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Interview

15.05.2020

"Verschwörungstheorien beschleunigen die Radikalisierung"

Rund um das Coronavirus ranken sehr viele Verschwörungstheorien.
Bild: Stefan Sauer, dpa

Die Corona-Pandemie ist der ideale Nährboden für Verschwörungstheorien, sagt Katharina Nocun. Sie beobachtete die Lage mit Besorgnis.

Aus dem Archiv:

Für das Wochenende sind wieder in zahlreichen Städten Anti-Corona-Demonstrationen geplant. Warum finden solche Demonstrationen so regen Zulauf von Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben?

Katharina Nocun: Zunächst einmal: Nicht jeder, der zu solchen Demonstrationen geht, ist Verschwörungsideologe oder rechtsextrem. Aber: Viele der Gruppen, die zu solchen Demonstrationen aufrufen, grenzen sich nicht klar von solchen Ideen ab oder kommen sogar aus einem verschwörungsideologischen Milieu. Im Zuge der Corona-Krise haben sich außerdem bestehende Verschwörungserzählungen ergänzt und erweitert. Einige Gruppen haben jetzt einen gemeinsamen Feind. Das heißt: Auf diesen Demos stehen teilweise Leute, die sagen: Das Virus gibt es nicht. Und daneben stehen Menschen, die sagen: Das Virus ist eine Bio-Waffe aus China. Die Gruppen sind uneins, aber sie eint der Glaube daran, dass es einen großen Feind gibt. Diese Einigkeit gab es vorher nicht und das halte ich für bedenklich.

Auf diese Demos gehen ja auch Menschen, die nur Kritik an den Corona-Maßnahmen äußern möchten. Gibt es einen Punkt, ab dem aus berechtigter Kritik eine Verschwörungstheorie wird?

Nocun: Das Interessante ist, dass viele Menschen, die in verschwörungsideologische Milieus abdriften, oft bei berechtigten Fragen starten: Was ist gerecht? Was läuft in der Politik falsch? Verschwörungsideologen gaukeln darauf eine Antwort vor, die es gar nicht gibt. Da wird viel mit Fake News gearbeitet und häufig werden widerläufige wissenschaftliche Beweise ignoriert. Zudem ranken sich Verschwörungserzählungen oft um als mächtig wahrgenommene Einzelpersonen oder Gruppen, die angeblich einen geheimen Plan verfolgen, um der Welt zu schaden. Da muss man sich mal überlegen, wie plausibel das eigentlich ist, dass sich etwa die komplette, globale Wissenschaftscommunity an einer Verschwörung beteiligt. Dazu kommt die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass ausgerechnet B-Promis auf Instagram oder Youtube diesen finsteren Plan enthüllen? Die Antwort ist natürlich: sehr unwahrscheinlich.

Sie sprechen gerade von B-Promis: Die treten ja auch während der Corona-Pandemie als Verschwörungsideologen auf. Der Sänger Xavier Naidoo und der vegane Koch Attila Hildmann etwa erreichen mit ihren Anti-Corona-Verschwörungen Tausende Fans. Welche Rolle spielt das bei der Verbreitung dieser Thesen?

Katharina Nocun hat gerade zusammen mit Pia Lamberty ein Buch über Verschwörungstheorien veröffentlicht.
Bild: Miriam Juschkat

Nocun: Natürlich spielen Multiplikatoren eine große Rolle. Aber das Phänomen macht deutlich: Bei Prominenten wirken die gleichen Mechanismen wie bei alle anderen auch. Wir wissen aus psychologischen Studien: Wenn Menschen sich unsicher fühlen, wenn sie Angst haben, wenn sie das Gefühl haben, sie erleben einen Kontrollverlust – etwa durch Krankheit oder aus Sorge um den Arbeitsplatz oder Stress im Privaten – dann sind wir besonders anfällig für Verschwörungserzählungen. Der Unterschied ist, der Otto-Normal-Bürger erzählt das vielleicht in seiner Familie, in seinem Freundeskreis, auf der Arbeit. Ein Promi hat mehr als 10.000 Follower auf Instagram. Aber dass auch Promis an solche Mythen glauben, ist kein neues Phänomen. Der Popstar Prince hat mal in einem Interview gesagt, er glaube, dass die Regierung mit Flugzeugen gezielt Gift auf Menschen sprüht. Das ist die sogenannte Chemtrails-Verschwörungserzählung. Das zeigt, selbst Prominente von Weltruhm sind nicht davor gefeit, in solche Fallen zu tappen.

Gibt es denn Erkenntnisse dazu, wer eher an solche Erzählungen und Mythen glaubt?

Nocun: Es gab Studien, die ausführlich untersucht haben, ob bestimmte Faktoren eine Rolle spielen. Es hat sich gezeigt, Männer sind anfälliger als Frauen. Und Menschen mit einem niedrigeren formellen Bildungsgrad haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Verschwörungen zu glauben, als Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss. Aber diese Zusammenhänge sind nicht so stark, dass man sagen könnte: Mehr Bildung löst das Problem. Oder Frauen sind immun. Die größte Rolle spielt ein wahrgenommener Kontrollverlust. Und die Pandemie ist daher der perfekte Nährboden für die Verbreitung von Verschwörungserzählungen.

Wenn man das mal weiterspinnt, was kommt dann auf uns zu? Der Kontrollverlust und die Stressfaktoren können jetzt ja sogar zunehmen: Viele Betriebe haben Kurzarbeit angemeldet, manche Unternehmen entlassen ihre Mitarbeiter. Heißt das, wenn wirklich eine Wirtschaftskrise kommt, finden sich noch mehr Menschen in solchen Mythen wieder?

Nocun: Das ist die große Frage. Und diese Frage bereitet mir derzeit schlaflose Nächte. Viele Menschen gehen davon aus: Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen, dann wird das Gefühl von Kontrollverlust weggehen. Die Menschen, die jetzt ein bisschen abgedriftet sind, ändern wieder ihre Meinung. Aber die wirtschaftliche Unsicherheit bleibt. Deswegen ist die Frage jetzt auch, wie die Bundesregierung damit umgeht und was es für Förderprogramme gibt.

Sehen Sie gerade Parallelen zur Situation in der Flüchtlingskrise 2015? Auch damals sind viele Menschen auf die Straße gegangen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Rechte Gruppen haben das für sich genutzt.

Nocun: Wir beobachten, dass Verschwörungsideologien gerade in rechtsextremen Gruppen ein zentrales Element sind. Wenn eine Gruppe sagen kann: Wir sind die Guten, alle anderen sind die Bösen. Wenn sie sagen kann, alle Politiker lügen bis auf unsere Partei oder Gruppe, dann ist das ein Narrativ, das vielen Verschwörungserzählungen entspricht. Rechtsextreme Gruppen nutzen das systematisch aus, um den Gruppenzusammenhalt zu stärken. Wenn die Gruppe dann noch behauptet, im politischen System steckten alle unter einer Decke, die ignorieren uns sowieso, dann kann sie ihren Anhängern eher Gewalt als ein legitimes Mittel verkaufen.

Seit der Flüchtlingskrise hat auch die Verschwörungstheorie der „Umvolkung“ viele Anhänger gefunden.

Nocun: Diese Verschwörungserzählung ist gerade im rechtsextremen Milieu verbreitet. Sie behauptet, es gebe eine (oft jüdische) Weltverschwörung und Angela Merkel und die EU wären Teil davon. Der globale Plan sei es, die „weiße Rasse“ auszurotten. Das ist natürlich vollkommen lächerlich. Trotzdem äußern einzelne Politiker der AfD Anspielungen auf diese Verschwörungserzählung in Bundestagsreden. Da verschiebt sich etwas. Wer derart radikale Verschwörungserzählungen verbreitet, der hat sich von einer rationalen Diskussion über Migration verabschiedet. Der geht von Annahmen aus, die überhaupt nicht der Realität entsprechen und die geeignet sind, Menschen aufzuhetzen. Das trifft gerade auf die Verschwörungserzählung der Umvolkung zu. Wir wissen, dass viele rechtsextreme Attentäter der letzten Jahre an sie geglaubt und damit ihre Taten gerechtfertigt haben. Es ist also nicht aus der Luft gegriffen, zu sagen: Verschwörungserzählungen sind ein Radikalisierungsbeschleuniger.

Könnte so etwas ähnliches jetzt wieder passieren? Dass Menschen, die erst einmal nur auf eine Demo gehen, weil sie sich über die Maßnahmen ärgern, sich radikalisieren?

Nocun: Die Demonstrationen sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Da kommen sehr unterschiedliche Leute zusammen. Problematisch ist aber, wenn sich Veranstalter nicht von rechtsextremen Gruppen und Verschwörungsideologien abgrenzen. Dann besteht die Gefahr, dass arglose Menschen für etwas vereinnahmt werden, was sie überhaupt nicht teilen. Ein anderes Problem ist aber schon, dass Menschen auf solchen Demos auch Anknüpfungspunkte an Verschwörungsideologien finden oder in rechtsextreme Gruppen reingezogen werden könnten. Diese Entwicklung ist nach der Pandemie auch nicht zu Ende. Wenn jemand dann der Meinung ist: Alle Medien lügen, dann wird er auch keinem Faktencheck zu anderen Themen mehr glauben. Die Menschen werden sozusagen in eine eigene Welt gesogen. Viele verlieren den Kontakt zu den Angehörigen. Dabei sind die Angehörigen oft diejenigen, die noch die größten Chancen hätten, sie wieder rauszuziehen.

Was können Freunde oder die Familie machen?

Nocun: Das Wichtigste ist erst einmal Geduld zu haben und nicht aufgeben. Im privaten Umfeld macht es Sinn, ins Zwiegespräch zu gehen. Sachlich, ruhig und respektvoll zu bleiben. Also den anderen nicht von oben herab belehren. Und man muss eine langfristige Strategie verfolgen. Ein Gespräch wird oft nicht reichen, um jemanden wieder herauszuziehen. Manchmal kann es auch helfen Fragen zu stellen: Woher hast du das? Ist die Quelle vertrauenswürdig? Hat die Quelle schon mal falsch gelegen? Was man auch auf jeden Fall machen sollte, ist zu fragen: Wie geht es dir? Wir wissen ja, dass das Gefühl von Kontrollverlust eine Rolle spielt. Manchmal hilft es, dass man fragt: Kann ich dir bei irgendeinem privaten Problem helfen? Wenn dieses Problem, das die Unsicherheit verursacht hat, beseitigt ist, dann ist vielleicht die Anziehungskraft einer Verschwörungserzählung nicht mehr so groß. Die menschliche Ebene ist manchmal eben wichtiger als der beste Faktencheck.

Katharina Nocun ist Publizistin, Politikwissenschaftlerin und Netzaktvistin. Zusammen mit der Psychologin Pia Lamberty hat sie das Buch "Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken beeinflussen" geschrieben.

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