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Graben/Gersthofen

12.08.2020

Nach Bluttat in Graben: 69-Jähriger bleibt in forensischer Klinik

Eine ruhige Wohngegend in Graben, solide Häuser in eingewachsenen Gärten. Doch hier geschah die Bluttat.
Bild: Marcus Merk

Plus Der mutmaßliche 69-jährige Täter ist in einer forensischen Klinik untergebracht. Wie der Alltag in dem Krankenhaus aussieht und was ihn von der Untersuchungshaft unterscheidet.

In der Klinik ist er untergebracht, weil er sich nach dem Verbrechen in Gersthofen das Leben nehmen wollte. Normalerweise wäre der Mann in Untersuchungshaft gekommen. Die unterscheidet sich deutlich von einer Unterbringung in der Klinik. Was dort auf den mutmaßlichen Täter zukommt.

Entsprechende Einrichtungen gibt es in Kaufbeuren und in Günzburg. Dort sind Menschen untergebracht, die wegen ihrer psychischen Erkrankung oder Intelligenzminderung mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. In den sogenannten Maßregelvollzug kommen sie, wenn sie nach Ansicht eines Gerichts eine Straftat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder der verminderten Schuldfähigkeit begangen haben.

Abgestimmter Therapieplan in der forensischen Klinik

Die sogenannte Forensik ist ein Bestandteil der psychiatrischen Versorgung. In Schwaben übernimmt diese Aufgabe der Bezirk. Wie der Alltag in der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Günzburg aussieht, beschreibt die Ärztliche Direktorin Prof. Dr. Manuela Dudeck. Der Tagesablauf sei geordnet – die Patienten werden um 7 Uhr geweckt. Den Tag füllt dann ein individuell abgestimmter Therapieplan. Sport, Arbeit oder auch Musik gehören dazu. Einmal in der Woche gibt es ein 50-minütiges Einzelgespräch, zwei- bis dreimal in der Woche eine Psychotherapie. Auch Schulunterricht wird angeboten. Manuela Dudeck fasst zusammen: „Der Tag ist vollgepackt.“

Je nach Therapieerfolg werden im Maßregelvollzug Lockerungsstufen festgelegt. „Die Maßregel ist im Grunde eine Erfolgsstory“, sagt Norbert Ormanns. Er ist der Ärztliche Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus in Kaufbeuren. „Unser Ziel ist es, jeden Patienten zu entlassen.“

Inhaftierte dürfen in der JVA Gablingen eigene Kleidung tragen

Der Tagesablauf eines Untersuchungsgefangenen in einer Justizvollzugsanstalt richtet sich nach den räumlichen und organisatorischen Verhältnissen vor Ort. „Untersuchungsgefangene dürfen ihren Haftraum in angemessenem Umfang mit eigenen Sachen ausstatten, soweit ihnen diese mit Zustimmung oder auf Vermittlung der Anstalt überlassen worden sind. Handys oder Laptops sind grundsätzlich nicht zugelassen“, erklärt die Leiterin der JVA in Gablingen, Zoraida Maldonado de Landauer.

Die Untersuchungsgefangenen dürfen eigene Kleidung und Wäsche tragen sowie eigenes Bettzeug benutzen, soweit sie auf eigene Kosten für Reinigung, Instandsetzung und regelmäßigen Wechsel sorgen. Auch eine eigene Verpflegung ist möglich: allerdings nur in angemessener Weise und auf eigene Kosten. Die Verpflegung darf dabei nur von Gastwirtschaften bezogen werden, die der Anstaltsleiter bestimmt. Erwachsene Untersuchungsgefangene sind – anders als Strafgefangene und junge Untersuchungsgefangene – übrigens nicht zur Arbeit verpflichtet.

Videokameras und Herzschlagdetektor zur Sicherheit

Das Gefängnis in Gablingen gehört zu den modernsten in Deutschland. Für 105 Millionen Euro baute der Freistaat vor Jahren einen Gebäudekomplex, der kaum technische Wünsche offen lässt: Über 200 Videokameras überwachen das Geschehen. Ein Herzschlagdetektor soll verhindern, dass blinde Passagiere sich einschmuggeln oder fliehen können. Zwischen der fast einen Kilometer langen und sechs Meter hohen Außenmauer und den ypsilonförmig angeordneten Zellentrakten gibt es auch keine Verbindung. Nicht einmal ein Sichtkontakt ist für die Häftlinge beim Blick aus dem vergitterten Fenster möglich.

Erst hat er in Graben seine Ex-Frau getötet, dann wollte ein 69-Jähriger in Gersthofen Selbstmord begehen. Zu einem großen Polizeieinsatz kam es deshalb in Gersthofen.
Bild: Marcus Merk

Apropos Fenster: In der Günzburger Klinik, wo es keine Gefangenen, sondern nur Patienten gibt, ist der Blick nach draußen frei. Bauliche Lösungen sorgen stattdessen für Sicherheit. Dazu kommen über 200 Kameras und ein diffiziles Schleusensystem. Der Sicherheitsstandard in der Günzburger Klinik sei mit dem eines Gefängnisses zu vergleichen, sagt die Ärztliche Direktorin Manuela Dudeck.

Ermittlungsrichter erlässt Antrag auf einstweilige Unterbringung

Damit der 69-jährige Mann in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht werden konnte, musste ein Ermittlungsrichter einen entsprechenden Antrag erlassen. Der Mann steht im Verdacht, vergangene Woche seine Ex-Frau in ihrer Wohnung in Graben getötet haben. Anschließend setzte er sich ins Auto und fuhr nach Gersthofen. Dort wollte er sich in einem Hotel mit einem Messer das Leben nehmen. Ein Hotelgast entdeckte den Mann noch rechtzeitig auf der Toilette. Für die Frau in Graben kam dagegen jede Hilfe zu spät.

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