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140 Jobs geschaffen

14.10.2013

Geschäftsfrau Sina Trinkwalder: Ich bin wie der FC Bayern

Sina Trinkwalder hat in Augsburg die Firma "manomama" gegründet.
Bild: manomama GmbH

Die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder hat in drei Jahren Arbeit für 140 Männer und Frauen geschaffen. Sie hat viele Bewunderer, aber auch einige Kritiker

Sina Trinkwalder sitzt in einer Fabrikhalle in Augsburg und trinkt Kaffee. Es könnte ihre zehnte Tasse sein an diesem Tag – und gefühlt ihr zehntes Interview. Seit die 35-Jährige vor drei Jahren ihre Firma „manomama“ gründete, läuft das Geschäft: 140 Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Handicap haben bei ihr Arbeit gefunden. Im Fernsehen diskutierte sie mit Maybrit Illner über soziales Unternehmertum, in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen nahm sie zu biologischer Kleidung Stellung, nun hat sie auch noch ein Buch herausgegeben. Wir sprachen mit Sina Trinkwalder über ihr Konzept, über Ideale, Enttäuschungen und Ziele.

Frau Trinkwalder, das Handelsblatt schreibt über Ihr Buch „Wunder muss man selber machen“, es sei kein „intellektuelles Wirtschaftsbuch“...

Trinkwalder: Ja! Das ist doch gut, oder? Als ich das gelesen habe, bin ich hier mit dem Glas Sekt durch.

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Wieso das denn?

Trinkwalder: Ich will mit allem, was ich mache, die breite Masse mobilisieren und nicht die fünf Prozent, die ohnehin bewusst kaufen, um in erster Linie ihr Gewissen zu beruhigen. Ich meine diese Label-treuen Gutmenschen. Die bewirken keinen gesellschaftlichen Wandel.

Und Sie bewirken ihn?

Trinkwalder: Ich wirke mit. Viele Konsumenten habe ich schon von unseren ökologisch erzeugten Produkten überzeugt. Und auch Partner in Firmen wie dm und Real...

... für die Manomama Einkaufstaschen aus ökologisch produziertem Stoff fertigt.

Trinkwalder: Im Moment gehen hier 15000 bis 20000 raus pro Tag. Und ich bereite weitere Kooperationen vor. Das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe: Arbeit heranzuschaffen für die Ladys, die ich eingestellt habe. Denn was meine Mitarbeiter das ganze Leben über nicht hatten, ist Sicherheit. Die verspreche ich.

Und wenn die Aufträge ausgehen?

Trinkwalder: Dann machen wir was anderes. Dann hauen wir die Nähmaschinen raus und produzieren Autos. Wenn man will, kann man alles schaffen. Das sehe ich an mir: Ich habe mir als Autodidaktin alles selbst beigebracht. Auch das Nähen.

Ahnten Sie, was Sie lostreten, als Sie Manomama gründeten?

Trinkwalder: Das kann man nicht ahnen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich am Anfang ganz schön naiv an die Sache ging. Ich dachte, da kaufst du dir zwei Maschinen, stellst zwei Mitarbeiter ein, nimmst einen Burda-Schnitt und los geht’s. Aber industrielle Textilfertigung ist etwas anderes als das, was die Dawanda-Generation macht.(Anm d.Red.: Internet-Plattform für Menschen, die dort selbst gefertigte Produkte verkaufen.) Ich habe mich davon verabschiedet, T-Shirts in homöopathischen Dosen zu fertigen. Da müsste ich für eines 30 Euro verlangen – viel zu teuer für die breite Masse. Nur mit großen Stückzahlen erreiche ich mein Ziel: Vielen Arbeit zu ermöglichen. Heute sind wir fast 140 Leute.

Was nicht einfach war, oder? Sie bekamen keine Förderung, die Suche nach Räumen für Ihre Manufaktur war auch recht schwierig.

Trinkwalder: Ja. Wenn ich mich je vergrößern werde, werde ich deshalb auch rausgehen aus Augsburg. Textil ist hier viele Jahre lang nur mit wenigen Namen in Verbindung gebracht worden. Jetzt haben wir Textil 2.0, das ist etwas anderes. Damit kommen viele nicht klar. Ich musste um Termine in der Stadtverwaltung betteln, bei den Banken bekam ich keinen Kredit. Heute weiß ich, dass es der härtere, aber der bessere Weg war. Ich bin niemandem etwas schuldig und habe keine Schulden. Ich kann frei agieren.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass immer wieder Dinge schiefliefen. Kam nie der Moment, in dem Sie alles hinwerfen wollten?

Trinkwalder: Solche Momente gibt es immer wieder. Der letzte heftige erst diesen Juli. Ich hatte einem Menschen Vertrauen geschenkt, der das ausgenutzt hat. Aber inzwischen habe ich gelernt, dass man nicht immer nett sein muss. Man muss auch mal einem Mitarbeiter kündigen, wenn er der Gemeinschaft schadet.

Ärgert einen das, wenn man hehre Ziele verfolgt und dann Undank erntet?

Trinkwalder: Ich weiß nicht, ob meine Ziele so hehr sind. Für mich sind sie es und für meine Ladys. Es gibt aber Menschen, die mit einer hierarchiefreien Zone wie bei uns nichts anfangen können und die sind dann selbst bei uns nicht gut aufgehoben.

Trotz des rasanten Aufstiegs spürt Manomama also auch Gegenwind?

Trinkwalder: Klar, aber das ist o.k. Mein Mann sagt immer, ich sei wie der FC Bayern: 50 Prozent hassen mich, 50 Prozent lieben mich. Diese zweiten 50 Prozent reichen mir.

Es gibt Kritiker von Manomama, die behaupten, dass Ihre Produkte eben nicht ökologisch seien.

Trinkwalder: Natürlich gibt es die, wobei ich sehr wohl zwischen echter Kritik und neidbasiertem Trollen unterscheide. Ohne Kritik würde ich alles richtig machen – davon bin ich noch weit entfernt.

Welche neuen Projekte stehen an?

Trinkwalder: Im Herbst wird der neue Online-Shop für unsere Mode-Kollektion an den Start gehen. Im November nimmt Real eine Jeans ins Sortiment, die Manomama entwickelt hat. Zum ersten Mal wird es dann ein Produkt mit transparentem Etikett geben. Der Kunde kann sehen, welchen Anteil wer in der Wertschöpfungskette bekommt. Das ist meine Art, Politik zu machen. Für mich ist wichtig, dass das Geld in der Kette bleibt. Im Normalfall ziehen die Modelabels aus den Produkten das meiste raus, alle anderen werden gedrückt. Bei Manomama bekommt vom Weber bis zum Näher jeder, was er braucht.

Auch die Chefin?

Trinkwalder: Auch die. Aber mich reizt Materielles nicht mehr, seit es Manomama gibt. Der Spaß an vermeintlich schönen Dingen ist weg, seit ich die Lebensgeschichten meiner Ladys kenne. Die wirklich schönen Dinge im Leben sind die Menschen. Interview: Nicole Prestle

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