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MAN Energy Solutions

23.07.2020

IG-Metall: „VW darf MAN in Augsburg nicht verkaufen“

„Zunächst einmal muss die Zahl 1800 vom Tisch“, fordert Michael Leppek von der IG Metall zum Jobabbau bei MAN Energy Solutions.  
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus IG-Metall-Vertreter Michael Leppek macht einen Verbleib von MAN Energy Solutions im Volkswagen-Konzern zur Bedingung für Verhandlungen. 

Herr Leppek, nach dem Augsburger Job-Hammer, also dem drohenden Abbau von bis zu 1800 Stellen bei MAN Energy Solutions, beginnen nun die Verhandlungen. Was fordern Sie von der Arbeitgeberseite?

Michael Leppek: Zunächst einmal muss die Zahl 1800 vom Tisch. Sonst setzen wir uns gar nicht an den Tisch mit den Arbeitgebern. Ein Stellenabbau in dieser Größenordnung ist für einen Standort mit etwa 4000 Beschäftigten inakzeptabel. Wir können nicht wahllos Mitarbeiter rausschmeißen, das macht ein Unternehmen kaputt. MAN Energy Solutions hat im Zuge der letzten Restrukturierung allein in Augsburg etwa 180 Arbeitsplätze abgebaut. Damals sind wichtige Know-how-Träger verloren gegangen. Doch das neue Umbau-Programm würde das alles in den Schatten stellen. Der Standort würde ausbluten.

Die Unternehmensführung spricht offiziell von bis zu 1800 Arbeitsplätzen, die auf der Kippe stehen. Nach Informationen unserer Redaktion könnte sich das Management aber mit dem Wegfall von 1200 Stellen anfreunden, wenn anderweitig deutlich Kosten eingespart werden. Stimmt das?

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Leppek: Zu der Zahl kann ich nichts sagen. Ich kann aber bestätigen, dass die Unternehmensführung bereit ist, weniger Arbeitsplätze abzubauen, wenn anderweitig Kosten abgespeckt werden. Und dazu sind auch wir bereit, ja, wir wollen uns hier konstruktiv einbringen. Aber auch 1200 Stellen wären deutlich zu viel.

Wie wollen Sie sich einbringen?

Leppek: Unser Vorschlag ist, dass wir an Volkswagen, also der Muttergesellschaft von MAN Energy Solutions, Maß nehmen. Dort hat der Betriebsrat die Beschäftigten aufgerufen, sich mit Ideen zu Wort zu melden, wie sich der Autobauer effizienter aufstellen und damit Kosten einsparen kann. Das Ergebnis war beeindruckend und etwa 400 Seiten lang. Viele der Vorschläge wurden umgesetzt. Daran werden wir uns bei MAN Energy Solutions orientieren. Wir erwarten aber vom Management dann auch, dass die Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter umgesetzt werden.

Und wie sollte Volkswagen die Augsburger MAN-Tochter jetzt in dieser schweren Zeit unterstützen?

Leppek: Indem Volkswagen zunächst einmal die Kosten für die Restrukturierung, also den Umbau des Unternehmens übernimmt, aber auch indem der Konzern Geld für Innovationsprojekte bereitstellt. Und VW muss dafür sorgen, dass ein möglicher Abbau sozial verträglich, also ohne Kündigungen stattfindet.

Michael Leppek war auch zu Gast in unserem Podcast „Augsburg, meine Stadt“ und hat dort über die Stellenabbau-Pläne bei Premium Aerotec gesprochen. Sie können sich das knapp einstündige Gespräch hier anhören:

Doch die Liebe von Volkswagen zu MAN in Augsburg, die noch unter dem VW-Patriarchen Ferdinand Piëch stark entflammt war, ist längst erloschen. Die Wolfsburger wollen den Motoren- und Turbomaschinenbauer möglichst rasch verkaufen.

Leppek: Sie haben MAN Energy Solutions ins Schaufenster gestellt und suchen einen Interessenten. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass der Verkaufsprozess stockt, auch weil VW bei weitem nicht mehr den Preis für MAN Energy Solutions erlösen kann, den der Konzern einst für die Firma bezahlt hat. Dennoch stehen wir weiter im Schaufenster. Was aber nicht geht, ist, dass wir bei MAN in Augsburg die Braut hübsch machen und sie dann abgestoßen wird. Das machen Betriebsrat und IG-Metall nicht mit.

Was soll nun mit der Braut passieren?

Leppek: Die Braut soll einige Jahre im VW-Reich verweilen dürfen. MAN Energy Solutions muss also raus aus dem Schaufenster. Volkswagen darf MAN in Augsburg nicht verkaufen. Man darf die Braut nicht hübsch machen und dann an den erstbesten Bräutigam verscherbeln. Nur wenn der Verkauf vom Tisch ist, sind Betriebsrat und IG Metall überhaupt bereit, über einen möglichen Stellenabbau zu verhandeln.

Der Ball liegt also nun in Wolfsburg.

Leppek: Genau, aber ich habe noch keine Erkenntnisse darüber, ob VW bereit ist, den Verkauf von MAN Energy Solutions für einige Jahre auf Eis zu legen. Dabei wären diese Jahre der Sicherheit in einem Groß-Konzern für das Unternehmen so wichtig. So würden die Experten Zeit gewinnen, Technologien zur Gestaltung der Energiewende weiterzuentwickeln – und das zum Nutzen von Volkswagen. Augsburg würde der grüne Daumen von VW.

Das Diesel-Unternehmen MAN Energy Solutions als grüner Daumen. Wie funktioniert das denn?

Leppek: Bei MAN Energy Solutions sind wir heute schon sehr weit, Öko-strom, der ja je nach Sonnenstrahlung und Windstärke in unterschiedlichen Mengen anfällt, zu speichern. Er wird mittels Elektrolyse in Wasserstoff umgesetzt. Und dieser Wasserstoff, da bin ich mir ganz sicher, kann einmal zu einem wichtigen Energieträger werden, zunächst einmal für Lastwagen, dann aber auch für Autos und Flugzeuge. MAN Energy Solutions ist hier eines der führenden Unternehmen auf dem Gebiet. Nun brauchen wir aber Zeit, diese Zukunftstechnik zu forcieren. Das funktioniert nur, wenn VW weiter in seinen grünen Augsburger Daumen investiert. Augsburg könnte dann sogar einmal eine Green City werden, in der die Industrie vorbildhaft die Wende zu einer klimafreundlichen Energie und Produktion vollzieht.

Doch dazu bedarf es sicher weiterer staatlicher Unterstützung. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ist als Wasserstoff-Freund ja bereit, Augsburg kräftig zu unterstützen.

Leppek: Das erkenne ich an. Doch wir brauchen hier jenseits des Ausbaus der Wissenschaft eine intensivere Förderung. Die Politik muss den angeschlagenen Industriestandort Augsburg massiv unterstützen, damit nicht immer mehr Industriearbeitsplätze wegbrechen.

Wie kann das geschehen? Bayern kann kaum bei Krisenbetrieben einsteigen.

Leppek: Das fordern wir auch nicht. Aber Bayern könnte finanziell den Bau einer großen Wasserstoff-Pilotanlage in Augsburg fördern. Hier könnten wir die Technologie weiter-entwickeln und dafür sorgen, dass der noch zu teure Energieträger einmal günstiger wird. Von so einer Pilotanlage würden die beiden aktuellen Krisenkandidaten Premium Aerotec und MAN Energy Solutions in Augsburg profitieren. Denn wenn wir mit dem Thema Wasserstoff weiterkommen, wird der Energieträger als Treibstoff für Flugzeuge interessant. Davon könnte der Luftfahrtzulieferer Premium Aerotec profitieren, bei dem bis zu 1000 von noch 3500 Stellen in Augsburg auf der Kippe stehen. Augsburg soll also zum bayerischen Wasserstoffzentrum werden. Dazu brauchen wir den Einsatz von Ministerpräsident Markus Söder. Er muss die Themen „Premium Aerotec“ und „MAN Energy“ zur Chefsache machen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

24.07.2020

>> Aber Bayern könnte finanziell den Bau einer großen Wasserstoff-Pilotanlage in Augsburg fördern. <<

Und der nächste Wasserstoff Freak ...

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Technik-Mythos-Wasserstoff-revolutioniert-die-Energieversorgung-3638549.html

>> Wasserstoff gilt als grüner Energieträger, da er sich mit überschüssigem Ökostrom herstellen lässt. Dabei geht jedoch sehr viel Energie verloren. <<

>> Laut einer Studie des Öko-Instituts aus dem Jahr 2013 liegt der Wirkungsgrad konventioneller Elektrolyseure bei lediglich 62 bis 70 Prozent. <<

>> Über die gesamte Prozesskette betrachtet kommt also nur ein Viertel bis ein Drittel der Solar- oder Windenergie im Motor an. <<

Für eine Pilotanlage gibt es überhaupt keinen Anlass - das wäre nur verschwendetes Steuergeld. Grundlagenforschung zur Effizienzsteigerung wäre zuerst angesagt!

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