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Landkreis Augsburg

21.01.2021

Interview: Wen trifft die Corona-Krise im Kreis Augsburg am härtesten?

Sozial benachteiligte Menschen trifft die Corona-Krise besonders hart. Beratungsangebote sind eingeschränkt und Anlaufstellen wie die Lebensmitteltafeln waren zeitweise geschlossen.
Foto: Sven Hoppe, dpa (Symbolbild)

Plus Nicht alle Menschen sind im Kreis Augsburg gleich von Corona betroffen. Sozialpädagogin Bernadette Klopf erklärt, wie die Krise bestehende Probleme verschärft.

Als Beratungsstelle hilft der Besondere Soziale Dienst des Landkreises Augsburg Menschen in schwierigen Lebenslagen und Krisensituationen. Im Interview erklärt Sozialpädagogin Bernadette Klopf, wie die Corona-Pandemie ihre Arbeit verändert und mit welchen Problemen die Menschen zu ihr kommen.

Frau Klopf, wen trifft die Corona-Krise Ihrer Erfahrung nach am härtesten?

Klopf: Sozial benachteiligte Menschen leiden besonders unter der aktuellen Situation, denn sie hatten oft schon vorher mit schwierigen Lebensverhältnissen zu kämpfen. Ihre Lage hat sich verschärft, die Probleme häufen sich, die Sorgen werden existenzieller.

Corona: Mehr Menschen wenden sich an Beratungsstellen im Kreis Augsburg

Macht sich das in konkreten Zahlen bemerkbar?

Klopf: Im vergangenen Jahr haben sich 407 Menschen aus dem Landkreis an die Beratungsstelle gewandt. Ein Großteil lebt im städtischen Raum, aber wir erhalten auch immer mehr Anfragen aus ländlichen Kommunen. Und eines hat sich gezeigt: Die Häufigkeit, mit der sich Menschen an uns wenden, hat zugenommen. So stieg die Zahl der Kontakte pro Klient von neun auf elf im vergangenen Jahr.

Mit welchen Problemen wenden sich die Menschen vorwiegend an Sie?

Klopf: Häufig befinden sich die Menschen in einer akuten Krisensituation oder haben psychische Probleme. Wir leisten Hilfe im Umgang mit Ämtern und Behörden. Viele Klienten stecken in finanziellen Schwierigkeiten. Auch die Wohnungsnot ist ein Dauerthema. Wir erleben immer wieder, dass Frauen zu Hause Gewalt erfahren, ausziehen wollen, aber keine Wohnung finden.

Bringt die Corona-Pandemie neue Probleme mit sich?

Klopf: Sie bringt vor allem einen neuen Personenkreis hervor. Menschen, die vor einem Jahr einen Job hatten, sind jetzt in Kurzarbeit oder haben ihre Stelle verloren. Das trifft vor allem Bereiche wie die Gastronomie oder Soloselbstständige, die sich bis zur Krise mit einem Kleingewerbe über Wasser halten konnten. Diese Menschen müssen plötzlich zahlreiche Anträge stellen und wenden sich an uns. Denn viele Ämter haben den persönlichen Kontakt eingeschränkt, was es schwieriger macht. Bei Verzögerungen ist die Not schnell groß.

Es sind also mehr Menschen in finanzielle Schwierigkeiten geraten?

Klopf: Ich habe im vergangenen Jahr einige Anträge bei Stiftungen wie der Kartei der Not gestellt. Diese Möglichkeit nutzen wir, um Menschen mit wirklich großen finanziellen Problemen zu unterstützen und Überbrückungshilfen zu schaffen. Da kann schon das Geld für eine neue Waschmaschine eine Erleichterung sein, wenn das alte Gerät defekt ist und die finanzielle Situation eine Neuanschaffung nicht zulassen würde.

Corona im Kreis Augsburg: "Ungewissheit macht uns allen zu schaffen"

Die Krise vermittelt ein Gefühl der Unsicherheit. Spüren Sie das im täglichen Umgang mit Ihren Klienten?

Klopf: Die Ungewissheit macht uns allen zu schaffen, aber viele Menschen, die bei uns anrufen, sind kaum in das gesellschaftliche Leben eingebunden. Sie sind von den aktuellen Nachrichten verunsichert und fragen sich, was die 15-Kilometer-Regel konkret für sie bedeutet oder wie sie sich die teureren FFP2-Masken leisten sollen. Sie wenden sich an die Beratungsstelle, weil sie Redebedarf haben und ihre Sorgen loswerden wollen.

Das Thema Einsamkeit spielt also auch eine wichtige Rolle?

Klopf: Für manche Klienten sind wir die einzige Anlaufstelle. Normalerweise bieten wir Hausbesuche an, doch das ist nur noch eingeschränkt möglich. Auch andere Beratungsstellen mussten im Frühjahr schließen, wichtige Angebote fallen weg. Damit hat sich das Problem der Einsamkeit verschärft. Manchen Menschen mit einer psychischen Erkrankung fiel es schon vor der Krise schwer, soziale Kontakte zu halten. Wenn dann die Kaffeerunden, Gruppenangebote und Ausflüge des sozialpsychiatrischen Diensts ausbleiben, wird es noch schwieriger.

Hat sich Ihre Arbeit durch die Krise verändert?

Klopf: Wir mussten unsere gesamte Arbeitsweise umstellen und kreativ werden. Als aufsuchende Beratungsstelle sind wir bei den Menschen vor Ort, jetzt wird das meiste über Telefonate oder E-Mails geregelt. Das ist mühsam, klappt aber inzwischen ganz gut.

Der direkte Kontakt ist eingeschränkt. Verlieren Sie dadurch manche Menschen aus dem Blick?

Klopf: Im Frühjahr hatten wir manchmal das Gefühl, dass der ein oder andere Klient durch das Raster fällt. Aber wenn ich jetzt merke, dass ich bei einem Klienten telefonisch nicht mehr weiterkomme, ist unter Einhaltung der Hygieneregeln auch jetzt ein persönliches Gespräch möglich. Ich habe schon Beratungsgespräche in der Garage geführt, weil diese besser belüftet war, oder bin mit einem Klienten eine Runde um den Block spaziert.

Wie gehen Sie mit all den Problemen um, mit denen Sie täglich konfrontiert sind?

Klopf: Mit Mitleid ist den Menschen nicht geholfen, das habe ich über die Jahre gelernt. Die meisten sind dankbar, dass man zu ihnen kommt, zuhört und sie unterstützt. Und ich muss sagen: Trotz der vielen Probleme, die sie mit sich herumtragen, kämpfen sie weiter und tragen eine unheimliche Kraft in sich. Das finde ich bewundernswert.

Bernadette Klopf ist seit zehn Jahren als Sozialpädagogin tätig. Seit September 2019 arbeitet die 33-Jährige beim Besonderen Sozialen Dienst des Landkreises Augsburg.

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