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Niederlande

19.02.2018

Wer nicht widerspricht, wird Organspender

Die Deutschen stehen der Organspende mehrheitlich positiv gegenüber. Einen Ausweis haben aber vergleichsweise wenige.
Bild: Franziska Gabbert, dpa (Symbolbild)

Die Niederlande führt ein neues Gesetz ein, um die Zahl der Organtransplantationen zu erhöhen. Auch in Deutschland löst die sinkende Spendebereitschaft Diskussionen aus.

Die Niederlande leitet eine Wende in ihrer Organspendepolitik ein. Wer nicht mehr aktiv widerspricht, wird mit 18 Jahre automatisch als Spender registriert. Mit diesem neuen Gesetz reagiert das Land auf die stetig sinkende Bereitschaft seiner Bevölkerung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ein Problem, das auch hierzulande bekannt ist.

Zuletzt erreichte die Spenderanzahl in Deutschland einen neuen Tiefstwert von 9,7 Spendern pro eine Million Einwohner. Im Eurotransplant-Verbund (ET), der die Vergabe von Organen in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Österreich, Slowenien, Kroatien sowie Ungarn reguliert, wird man erst ab einem Wert von 10 als Land mit einem effektiven Organspendesystem angesehen.

Birgit Blome, Pressesprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), verweist darauf, dass Deutschland mit seinen 82 Millionen Einwohnern in absoluten Zahlen weitaus mehr Spender als andere ET-Länder hat und deshalb eine entscheidende Rolle spielt. Im Jahr 2016 seien allein aus der Bundesrepublik 444 Organe (15,5 Prozent) an andere Länder abgegeben worden.

Spitzenreiter Spanien setzt auf die Widerspruchslösung

Die Niederlande lag zuletzt bei 15 Spendern auf eine Millionen Einwohner. Bislang galt dort die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Das bedeutet, dass eine Person zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt haben muss. Hat sie es nicht, entscheiden die Angehörigen darüber. Fortan regelt das Land die Organspende nach der sogenannten Widerspruchslösung. Damit ist die Niederlande das 23. Land in Europa, das diese Regelung einführen wird. Mit rund 47 Spendern auf eine Million Einwohner ist Spanien europaweit Spitzenreiter – mit einer Widerspruchsregelung.

Ob es Auswirkungen auf die Anzahl der Spender in den Niederlanden geben wird, bleibt abzuwarten. Das Gesetz tritt 2020 in Kraft. Axel Rahmel, Vorsitzender der DSO, sagt, dass die Widerspruchslösung ohnehin nicht das Allheilmittel gegen die bedrückende Situation der Organspende in Deutschland sei.

Personalmangel und keine klaren Regelungen führen zu sinkenden Spenderzahlen

Die DSO beobachtet die bundesweite Entwicklung seit Langem. Gemeinsam mit Krankenhäusern, in denen Organe entnommen werden, veranlasste die Stiftung umfangreiche Analysen. Herausgekommen ist, dass bei Beratungen am Lebensende, nicht immer die Organspende in Betracht gezogen werde. Schuld sei zum einen die hohe Arbeitsbelastung auf Intensivstationen. Zum anderen enthalten Patientenverfügungen häufig keine klaren Regelungen, wenn es um die Organspende geht. Rahmel fordert deshalb, die Transplantationsbeauftragten der bundesweit 1250 betroffenen Kliniken zu unterstützen – mit Weiterbildung und Arbeitsentlastungen. Sollte man hierzulande die Widerspruchlösung einführen, so Rahmel weiter, wäre dies ein "Zeichen für die Selbstverständlichkeit und die Wertschätzung der Organspende".

Im Jahr 1997 verabschiedeten deutsche Politiker das Transplantationsgesetz, das die Organspende nach der erweiterten Zustimmungslösung regelte. 2012 wurde die Regelung durch die Entscheidungslösung ersetzt. Diese unterscheidet sich von seinem Vorgänger insofern, als das Krankenkassen verpflichtet wurden, ihre Mitglieder alle zwei Jahre über die Organspende zu informieren.

"Einige Menschen brauchen einen Schubser"

Angesichts von etwa 10.000 Menschen, die derzeit deutschlandweit auf ein Spenderorgan warten, ist eine etwaige Gesetzesänderung immer wieder Gegenstand der Debatte. Angela Ipach vom Verein "Junge Helden", die es sich zur Aufgabe gemacht haben, junge Menschen über Organspende zu informieren, spricht sich für die Widerspruchslösung aus. "Man muss sich nach fünf Jahren fragen, ob die Änderung zur Entscheidungslösung ausreicht", sagt Ipach. Es könne nicht sein, dass zwar die Mehrheit der Bevölkerung die Organspende positiv sehe, letztlich aber so viel Potenzial verloren gehe. Mit der Widerspruchslösung sei eine Spende weiterhin freiwillig. "Einige Menschen brauchen einen Schubser."

Jüngst sprach sich auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der Nordwest-Zeitung für die Widerspruchslösung aus. "Wer nicht spenden will, muss vorher ,Nein’ sagen." Weiter sagte er: Wenn das Gesetz effektiv sein solle, müsse ein Spenderregister eingeführt werden.

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