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Japan

11.05.2011

Zwei Monate danach

In Japan sind erstmals Bewohner in die Sperrzone um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima zurückgekehrt. Im Dorf Kawauchi durften knapp 100 von der Regierung mit Schutzanzügen, Atemmasken und Messgeräten ausgerüstete Menschen in ihren Häusern persönliche Gegenstände bergen.
Bild: Foto: afp

In der Sperrzone rund um Fukushima dürfen Bewohner erstmals wieder ihre Häuser betreten. Die Regierung kündigt derweil einen Kurswechsel in der Energiepolitik an

Augsburg Alles, was die Regierung ihnen zustand, waren zwei Stunden und eine 70 mal 70 Zentimeter große Plastiktüte. Nicht viel, aber immerhin genug, um das Wichtigste zu bergen: Geld, Unterlagen, Erinnerungsstücke. Es war das erste Mal seit dem Atomunglück in Japan, dass knapp 100 Bewohner in ihre Häuser in der 20-Kilometer-Sperrzone rund um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima zurückkehren durften. Nachdem sie Schutzanzüge und Messgeräte abgelegt hatten, ging es für die Menschen mit dem Bus zurück in die Notunterkünfte – zurück zu den anderen 120000 Menschen, die in Japan seit dem Beben am 11. März ohne Heim und oft auch ohne Perspektive sind.

Es ist nicht die einzige Zahl, die betroffen macht. Zwei Monate nach der Naturkatastrophe werden in Japan noch immer rund 9900 Menschen vermisst. Rund 15000 sind tot, knapp 84000 Gebäude zerstört. Und noch immer ist die Lage in der Atomruine Fukushima alles andere als entspannt. Immerhin: Bei den Reparaturarbeiten gibt es kleine Erfolge zu verzeichnen.

So war es vergangene Woche Arbeitern erstmals seit dem Atomunglück möglich gewesen, Reaktor 1 der Anlage zu betreten, um ein Belüftungssystem zu installieren. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz wurde für die Reaktorblöcke 1 bis 3 mittlerweile eine provisorische Wasserversorgung zur Kühlung mit Pumpen, die an die externe Stromversorgung angeschlossen sind, eingerichtet. Gleichzeitig wird versucht, die Lagerbecken für Brennelemente in den zerstörten Reaktorgebäuden 1, 3 und 4 wieder aufzufüllen. Allerdings werden die Arbeiten durch die hohe Strahlenbelastung vor Ort und stark kontaminierte Flüssigkeiten, die sich in den Gebäuden angesammelt haben, erschwert. Außerhalb der Reaktoren werden spezielle Harze auf dem Kraftwerksgelände versprüht. Damit soll radioaktiver Staub gebunden werden. Mithilfe von ferngesteuerten Maschinen haben Arbeiter zudem damit begonnen, Schutt und Trümmer aus den beschädigten Reaktorgebäuden zu räumen.

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„Die Lage scheint derzeit stabil zu sein“, sagt Hans-Josef Allelein, Lehrstuhlinhaber für Reaktorsicherheit und -technik an der Technischen Hochschule Aachen, im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings dürfte man nicht außer Acht lassen, dass es sich bislang um improvisierte Hilfsmaßnahmen handle. Ein größeres Erdbeben könne die ganze Situation wieder verschärfen, warnt Allelein. Bislang sei der überwiegende Anteil der Strahlung in den Anlagen geblieben. Da zu Beginn der Katastrophe zudem günstiger Westwind geherrscht hatte, sei die Strahlenbelastung im Inland insgesamt weniger stark, als man anfangs befürchten musste. „Außerhalb der Sperrzone herrschen Strahlenwerte vergleichbar mit denen in Bayern nach Tschernobyl. Die gesundheitliche Belastung für Menschen und Tiere hält sich dort in Grenzen“, so Allelein.

Derweil zieht das Atomunglück in Japan erste politische Konsequenzen nach sich: Ministerpräsident Naoto Kan erklärte am Dienstag, die japanische Regierung werde von ihrer bisherigen Energiepolitik abweichen. Der Plan, den Anteil der Atomenergie bis 2030 von bisher rund 30 Prozent auf 50 Prozent aufzustocken, wird aufgegeben. Neben Atomstrom und den Ölimporten sollen künftig erneuerbare Energien die dritte Säule der Energiepolitik werden, sagte Kan.

Tepco beantragt Staatshilfen bei der japanischen Regierung

Gleichzeitig hat am Dienstag der Fukushima-Betreiber Tepco ein Gesuch um Staatshilfen bei der japanischen Regierung eingereicht. Als Begründung gibt der Konzern an, er befinde sich in einer „extrem schwierigen Situation“ bei der Beschaffung von Finanzmitteln. Nach der Abschaltung der Atomreaktoren muss Tepco in großem Stil Erdöl für seine anderen Elektrizitätswerke zukaufen. Zudem stehen dem Konzern hohe Entschädigungsforderungen ins Haus. Analysten hatten diese auf insgesamt etwa zehn Billionen Yen (86 Milliarden Euro) geschätzt.

Tepco selbst wolle Umstrukturierungen vornehmen, um für die Schäden des Atomunfalls aufzukommen, sagte Firmenchef Masataka Shimizu. Die acht ranghöchsten Chefs des Stromkonzerns würden vorerst auf sämtliche Bezüge verzichten. (mit dpa)

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