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Wirecard-Skandal
29.01.2021

Das Wirecard-Versagen der Staatsanwaltschaft München

Die Financial Times warnte vor dem Geschäftsmodell des Unternehmens. Die Behörden erstatteten Anzeige gegen der Verfasser statt Ermittlungen gegen Wirecard aufzunehmen.
Foto: Peter Kneffel, dpa

Die Ermittler ließen erstklassige Hinweise liegen und trugen so dazu bei, dass Anleger dem Skandalunternehmen Wirecard noch Jahre auf dem Leim gingen.

Er ist der erste Zeuge in einem der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Er deckte das Netz von Briefkastenfirmen auf, mit dem Wirecard Geld wusch. Er wies auf den Bilanzbetrug bei Tochterfirmen in Asien hin. Er beschrieb als erster das dubiose Geschäft mit der Zahlungsabwicklung bei Online-Glücksspielen. Er stieß bei Staatsanwaltschaft und der deutschen Finanzaufsicht auf taube Ohren. Wäre Matthew Earl geglaubt worden, hätten Groß- und Kleinanleger nicht Milliarden in Wirecard versenkt.

Wirecard-Skandal: Deutsche Behörden glaubten dem britischen Finanzinvestor nicht

Doch Matthew Earl wurde nicht geglaubt. Im Gegenteil, die Staatsanwaltschaft München ging gegen den Briten vor. Was er am Freitag im Untersuchungsausschuss des Bundestages über die Machenschaften des Pleitekonzerns berichtet, ist ein erschreckender Einblick in die Finanzwelt und das Versagen des Staates.

Earl ist Finanzinvestor und verdient sein Geld mit Wetten gegen Unternehmen. Er verdient, wenn der Kurs an der Börse fällt. Solche Leute haben seit der Finanzkrise keinen guten Ruf mehr. Earl wettete auch gegen Wirecard, einen kommenden deutschen Börsenstar. Deshalb schaute er sich das Unternehmen an, um Schwachstellen zu finden. Er wurde fündig, „in öffentlichen Quellen“, wie er sagt. Dann schrieb der Börsenprofi alles zusammen in einem Bericht, den er im Februar 2016 anonym veröffentlichte. Der Zatarra-Report schlug hohe Wellen in den internationalen Finanzkreisen. Auch in Deutschland. Doch hierzulande führte das nicht zu Ermittlungen gegen Wirecard, sondern gegen den Autor des Berichts. Sie endeten damit, dass er 35.000 Euro an die Tafel spendete, damit das Verfahren eingestellt wird.

Earl versuchte dennoch, die deutschen Behörden zum Jagen zu tragen. Er rief wenige Monate nach dem Zatarra-Bericht anonym bei der Informanten-Hotline der deutschen Finanzaufsicht an, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Dort, so erzählt der aus London zugeschaltete Earl im Untersuchungsausschuss, würgt der Beamte das Gespräch nach dem Stichwort Wirecard ab. „Ich spreche nicht gut Englisch“, erinnert der Zeuge die Begründung des Bafin-Mitarbeiters.

Kritik an Wirecard: Die Bafin erstattete Anzeige gegen den Journalisten

Das fragwürdige Unternehmen aus Aschheim bei München kann also weiter sein Wachstums-Märchen verkaufen, das vor allem in Deutschland geglaubt wird. Von Anlegern aber auch den Mächtigen in der Politik. Das Motto: Wir Deutschen können nicht nur Autos bauen, sondern wir beherrschen endlich auch das Geschäft im und mit dem Internet. Dass sich die Bafin-Aufseher Wirecard nicht vornehmen, wirkt am Finanzmarkt entlastend. Dem Unternehmen hat das „einen Glaubwürdigkeitsschub“ verliehen, sagt Earl.

Der Staat erhält noch eine zweite Chance, Wirecard das Handwerk zu legen. Anfang 2019 berichtet die britische Financial Times über schwere Unregelmäßigkeiten und ein fadenscheiniges Geschäftsmodell. Die Deutschen reagieren erneut wie bei Matthew Earl. Nicht etwa dem Konzern wird zugesetzt, sondern dem Journalisten der Zeitung. Die Wagenburg schließt sich. Die Bafin erstattet Anzeige gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft München 1.

Das ist die Behörde, die zuvor gegen Matthew Earl ermittelt hatte. Doch dieses Mal suchen die Staatsanwälte immerhin das Gespräch mit dem britischen Investor. Mitte Juni 2019 reist er nach München und präsentiert den Ermittlern seine Erkenntnisse auf 40 bis 50 Folien. Die Atmosphäre war frostig, erinnert sich Earl. „Du meine Güte, das ist ein Dax-30-Unternehmen“, ruft Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl in seiner Erinnerung aus. Danach passierte nichts. „Es gab so viele Möglichkeiten zu ermitteln, es gab zahllose Gründen für Ermittlungen“, sagt Earl den staunenden Abgeordneten.

Earl: Die Staatsanwaltschaft hätte früher gegen Wirecard ermitteln müssen

Der Ausschuss hat es so gelegt, dass nach dem Zeugen aus London die zuständige Oberstaatsanwältin befragt wird. Bäumler-Hösl geht ab dem Sommer 2020 hart gegen die Wirecard-Chefs vor. Sie wirft ihnen bandenmäßigen Betrug, Marktmanipulation und Untreue vor. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun sitzt in Augsburg in U-Haft.  Für die Oberstaatsanwältin hat Braun „innerhalb der Bande als Kontroll- und Steuerungsinstanz“ fungiert. Ein Jahr hat Bäumler-Hösl dafür gebraucht. In dieser Zeit springen noch viele Kleinanleger auf den Wirecard-Zug auf und verbrennen damit ihre Ersparnisse. „Wir hatten Wirecard die ganze Zeit auf dem Radar“, wehrt sich die renommierte Ermittlerin gegen den Vorwurf der Zögerlichkeit. Außerdem seien die von Earl beschriebenen Fälle verjährt gewesen. „Wir können nur einsteigen, wenn wir eine Straftat auch verfolgen können“. Die Tatorte seien nicht in Deutschland gelegen und die Verdächtigen keine deutschen Staatsbürger. Markus Braun und sein Compagnon Jan Marsalek sind Österreicher.

Matthew Earl kann das zuwartende Vorgehen der Staatsanwaltschaft nicht verstehen. „Im Juni 2019 hätte die Staatsanwaltschaft sofort ermitteln müssen“, meint er. Weder Bafin, Finanzministerium noch Staatsanwaltschaft haben sich bislang bei ihm entschuldigt. Das tut stellvertretend für den deutschen Staat der Vize-Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Hans Michelbach (CSU). „Wir sind sehr erschrocken darüber, dass sich weder die Bafin noch das Bundesfinanzministerium bei Ihnen entschuldigt haben“, ruft Michelbach dem ersten Zeugen im Wirecard-Sumpf zu. Für Earl ist es eine Genugtuung. Er hat harte Jahre hinter sich, denn er wurde beschattet, sein Telefon wurde abgehört, sein E-Mail-Postfach gehackt. Vieles deutet darauf hin, dass Wirecard dahinter steckte. 

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