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Interview

19.03.2020

Audi-Chef Bram Schot lobt deutsches Krisenmanagement

Exklusiv Wie andere Unternehmen ist Audi von der Corona-Krise gebeutelt. Trotzdem lobt Audi-Chef Bram Schot im Interview: Die Politik stellt sich dem Virus entschlossen entgegen.

Herr Schot, das Management hat den Mitarbeitern verkündet, dass sie in Kurzarbeit gehen müssen. Die Ereignisse überschlagen sich. Das ist ja auch emotional belastend für einen Vorstand wie Sie.

Bram Schot: Die Corona-Pandemie ist für jeden Einzelnen von uns eine außergewöhnliche Situation. Unsere Verantwortung als Audi-Vorstand ist es, unsere Beschäftigten zu schützen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Gleichzeitig müssen wir auch unser Unternehmen absichern und dafür ausgewogene Entscheidungen treffen. Wir sind uns bewusst, dass diese Ausnahmelage unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Flexibilität und Solidarität abverlangt, spüren jedoch auch viel Verständnis.

Wie viele Mitarbeiter sind in Ingolstadt und Neckarsulm von der Kurzarbeit betroffen?

Audi-Chef Bram Schot lobt deutsches Krisenmanagement

Schot: Dies prüfen wir gerade in den in Frage kommenden Betriebsabteilungen.

Audi zeigt sich großzügig und stockt das Kurzarbeitergeld auf 95 Prozent des Nettolohns  auf. Wie lange kann sich das Unternehmen sich das leisten?

Schot: In dieser herausfordernden Situation zahlt sich einmal mehr aus, dass wir eine starke Liquidität haben. In den vergangenen Monaten haben wir darüber hinaus hart an unserer Profitabilität gearbeitet. Darauf können wir uns aber gerade jetzt nicht ausruhen: In den kommenden Wochen gilt es, wichtige Prozesse stabil zu halten. Nur so können wir die Stabilität unseres Unternehmens sicherstellen.

Wie stark hat der Coronavirus Audi erfasst? Wie viele Mitarbeiter sind betroffen?

Schot: Der bayerische Ministerpräsident hat von einem Charaktertest für unsere Gesellschaft gesprochen. Mir gefällt diese Einordnung, denn es kommt auf jeden von uns an. Wir als Unternehmen und Beschäftigte können einen wichtigen Beitrag leisten, die weitere Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu verlangsamen. So kann das Gesundheitssystem auch Menschen versorgen, bei denen das Virus einen schweren Krankheitsverlauf auslöst. Audi hat dazu eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen, darunter ein generelles Dienstreiseverbot und die Vorgabe, dass sich in den Büros und Kantinen deutlich weniger Mitarbeiter gleichzeitig aufhalten dürfen. Stand heute wurden vier am Standort Ingolstadt tätige Mitarbeiter und ein Kollege in Neckarsulm auf den neuartigen Coronavirus positiv getestet. Auch an dieser Stelle möchte ich ihnen schnelle Genesung wünschen. Einige von ihnen hatten im relevanten Zeitraum keinen innerbetrieblichen Kontakt zu anderen Kollegen. Die Beschäftigten, die mit betroffenen Kollegen in direkten Kontakt standen, haben wir unmittelbar informiert. Sie bleiben vorsorglich zu Hause.

 

Audi-Chef Bram Schot: Zum Beispiel im Krisenstab gibt es weiter persönliche Treffen

Gehen Sie im Audi-Vorstand auf Distanz? Gibt es überhaupt noch richtige Treffen oder läuft alles per Telefon und Videokonferenzen ab?

Schot: So außergewöhnlich die aktuelle Lage auch ist: Auf genau diese Situationen bereiten wir unser Krisenmanagement kontinuierlich vor und trainieren immer wieder entsprechende Szenarien. Wo es unbedingt erforderlich ist, gibt es weiterhin persönliche Treffen, zum Beispiel im Krisenstab mit den erforderlichen Vorkehrungen. Dabei gilt natürlich auch: Kein Handschlag mehr und mindestens eineinhalb Meter Abstand zum Nachbarn. Die meisten Besprechungen laufen aber telefonisch oder digital.

Welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat die Krise für Audi? Verhagelt das dem Unternehmen die Bilanz für 2020?

Schot: Wir beobachten die Lage sehr genau. Die langfristigen Auswirkungen der Ausbreitung des Corona-Virus auf die Konjunktur und unser Geschäft sind heute noch ungewiss und vor diesem Hintergrund ist eine verlässliche Prognose für das Jahr 2020 nicht möglich.

Audi: Beschäftigungsgarantie bis 2029 gilt unverändert

Sind Sie zuversichtlich, alle Mitarbeiter über die Krise weg halten zu können?

Schot: Die Beschäftigungsgarantie bis 2029 gilt unverändert.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement  des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und von Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Schot: Die Politik stellt sich dem Virus entschlossen entgegen. Das ist ein starkes Signal. Bundeskanzlerin Merkel hat bekräftigt, dass die Bundesregierung alles tun wird, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern und Arbeitsplätze zu bewahren. Das gibt insbesondere kleineren Unternehmen Sicherheit. Genauso wichtig ist für mich der Appell, das Virus wirklich ernst zu nehmen und aus Rücksicht Abstand zu halten. Wir kennen es aus vielen Bereichen, auch aus der Wirtschaft: Unsichtbare Gefahren, die sich leise einschleichen, sind oft gefährlicher als der große Knall. Weil wir sie nicht ernst genug nehmen und zu leicht wegschauen können. Das darf uns nicht passieren.

 

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie in schweren Zeiten? Können Sie jetzt überhaupt noch nach Amsterdam in Ihre Heimat fahren?

Schot: Wir halten als Familie zusammen und unser Kontakt ist in der Krise noch intensiver, das spüre ich. Wir telefonieren viel und ich skype mit meinen Söhnen.

Sie sind Fußball-Fan und drücken die Daumen für Rotterdam. Wie hart ist es nun für Sie wahrscheinlich monatelang auf Fußball verzichten zu müssen?

Schot: Fußball ist mir wirklich wichtig, aber nicht jetzt. Die Begeisterung für Fußball vereint Menschen auf der ganzen Welt und wird es auch wieder tun, wenn die Krise überstanden ist.

Ende März scheiden Sie aus dem Unternehmen aus. Wo zieht es Sie nun beruflich hin? Sie sind ja erst 58. Ursprünglich hieß es einmal, Sie könnten eine neue Position im VW-Konzern einnehmen.

Schot: Das war reine Spekulation. Konkret habe ich mich noch nicht entschieden. Fest steht: Ich habe viel Energie und viele Ideen, die ich umsetzen möchte.

Bleiben Sie der Branche, die sie über Jahrzehnte mitgeprägt haben, erhalten?

Schot: Ich bin in der Automobilindustrie zuhause. Gerade in diesen Zeiten des Wandels ist sie besonders spannend. Vieles muss gerade neu gedacht werden – das liegt mir, deshalb bin ich auch immer offen für Neues.

In Ihrem Statement zur Bilanz für 2019 zitieren Sie das alte niederländische Sprichwort: "Ein guter Anfang ist die halbe Arbeit. " Was haben Sie bei Audi erreicht, was ist noch zu tun?

Schot: Ich bin stolz, was die gesamte Audi-Mannschaft in den vergangenen Monaten geschafft hat. Mit dem Transformationsplan haben wir finanzielle Ressourcen freigespielt, um Investitionen in Zukunftsfelder wie Digitalisierung und Elektrifizierung zu finanzieren. Mit den Vereinbarungen zu "Audi.Zukunft" haben wir die Grundlage für mehr Wirtschaftlichkeit und Flexibilität gelegt. Und das sind nur zwei von vielen wichtigen Projekten. Jetzt kann Audi die zweite Etappe der Transformation starten und das Innovationstempo beschleunigen.

Ist der Diesel-Skandal nun überwunden? Ist es Ihnen gelungen, die Kultur bei Audi zu verändern?

Schot: Kulturwandel ist ein langfristiger Prozess, der sich immer wieder neu beweisen muss. Ich spüre jeden einzelnen Tag kleine, aber wichtige Veränderungen bei Audi. Zusammen ergeben sie etwas Großes. Nur wenn alle ehrlich ihre Meinung sagen, können wir herausfinden, wo noch Verbesserungspotenzial ist. Und wir sprechen Fehler offen an, das ist und bleibt auch und insbesondere in Folge der Dieselkrise entscheidend.

Beantworten Sie immer noch alle Mails der Mitarbeiter, die sich an Sie wenden?

Schot: Ich versuche es. Neben E-Mails, bekomme ich auch immer mehr Nachrichten von Mitarbeitern bei LinkedIn, deshalb kann es manchmal Wochen oder Monate dauern, bis ich eine Antwort schreibe. Deshalb ist mir auch der persönliche Kontakt mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wichtig, vor allem um dringende Themen zu besprechen wie gerade in dieser Krise.

Ihr Name wird mit dem Kulturwandel bei Audi positiv verbunden sein, aber auch mit dem angepeilten Abbau von rund 9500 Stellen in Deutschland, auch wenn im Gegenzug etwa 2000 Elektro-und Digitalexperten eingestellt werden sollen. Muss Audi wirklich so viele Arbeitsplätze, wenn auch sozialverträglich, abbauen?

Schot: Damit Audi eine gute und sichere Zukunft hat, müssen wir effizienter werden und die richtigen Schwerpunkte setzen. Das heißt auch, dass wir an manchen Stellen Stellenanpassungen vornehmen und uns gleichzeitig bei Zukunftsthemen personell verstärken. Mir war wichtig, dass wir gemeinsam mit unserer Arbeitnehmervertretung zu einer ausgewogenen und fairen Vereinbarung für die Zukunft von Audi kommen. Und das ist uns gelungen. Ein zentraler Bestandteil von "Audi.Zukunft" ist, die Werkkapazität in Ingolstadt auf 450.000 Automobile und in Neckarsulm auf 225.000 anzupassen.

Warum müssen die Produktionskapazitäten in Ingolstadt und Neckarsulm nach unten angepasst werden? Wäre es nicht möglich, dort zusätzliche Autos – etwa SUVs – zu produzieren?

Schot: Es geht darum, dass wir den Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit unserer beiden deutschen Standorte sicherstellen. Sie sind und bleiben das Rückgrat von Audi. Dazu machen wir die Produktion schlanker und profitabler, indem wir die Kapazitäten den wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen und die Produktion flexibel steuern unter Berücksichtigung der jeweils aktuellen Marktbedingungen.  

Der Audi e-Tron verkauft sich immer besser. Können Sie mit diesem Elektro-Auto und anderen Stromern Tesla in Deutschland den Rang ablaufen?

Schot: Wir sind mit dem Audi e-tron erfolgreich ins Elektro-Zeitalter gestartet. Er zeigt, dass ökologisches Bewusstsein und Fahrspaß perfekt zusammenpassen. Seit der Markteinführung haben wir rund 32.000 Audi e-tron verkauft. Und wir setzen unsere ambitionierte E-Roadmap konsequent weiter um: Bis 2025 wird Audi rund 30 elektrifizierte Modelle, davon 20 rein elektrische auf dem Markt haben.

Markus Duesmann wird Nachfolger von Audi-Chef Bram Schot.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Gehen Sie mit Wehmut? Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Markus Duesmann? Er soll ja das Markenversprechen "Vorsprung durch Technik" als Techniker neu beleben.

Schot: Markus Duesmann ist ein erfahrener Manager und ausgezeichneter Ingenieur, er wird für die Transformation in der Automobilindustrie sicherlich Akzente setzen. Ich bin froh, dass ich gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen und der Audi-Mannschaft einen Beitrag für die Zukunft von Audi leisten konnte. Und ich weiß – wenn ich auf meine Zeit bei Audi zurückblicke – werde ich immer stolz sein, einer von über 90.000 Audianern gewesen zu sein.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: BMW, VW und Audi: Autos können keine Autos kaufen

Und den Bericht: Audi beantragt Kurzarbeit für Ingolstadt und Neckarsulm

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