Was passiert mit dem Wertinger Schwanenbräu – der Brauerei und vor allem dem Bier? Seit Ende vergangenen Jahres ist klar, dass Fritz Carry das Bierbrauen in der Zusamstadt einstellen wird. Den letzten Sud hat er längst angesetzt. An diesem Donnerstag Anfang Februar wird er die letzten Flaschen Helles und Kellerbier in seiner Brauerei in der Wertinger Schmidgasse abfüllen. In die Wehmut mischt sich Freude. Denn zumindest diese beiden beliebtesten Wertinger Biersorten wird es weiterhin geben.
Fritz Carry hat verschiedene Wertinger Schwanenbräu-Biere gebraut
Malz, Hopfen, Hefe, wieviel von was und von welchen Rohstofflieferanten. Dazu Zeitabläufe und Temperaturführungen – so entsteht ein komplettes Rezept. Für jedes einzelne Bier jeder Brauerei. Während des Gärungsprozesses kontrolliert der Brauer immer wieder sein Bier, greift gegebenenfalls ein, so dass letztendlich Würze, Geschmack und Kohlesäuregehalt munden – Nuancenabweichungen inbegriffen.
So hat auch Fritz Carry seine Biere jahrzehntelang kreiert: ein Dunkles und ein Helles, ein Pils und ein Spezial, ein Festbier zu Weihnachten und eins zum Wertinger Volksfest, dazu sein Kellerbier. Allesamt exklusive Wertinger Biere, die in den Getränkemärkten und Gaststätten der Zusamstadt und der nahen Umgebung – in Lauingen und Höchstädt, Meitingen und Altenmünster – zu finden waren. Anfragen gab es auch darüber hinaus. Doch stieß Carry mit seinen Kapazitäten immer wieder an seine Grenzen. "Wir waren chronisch ausverkauft." Mit einem einzigen Mitarbeiter habe er nicht mehr Bier brauen können.
Am Donnerstag wird das letzte Helle und Kellerbier in Wertingen abgefüllt
So behielt das Schwanenbräu-Bier stets seine Exklusivität in der Region Wertingen. Und das soll auch weiterhin so bleiben, selbst wenn Fritz Carry an diesem Donnerstag das letzte Helle und Kellerbier in der Wertinger Schmidgasse abfüllt. Ursprünglich hatte der 64-Jährige vor, noch zwei Jahre länger aktiv im Sudhaus zu stehen. "Doch wir hätten jetzt technisch hinten und vorne sanieren müssen", erklärt er. "Das ist der Hauptgrund, warum wir schon früher aufhören." Das gleiche gelte für jeden Nachfolger, der in die Brauerei eingestiegen wäre. "So ein Betrieb gehört nicht mehr an diesen Standort", pflichtet ihm seine Frau Gerda bei. Über 600 Jahre besteht die Brauerei inmitten der Zusamstadt. Fritz Carry hatte sie 1981 von seinem Urgroßvater, Großvater und Vater übernommen. Manches ist über all die Jahre geblieben, anderes hat sich verändert. "In einer Brauerei dampft es, ist es laut und die Lkw der Anlieferungen werden immer größer." All das sei mitten in der Stadt ungünstig, auch wenn Fritz Carry "nur" 3000 Hektoliter Bier pro Jahr gebraut hat.
Im Vergleich zur 25 Kilometer entfernten Schlossbrauerei Unterbaar ist das wenig. Etwa 20 mal größer bietet diese eine breit aufgefächerte Vielfalt an Bieren, Limonaden und Wasser. Mit ihr wird Carry künftig bei der Produktion und Logistik kooperieren: In Baar wird gebraut, in Wertingen das Bier über Fritz Carry an seine "bunte Mischung von Kleinkunden" vertrieben. "Für die Kunden soll sich so wenig wie möglich ändern, unser Anliegen ist, dass kein Bruch entsteht", sagt Gerda Carry, die selbst neben ihrer Arbeit ihm Landratsamt stets in der Brauerei mitgeholfen hat.
Das Bierbrauen ist eine Handwerkskunst
"Wir übernehmen exakt das Rezept von Carry", erklärt der Unterbaarer Geschäftsführer Franz Freiherr Groß von Trockau, "und er hat weiterhin seine Finger drauf." Mitte Februar wird bereits das erste Wertinger Bier in der Unterbaarer Brauerei abgefüllt werden. Den Sud dafür hat Carry gemeinsam mit Braumeister Albert Eberle von Koblinski schon vor vielen Wochen angesetzt. Geschmacklich soll und wird sich somit nichts ändern. Wobei alle Drei daran erinnern, dass das Brauen von Bier eine Handwerkskunst und kein computergesteuerter Vorgang ist.
Entscheidend sei, dass das Wertinger Bier ein vollkommen anderes Produkt sei als das Unterbaarer, betont Freiherr Groß von Trockau – angefangen von der Flaschenform bis zum Inhalt. Jeden, der es nicht glaubt, lädt er ein zu probieren: "Wo Unterbaarer draufsteht, ist Unterbaarer Bier drin, wenn Schwanenbräu draufsteht, ist Schwanenbräu drin."
Man wolle und werde keine eigene neue Marke schaffen und vermarkten. Es bleibe ein exklusives für den Wertinger Raum bestimmtes Bier mit Unikatscharakter, betont der Unterbaarer Geschäftsführer: "Wir brauen für die Wertinger in der Menge, die Carry braucht."
Ob ein Bier bleibt, entscheidet letztendlich der Verbraucher
Seit vielen Jahren arbeiten die beiden Brauereien bereits zusammen. So kam beispielsweise beim Volksfest das Weizenbier stets von der Unterbaarer Brauerei, im vergangenen Jahr wegen der Kurzfristigkeit sogar das komplette Festbier. "Wir kennen und schätzen uns – wir hätten das nicht mit jedem gemacht", sagt Freiherr Groß von Trockau und verweist darauf, dass es viele Brauereien gebe, denen die Nachfolger fehlen. "Mit Wertingen machen wir es wegen unserer Verbindung und weil das Bier hier Kult ist."
Ob ein Bier verschwinde oder nicht, entscheide letztendlich der Verbraucher, betont Freiherr Groß von Trockau. "Solange die Nachfrage da ist, wird produziert."