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Landkreis Augsburg

21.10.2020

Der Traum vom eigenen Haus: Wenn bei der Bauplatzvergabe Tränen fließen

Um Grundstücke möglichst fair zu vergeben, erarbeiten die Kommunen im Landkreis unterschiedliche Vergaberichtlinien. In Bobingen kamen für das Baugebiet an der Herbststraße gleich drei verschiedene Modelle zum Einsatz.
Bild: Marcus Merk

Plus Einheimischenmodell, Losverfahren, Versteigerung: Die Gemeinden im Landkreis entscheiden, wie sie freie Baugrundstücke vergeben. Warum das nicht immer einfach ist.

Wird ein Baugebiet im Landkreis ausgewiesen, übersteigt die Nachfrage das Angebot meist um ein Vielfaches. Vergabemodelle sollen regeln, wer ein Grundstück bekommt und wer leer ausgeht. Doch die Kommunen stellt das immer wieder vor Probleme.

„Wir haben im Gemeinderat lange diskutiert, bis wir ein Modell entwickelt hatten, das wir für gut befinden“, sagt Untermeitingens Bürgermeister Simon Schropp. Denn die Vergabe sollte transparent sein und am besten allen Bewerbern gerecht werden – fast unmöglich, wie Schropp inzwischen weiß.

Gemeinden müssen Vergabekriterien immer wieder anpassen

Aktuell hat die Gemeinde keine Bauplätze zu vergeben, die letzten Grundstücke wurden vor eineinhalb Jahren veräußert. Doch das Punktesystem, das dabei zum Einsatz kam, musste über Jahre hinweg immer wieder angepasst werden.

Anfangs profitierten Bewerber, wenn sie Kinder hatten oder sich im Verein engagierten. Wer eine Eigentumswohnung besaß, bekam Punktabzug. „Da sind plötzlich Leute in die Feuerwehr eingetreten oder haben ihre Wohnung verkauft, um ihre Chance auf einen Bauplatz zu erhöhen“, sagt Schropp. Bei der Gemeinde gingen Hochglanzbewerbungen ein, in denen sich Familien präsentierten. 20 Jahre alte Kinder wurden als Käufer vorgeschoben, teils kamen Bewerber mehrmals zum Zug.

„Oft haben wir solche Lücken erst im Nachhinein erkannt“, sagt Schropp. Entsprechend wurden die Kriterien immer wieder verändert. Auch an einem Losverfahren hat sich die Gemeinde schon versucht. „Das haben wir nur einmal gemacht. Da sind Leute mit Tränen in den Augen aus dem den Sitzungssaal gegangen“, sagt Schropp. Als Bürgermeister kenne er die Menschen, deren Traum vom Eigenheim da platzt. Es gebe kaum ein Thema, dass ihm selbst so nahe geht.

„Der Druck auf die Gemeinden bei so einem Vergabeverfahren ist enorm“, sagt Schropp. Denn trotz aller bemühten Gerechtigkeit ist er sich bewusst: „Das ist klare Zielgruppenpolitik. Aber als Gemeinde müssen wir festlegen, was wir wollen und die Vergabe steuern.“ Keine leichte Aufgabe, wie er als Gemeindetagschef auch von Kollegen immer wieder erfährt.

Stadtbergens Bürgermeister wünscht sich Erbbaupacht

Auch in Stadtbergen standen schon mehrere Vergabeverfahren zur Debatte. Selbst die Versteigerung von zehn Grundstücken fassten die Stadträte vor einigen Jahren ins Auge. „Wir haben damals lange diskutiert“, erinnert sich Bürgermeister Paul Metz. Das Konzept sei genau durchdacht gewesen. Die Idee: Die Stadt gibt ein Erstgebot ab und Grundstücksinteressenten reichen dann per Brief ihre Höchstgebote ein.

Doch am Ende entschied sich der Stadtrat dagegen – zu viele offene Fragen, zu ungerecht für diejenigen, die bei den horrenden Preisen nicht mehr mithalten können. „Die Bauplätze wurden dann über ein Einheimischenmodell für rund 500 Euro pro Quadratmeter vergeben“, sagt Metz.

Stadtbergen ist das teuerste Pflaster im Landkreis

Zwar hat die Stadt derzeit keine neuen Grundstücke in Aussicht. Doch schon jetzt würde Metz eines anders machen: „Sollten wir wieder Bauland ausweisen, würde ich das nur noch über die Erbbaupacht machen.“ Dabei pachtet ein Häuslebauer ein Grundstück für Jahrzehnte. Er selbst kann langfristig planen, die Fläche aber nicht veräußern. Sie bleibt im Eigentum der Stadt. Nur so können Metz zufolge städtische Grundstücke für künftige Generationen gesichert werden.

Grund für die Überlegung ist dem Bürgermeister zufolge, dass von den 40 Grundstücken, die zuletzt veräußert wurden, bereits zwei wieder am freien Markt verkauft wurden. „Das ist zwar nicht viel, aber es widerspricht der Idee, dass Bauland zunächst an Einheimische gehen sollte“, sagt Metz. Stadtbergen verfüge über wenig eigene Flächen, die Grundstückspreise seien utopisch. Wie die Bodenrichtwerte zeigen, ist die Stadt mit rund 600 Euro pro Quadratmeter seit Jahren das teuerste Pflaster im Landkreis.

Nur sechs von 46 Gemeinden haben freie Bauplätze

In anderen Gemeinden mögen die Preise nicht ganz so hoch liegen, doch auch dort ist der Platz knapp. Nur sechs der 46 Gemeinden im Landkreis verfügen momentan über Bauland. Dazu gehören Dinkelscherben, Langenneufnach, Walkertshofen, Thierhaupten, Langerringen und Bobingen - die Stadt nutzt bei der aktuellen Vergabe der 30 Bauplätze an der Wertachstraße gleich drei verschiedene Verfahren. „Das hat sich schon beim Baugebiet an der Herbststraße bewährt“, sagt Bobingens Bürgermeister Klaus Förster. Demnach wird die Hälfte der freien Flächen über ein Punktesystem vergeben. Davon sollen beispielsweise Bauwerber profitieren, die in Bobingen wohnen oder arbeiten. Auch die familiäre Situation wie etwa die Zahl der Kinder wird berücksichtigt.

Weitere 30 Prozent, also neun Grundstücke, verlost die Gemeinde. Seit vergangener Woche können sich Häuslebauer bewerben. „So haben auch Bewerber eine Chance, die im Punktesystem nicht so gut abschneiden“, erklärt Förster. In einer Aufsichtsratsitzung der Grundstücks- und Wohnungsbau GmbH, die für die Baulandentwicklung in der Stadt zuständig ist, wird am Ende der Bewerbungsfrist für jedes Grundstück ein Los gezogen. Wer Glück hat, bekommt eine positive Nachricht von der Gemeinde.

Die restlichen vier Bauplätze gehen an Bewerber, die schlicht den höchsten Preis bieten. Damit könne die Stadt ihre Steuerkraft stärken. „Wir wollen, dass das Neubaugebiet durchmischt ist und ein Abbild der Gesellschaft darstellt“, sagt Förstert. Eine Vergabe sei immer mit Enttäuschungen verbunden. Denn egal, welches Verfahren angewandt wird, nicht jeder kommt zum Zug. „Wir haben viermal so viele Bewerber wie Grundstücke“, sagt Förster.

In Königsbrunn wird erstmals ein Einheimischenmodell angewendet

Ähnlich ist die Situation in Königsbrunn. Die genaue Zahl der Bauplätze im Südosten der Stadt steht noch nicht fest, doch schon jetzt sind mehr als 600 Bewerbungen bei der Stadt eingegangen. Bei der Vergabe kommt erstmals ein Einheimischenmodell zum Einsatz.

Bei dem Punktesystem spielt neben der finanziellen auch die familiäre Situation eine Rolle, beispielsweise ob Kinder oder pflegebedürftige Angehörige im Haushalt leben. Damit will die Stadt die Chancen für Königsbrunner erhöhen, an einen günstigeren Bauplatz zu kommen. Derzeit geht die Stadt von einem Quadratmeterpreis von rund 500 Euro aus.

Gersthofen hat neue Wohnareale im Blick

In Gersthofen hat sich das Einheimischenmodell bereits bewährt. Die letzten Bauplätze wurden dort vor einigen Jahren über ein ähnliches Punktesystem vergeben. Allerdings sagt Sprecherin Ann-Christin Joder: „ Die Stadt muss vorab entscheiden, wie sich ein Areal entwickeln soll und die Vergabekriterien immer wieder anpassen.“

Zwar verfüge Gersthofen aktuell über keine Bauplätze. Doch langfristig seien Projekte mit neuen Wohnarealen angedacht, bei denen es nicht nur darum gehe, die Altersstruktur zu berücksichtigen, sondern auch Mischformen zu entwickeln.

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