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Porträt

23.01.2020

Christine Lagarde will in der EZB jeden Stein umdrehen

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), auf der turnusmäßigen Pressekonferenz der Bank in Frankfurt.
Bild: Boris Roessler, dpa

Die Chefin der Europäischen Zentralbank hat Großes vor und bringt anders als ihr Vorgänger Mario Draghi Glamour nach Frankfurt.

Mario Draghis Kleidungsstil war Beobachtern des Chefs der Europäischen Zentralbank keine eingehenderen Betrachtungen wert. Sie kamen anders als bei seiner Nachfolgerin Christine Lagarde nicht auf die Idee, Mode-Experten zu konsultieren. Über den 72-Jährigen drang kaum Menschliches in die Öffentlichkeit. Vielleicht blieb das Geständnis des Italieners in Erinnerung, wie sehr es ihn verletze, als „Agent“ der Interessen europäischer Südländer bezichtigt zu werden. Vornehmlich aus Deutschland schlug Draghi Kritik, zum Teil Hass entgegen, weil er in seiner achtjährigen Amtszeit die Zinsen nie erhöht, sondern auf null abgeschmolzen, ja sogar Strafzinsen für ausgiebige Geldparker bei der EZB eingeführt hat. Dass die Sparer die Dummen sein sollen, wollte ihm hierzulande kaum einer nachsehen, selbst wenn der Ökonom durch beherztes Auftreten das Euro-System und damit die Währung gerettet hat. Wohl auch deswegen wird er als späte Form der Genugtuung das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Lagarde tritt aus Sicht deutscher EZB-Kritiker dennoch ein kontaminiertes Erbe an. Der 64-Jährigen ist die Last aber nicht anzumerken. Bestens gelaunt, charmant und mit Freude am Austausch mit Journalisten bestreitet sie mit Eulenbrosche am Blazer die Pressekonferenz am Donnerstag in Frankfurt. Natürlich kommt sie den deutschen EZB-Mäklern nicht entgegen. Sie nährt keine Hoffnungen, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder steigen und die Strafe für das Sparen endlich zu den Akten gelegt werden könnte. Insofern ist Lagarde eine treue Erbin Draghis. Doch die schlanke Frau mit den schlohweißen dichten Haaren geht geschickter als ihr Vorgänger vor und hat in Frankfurt, dem Sitz der EZB, schon reichlich Sympathien für sich eingeworben.

Christine Lagarde: „Wow-Auftritt“ beim Neujahrsempfang im Römer 

Es war clever von ihr, einen öffentlichkeitswirksamen Termin mit dem schärfsten Kritiker Draghis aus den Reihen der EZB-Mächtigen zu absolvieren. Die einstige Chefin des Internationalen Währungsfonds besuchte gemeinsam mit Bundesbank-Präsident Jens Weidmann die Van-Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum und zeigte sich begeistert. Und dann legte die gebürtige Pariserin und frühere Finanz- und Wirtschaftsministerin ihres Landes auch noch laut den EZB-Experten der „Bild-Zeitung“ einen „Wow-Auftritt“ beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt im Römer hin. Die Metropole rühmte sie als „offen, vibrierend und ehrgeizig“. Der Mode-Experte Stephan Görner kriegte sich gar nicht mehr ein: „Sie ist kein Anhängsel, sondern Macherin. Sie ist selbstbewusst, zeigt Knie und Figur.“ Das könne sich die Französin auch leisten, analysierte der Spezialist weiter und schlussfolgerte: „Mit ihrem selbstbewussten Coco-Chanel-Style unterstreicht sie, dass Frauen Erfolg und Mode kombinieren können.“ Lagarde strahle den klassisch-eleganten Stil der 70er- und 80er-Jahre aus, der auch für die aufkommende Emanzipation stehe. Dabei ist Lagarde wirklich eine erprobte Streiterin für die Sache der Frauen. Sie verzichtet auf alles Belehrende gegenüber Männern und versucht es mit Humor. Als 2008 die Finanzkrise tobte, frotzelte die Französin: Die Welt sähe anders aus, wenn Lehman Brothers Lehman Sisters gewesen wäre. Bekanntlich ist die US-Investmentbank dank risikoreicher Geschäfte pleitegegangen und brachte das globale Desaster mit ins Rollen.

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Madame Euro Christine Lagarde gilt als hartnäckige Kompromissfahnderin

Auf alle Fälle war die Juristin in ihrer Karriere immer wieder die erste Frau in einem Amt, ob als Chefin einer internationalen Kanzlei, Lenkerin des IWF und nun als EZB-Präsidentin. Dabei ist die disziplinierte Notenbankerin – Lagarde trinkt keinen Alkohol, ist Vegetarierin, schwimmt, taucht, liebt Gartenarbeit und Yoga – keine Eiserne Lady wie die einstige britische Premierministerin Margaret Thatcher genannt wurde. Madame Euro gilt vielmehr als hartnäckige Kompromissfahnderin, die mit Charme und Gesprächskunst zum Ziel kommt.

Dabei fiel die früher in Frankreich preisgekrönte Synchronschwimmerin nicht als Einzelgängerin, sondern Teamspielerin auf. Bei dem durchaus zu Solonummern neigenden Bundesbank-Chef Weidmann hat sie schon mal ihre Integrationskräfte erprobt. Es bleibt abzuwarten, ob er nun häufiger mit seiner Chefin Ausstellungen besucht.

Dabei ist Lagarde nicht skandalfrei. Die „Preußin in Chanel“, wie der „Stern“ einmal treffend schrieb, wäre beinahe über die Machenschaften des illustren französischen Geschäftsmanns Bernard Tapie gestolpert. Ihr wurde vorgeworfen, den Unternehmer als Ministerin begünstigt zu haben. Doch sie zog ihren Hals irgendwie noch einmal aus der Schlinge und konnte ihre steile Karriere als IWF-Chefin fortsetzen. Die Mitarbeiter des Währungsfonds schätzten sie als Chefin. Lagarde lächelt häufig und wirkt gut gelaunt.

Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer sieht die EZB in der Sackgasse stecken

Privat lief nicht immer alles rund in ihrem Leben. Aus einer früheren Ehe mit einem Finanzanalysten hat sie zwei Kinder. Die Partnerschaft zerbrach. Schon lange lebt Lagarde mit einem Unternehmer aus Marseille zusammen. In Deutschland schlägt ihr (natürlich wegen des Amtes) nicht nur Sympathie entgegen. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht die „EZB in einer Sackgasse stecken“, denn es scheint auf lange Sicht unmöglich, den Zins zu reanimieren. Lagarde will dennoch Handlungsfähigkeit demonstrieren und „jeden Stein umdrehen“, was Größeres erwarten lässt. Sie möchte die EZB-Strategie bis Jahresende auf den Prüfstand stellen. Die Notenbank soll grüner werden, also ökologische Kriterien stärker bei der Anlage berücksichtigen. Auch hofft Lagarde, mit einer klareren Sprache die Menschen besser zu erreichen. Sie lupft Stein um Stein nach oben. Die meisten Deutschen wird das kaum begeistern. Sie wollen ihren Zins zurück. Das kann ihnen Lagarde nicht geben. Ihr droht also das gleiche Dilemma wie Draghi.

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24.01.2020

Alter Wein in neuen Schläuchen?
Es scheint, als bliebe die Politik die gleiche und würde in einer attraktiveren Verpackung präsentiert.

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