohung durch Terroristen, die in dem blutigen Anschlag vom Donnerstag mit mehr als 180 Toten zur Realität wurde. An den Nerven zehrte auch die allgegenwärtige Sorge vor einer Panik unter den Tausenden, die über Tage den Flughafen Tag und Nacht belagerten - in der verzweifelten Hoffnung, der Rache der Taliban zu entkommen.

Jens Arlt hatte kurz nach der Landung der Transportmaschine noch sein Sturmgewehr in der Hand. Der 52-Jährige bekam viel Anerkennung für die Umsicht, mit der er die Evakuierungsmission bewältigt hat.
Foto: Daniel Reinhardt, dpa

Arlt wurde erst im Dezember 2020 zum General befördert. Eine bemerkenswerte Karriere für jemanden, der nie an einer Bundeswehr-Universität studiert hat. Nach dem Abitur absolvierte Arlt 1989 die Wehrpflicht. Nach einigen Jahren bei der Panzertruppe schaffte er den harten Eignungstest für die Sondereinheit Kommando Spezialkräfte (KSK). Dort blieb er mit Unterbrechungen bis 2011. Oft an vorderster Front, wie bei Auslandseinsätzen in Bosnien und im Kosovo.

Die Ministerin gab Jens Arlt freie Hand für Kabul

Als sich abzeichnete, dass die Afghanistan-Mission auf ein schauriges Finale im von den Taliban eroberten Kabul zusteuern würde, setzte die Ministerin auf Arlt, dem sie ausdrücklich "jegliche operationelle Freiheit und politische Rückendeckung" zusicherte. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass der verheiratete Vater von drei Kindern von nun an mit seinen Leuten auf sich alleine gestellt sein würde. Zeit, in Berlin um Rat zu fragen, gab es in dem Chaos am Flughafen ohnehin nicht.

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Dass alle Soldaten und Soldatinnen wohlbehalten wieder in Deutschland sind, dürfte auch die Umarmung auf dem Stützpunkt Wunstorf erklären. Die Anspannung war extrem. Bei Arlt, aber auch bei Ministerin Kramp-Karrenbauer. "Dieser Einsatz wird mich prägen, wird uns alle prägen", sagte der Brigadegeneral nach seiner Rückkehr sichtlich berührt.

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30.08.2021

Der General hat in bester Tradition gehandelt und sich verhalten. Was heisst ein bisschen amerikanisch; in den USA werden vom Einsatz rückkehrende Soldaten grundsätzlich mit Ehren begrüßt und herzlich empfangen. Habe das während meines Dienstes in den USA mehrfach erlebt. Und nicht wie in DEU üblich möglichst nur als Randnotiz vermerkt oder wie der Rückkehr des letzten Kontingent vor ein paar Wochen auf der abgedunkelten Air Base Wunstdorf ohne jegliches Begrüßungszeremoniell wie ein notwendiges Übel. Da hilft auch kein späterer offizielles Zeremoniell. Fürs Misslingen der Mission sind nicht das Militär Schuld , sondern die politische Führung. Der Einsatz am Airport Kabul hat gezeigt, dass die Bundeswehr gut ausgebildete Spezialeinheiten wie KSK usw braucht und nicht nur "Friedenstruppen". Und dazu gehören natürlich die Waffen; nur so kann man Leuten wie Taliban, IS usw glaubwürdig entgegen treten.

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30.08.2021

Ist schon ein äußerst befremdliches Begrüßungsritual zwischen der Verteidigungsministerin und einem General.

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30.08.2021

Derzeitig ist Wahlkampf und gleichzeitig Showtime.

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30.08.2021

Frage: Was ist daran so befremdlich. Beide AKK und der General sind froh den kritischen Einsatz ohne eigene Verluste überstanden zu haben. Man erinnere sich an die 13 toten US Soldaten nach dem Anschlag des IS- hinterhältig aus der Deckung einer Ansammlung von unbeteiligten Zivilisten.

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31.08.2021

Ein militärischer Gruß sieht anders auch - auch im Jahre 2021.

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