21, 22, 23 … die Zahlen ab 20 bis 100 werden an diesem Tag zu meinem Mantra, das ich in Gedanken immer wieder aufsage. Schon beim ersten richtigen Anstieg überschlägt sich mein Atem, ich bekomme keine Luft mehr und muss immer wieder kurz stehen bleiben. Ausgerechnet! Dabei wollte ich nicht schon am Anfang der mehrtägigen Wanderung schlapp machen. Bergführer Thomas Köhler, die anderen Mitglieder meiner Reisegruppe und ich müssen schließlich auf unserem Weg von Villach in Österreich nach Šmartno in Slowenien noch viele Höhenmeter zurücklegen. Es wird ein Wechselbad der Gefühle – anstrengend und beeindruckend zugleich.
Gleich am Anfang eine schwere Etappe des Alpe-Adria-Trails
Ich soll es doch mal mit den Stöcken versuchen. Die Stimme von Bergführer Thomas ist beruhigend und motivierend. Obwohl ich skeptisch bin, probiere ich es aus. 21, 22, 23 … zähle ich im Rhythmus zu den Stockeinsätzen und komme so immer besser in Schwung. Plötzlich kann ich meinen Atem kontrollieren und genieße die Aussicht, einerseits weit in die Kärntner Seenlandschaft hinein. Andererseits türmen sich die Julischen Alpen vor uns auf. Fünf der insgesamt 43 Etappen auf dem Alpe-Adria-Trail wollen meine Mitstreiter und ich zurücklegen. Die Erste, die uns von der Baumgärtnerhöhe hoch über dem Faaker See bis nach Kranjska Gora führt, wird im Tourenguide als schwer definiert, 1100 Höhenmeter Auf- und Abstieg und 17,2 Kilometer müssen zurückgelegt werden. Dank Thomas, der bei dieser Wanderung für die Alpinschule Oberstdorf im Einsatz ist, schaffe auch ich die Wanderung über die Karawanken. Der Weg führt teils an einem alten Grenzpfad entlang, Grenzsteine und Schilder in Deutsch und Slowenisch sind Zeugnisse dieses Grenzgebirges. Stellenweise hören wir röhrende Hirsche, mehr Naturerlebnis geht nicht.
„Wir gehen entspannt. Ich versuche immer, dass alle am Ende der mehrtägigen Tour ankommen“, erklärt Bergführer Thomas. Manchmal hilft dafür auch eine kleine Abkürzung. Denn die eigentliche Etappe wäre 21,6 Kilometer lang. Doch die letzten Kilometer, der lange Marsch auf Asphalt, der Wanderer nach einer ohnehin schon anstrengenden Bergetappe ermüdet, bleiben uns an diesem Tag erspart und wir werden von einem Kleinbus abgeholt. Unsere Weitwanderung „Slowenien – das Land der Soča“ beinhaltet Gepäcktransport, das heißt, unser Gepäck wird ans nächste Ziel gefahren, wir müssen jeweils nur einen Tagesrucksack tragen. Der Abend ist kurz, die Nacht schlecht. Meine Gedanken drehen sich um die bewältigte und bevorstehende Wanderung, die Muskeln schmerzen.
Der Vršičpass ist der höchste Gebirgspass der Julischen Alpen
Doch früh am Morgen geht es weiter auf die nächste Etappe. Die vielen Eindrücke tragen mich, Stockeinsatz für Stockeinsatz, über den höchsten Gebirgspass der Julischen Alpen, den Vršičpass. 17 Kilometer, 760 Höhenmeter Aufstieg, 1108 Meter Abstieg müssen bewältigt werden. Wir starten an einer russischen Kapelle, die russische Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg erbauten. Sie erinnert an eine Lawinentragödie aus dem Jahr 1916, bei der hunderte Kriegsgefangene und Soldaten getötet wurden. Über den Eselspfad geht es hinauf, ein inzwischen schmaler Pfad, der zwischen 1915 und 1917 von der österreichisch-ungarischen Armee als strategische Militärstraße genutzt wurde. Heute ist der Weg begrünt und an manchen Stellen schon sehr zugewachsen und nur noch so breit wie ein schmaler Trampelpfad. Schöne Ausblicke versüßen mir die Anstrengung, mehrere Minuten hält die Gruppe, bis jeder ein berühmtes Felsgesicht, das „Heidnische Mädchen“, an einer steilen Felswand entdeckt hat – Extra-Pausen sind mir immer willkommen.
Slowenien ist ein gefragtes Reiseziel – Schätzungen zufolge macht der Tourismus inzwischen rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Alpinschule Oberstdorf hat die Soča Tour „erstmalig 2015 ins Programm aufgenommen“, berichtet Geschäftsführer Jeremias Linke, also kurze Zeit nach der Einführung des Alpe-Adria-Trails. Der Langstreckenwanderweg führt seit dem Jahr 2012 in 43 Etappen vom Großglockner bis zur Adria und verbindet so drei Länder miteinander – Österreich, Slowenien und Italien. Das Ziel vieler Reisender ist die Soča, deren Quelle wir während unserer zweiten Etappe erreichen.
Die Quelle der Soča ist über einen Klettersteig erreichbar
„An der Quelle haben wir in ein tiefes, dunkles Loch im Felsen geblickt. Ganz weit unten konnte man Wasser erkennen“, erzählt Babsi. Sie ist gemeinsam mit Antonia, Tanja, Ralf, Michael und natürlich unserem Bergführer Thomas zur Karstquelle der Soča geklettert. Der Weg führt über einen Klettersteig. Ich warte lieber ein Stück unterhalb der Quelle auf meine Gruppe. Dort donnert einer der bekanntesten Flüsse Sloweniens bereits temperamentvoll die schmale Schlucht hinab. Kurze Zeit später donnert es auch andernorts über dem Triglav-Nationalpark, durch den wir wandern. Starker Regen begleitet uns den Rest des Tages. Aufgrund einer Packliste, die jeder Teilnehmer vor der Tour erhalten hat, sind wir dafür gerüstet. Regenjacke, Regenhose und Regenschirm werden erst einmal zu unseren Begleitern.
Auch am nächsten Tag, als wir die Soča 21 Kilometer auf ihrem Weg von Trenta nach Bovec begleiten. Am Morgen hängen die Wolken tief im Tal. Die Schönheit des wilden Flusses, der kraftstrotzend seinen Weg durch das Flussbett bahnt, kann das Wetter aber nicht trüben. Spektakulär sind die Aussichten auf den Flussverlauf – selbst in dem trüben Licht funkelt das Wasser von smaragdgrün bis türkisblau. Als zwischendurch die Wolkendecke aufreißt, intensivieren sich die Farben zunehmend. Vergleichsweise wenige Höhenmeter müssen auf der Tour zurückgelegt werden. Doch auch die ausgespülten und nassen Wege am Flussbett, wo es über Baumwurzeln und Steine geht, haben es in sich. Schon seit einigen Tagen frage ich mich, wie ich jemals ohne Stöcke wandern gehen konnte.
Der Fluss nimmt uns in seinen Bann. Wir beobachten sein wildes Wasser vom Ufer und von Hängebrücken aus, passieren Schluchten und entdecken dank unseres Bergführers die Soča-Forelle und einige Vögel. Mit der Zeit verliert der Fluss etwas an Temperament und Schnelligkeit der ersten Kilometer, und wir sehen die ersten Kajakfahrer. Die Gegend ist ein Mekka für Wildwasserfahrten. Nicht für uns, wir freuen uns wie jeden Abend auf die heiße Dusche. Beim Abendessen blickt Thomas stets auf die Etappe zurück und bereitet uns auf die nächste Tour vor. Auf der Karte sehen wir die längste Wanderung vor uns liegen.
Die Soča ist inzwischen zu einem breiten Strom herangewachsen
Einige Höhenmeter sind auch auf dieser Wanderung im Auf- und Abstieg zu bewältigen. Belohnt werden wir mit einer Pause auf einer malerischen Alm mit schönen Ausblicken. Den spektakulärsten Ausblick bekommen wir aber am Nachmittag zu sehen, als wir eine Rast einlegen und ins nächste Tal hinunterblicken können. Dort sehen wir die Soča, die zu einem breiten Strom angewachsen ist. In der Ferne entdecken wir die kleine Stadt, die unser Ziel ist: Tolmin. Wehmut kommt auf, die letzte Etappe in Bergen wird bald enden. Dann erwartet uns nur noch eine Hügellandschaft.
Worauf es dem Bergführer bei einer solchen Tour ankommt
Ein Kleinbus fährt uns am nächsten Tag über den südlichen Alpenkamm – in der Ferne sieht man bereits das Wasser der Adria aufblitzen. Wir überspringen drei Etappen und werden kurz vor der italienischen Grenze abgesetzt. Von hier aus geht es durch die hügelige Landschaft Brda, in der Wein angebaut wird, in das mittelalterliche Dorf Šmartno. Während die anderen ihre Stöcke schon wieder an ihren Rucksäcken befestigt haben, behalte ich meinen Rhythmus bei. Zählen muss ich schon lange nicht mehr, aber der Stockeinsatz hält mich in Schwung. Über 80 Kilometer, 3000 Höhenmeter rauf und 4000 runter, hat unsere Gruppe am Ende an den fünf Wandertagen gemeinsam zurückgelegt.
Bergführer Thomas Köhler kommt es aber auf etwas ganz anderes an: „Man muss es nehmen, wie es kommt. Das Wetter, die Umstände, die Anstrengung. Wenn sich die Gruppe gegenseitig hilft und nach vorn schiebt, dann ist das für mich das eigentliche Erlebnis“.
Tipps für eine Wanderreise in Slowenien
Anreise: Villach ist bequem mit der Bahn erreichbar. Als Fahrzeit muss man fünf bis sechs Stunden einplanen.
Tour: Die Alpinschule Oberstdorf bietet die Tour „Slowenien – das Land der Soča“ an. Die siebentägige Reise kostet inklusive sechs Übernachtungen im geteilten Doppelzimmer in Pensionen und Gasthöfen, Halbpension, einem Bergführer, Transfers und unter anderem Gepäcktransport 1695 Euro. Einzelzimmer kosten Aufschlag. Die Tour wird viermal jährlich angeboten. Die Tour fällt in der Kategorisierung der Alpinschule im Bereich Technik unter „Leicht“ und im Bereich Ausdauer unter „Mittel“, die die Etappen rund sieben Stunden reine Gehzeit und bis zu 1200 Höhenmeter im Auf- und Abstieg mit sich bringen.
Alpe-Adria-Trail: Der Weitwanderweg vom Fuße des Großglockners bis zur Adria nach Muggia wurde von drei Partnern entwickelt und umgesetzt: Österreich (Kärnten Werbung), Slowenien (Slowenien Tourismus) und Italien (Friaul-Julisch-Venetien Tourismus). Weitere Informationen unter der Internetadresse www.alpe-adria-trail.com.
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