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Corona-Folgen

26.01.2021

Krise erreicht das Handwerk in der Region: Sind jetzt Jobs in Gefahr?

Nur noch Thekenbetrieb gibt es seit dem Lockdown in dieser Konditorei in Augsburg, dem Café Dichtl. Das Kaffeehaus ist geschlossen, das Handwerk spürt heftige Umsatzeinbrüche.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Seit dem zweiten Lockdown bricht Konditoren wie dem Café Dichtl in Augsburg, Friseuren oder Goldschmieden das Geschäft weg. Hilfen kommen nur schleppend an.

Normalerweise würden sich Besucher und Einheimische jetzt im Kaffeehaus Dichtl in Augsburg treffen, unter Kronleuchtern einen Kaffee schlürfen, dazu ein Stück Prinzregententorte genießen. All dies ist seit dem Corona-Lockdown am 16. Dezember nicht möglich. „Nach dem Ostergeschäft ist auch das für uns wichtige Weihnachtsgeschäft ausgefallen“, sagt Geschäftsführerin Susanne Dichtl-Krachenfels. Rund 75 Prozent ihrer rund 60 Mitarbeiter sind zu Hause in Kurzarbeit. Nur ein kleines Team kümmert sich noch um das Geschäft an der Theke, wo Torten und Kuchen gekauft und mitgenommen werden können. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise erreichen jetzt massiv das Handwerk. Die Konditorei Dichtl ist nur ein Beispiel. Die Verbände schlagen Alarm.

Jahrelang lief es im Handwerk rund, dies hat sich aber mit dem zweiten Lockdown geändert. Jeder vierte Betrieb in Schwaben bezeichnete bereits im Schlussquartal 2020 seine Geschäftslage als schlecht, berichtet die Handwerkskammer für Schwaben. In den verbrauchernahen Gewerken seien es sogar fast zwei Drittel der Unternehmen.

Hans-Peter Rauch: "Unsere Betriebe zahlen einen hohen Preis für die Corona-Maßnahmen"

Friseure, Kosmetiker, Maßschneider, Uhrmacher, Gold- und Silberschmiede stünden seit dem Lockdown praktisch ohne Geschäftsgrundlage da. Durch die Schließung von Gaststätten und Hotels brechen Textil- und Gebäudereinigern und dem Lebensmittelhandwerk die Kunden weg. Bäcker, Konditoren und Metzger erleiden massive Einbußen durch die Schließung ihrer Cafés und Imbisse, berichtet die Kammer.

 

„Unsere Betriebe zahlen sprichwörtlich einen hohen Preis für die harten Corona-Maßnahmen“, erklärte Schwabens Handwerkspräsident Hans-Peter Rauch. Im lange boomenden Bau- und Ausbaugewerbe läuft es zwar stabil, „aber auch hier spüren wir eine erste Delle“, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Wagner unserer Redaktion.

Café Dichtl: Geschätzt 80 Prozent weniger Umsatz im Januar

Längst leiden auch Traditionsbetriebe unter der Krise. Susanne Dichtl-Krachenfels leitet als Enkelin des Firmengründers die Konditorei in der 3. Generation. „Ich führe unseren Betrieb im Sinne meiner Eltern und Großeltern“, sagt sie. Zwei Filialen hat die Konditorei Dichtl in Augsburg, dazu eine Schokoladenmanufaktur. „Manche unserer Mitarbeiter sind seit 20, 30 oder bis zu 45 Jahren bei uns, wir wollen die Arbeitsplätze erhalten.“ Durch die Corona-Auflagen ist aber nur noch ein kleiner Teil des Geschäfts möglich: „Statt drei Mitarbeiterinnen steht vielleicht nur eine hinter der Theke“, sagt sie. Das ganze Jahr 2020 lief für ihren Betrieb mit Blick auf den Umsatz rund 35 Prozent schlechter als 2019, berichtet Susanne Dichtl-Krachenfels, für den Januar 2021 rechnet sie mit 80 Prozent weniger Umsatz.

„Wir marschieren auf eine veritable Konjunkturkrise im Handwerk zu“, warnt Wagner. „Erstmals seit vielen Jahren reden wir über einen Arbeitsplatzabbau“, fügt er an. Besonders unter Druck stünden beispielsweise Friseure. Viele kleine Betrieb könnten am Ende ganz aufhören. Das Handwerk fordert deshalb, dass staatliche Hilfen schnell bei den Betrieben ankommen müssen. Hier stehe vieles im Argen.

Hans-Peter Rauch, Präsident der Handwerkskammer für Schwaben: "Die Hilfen kommen spät, für manche Unternehmen zu spät."
Foto: Ulrich Wagner

Zwar gebe es Verbesserungen wie die Anhebung auf 500.000 Euro Maximalförderung. „Die Hilfen kommen aber spät und für manche Unternehmen zu spät“, kritisiert Handwerkspräsident Rauch. „Unsere Betriebe erwarten zu Recht angemessene, schnelle Hilfszahlungen“, sagt er. „Denn die Unternehmen sind es, die mit ihren Beschäftigten erst die Steuern und Abgaben erwirtschaftet haben, mit denen der Staat nun die Krise bekämpfen kann.“

HWK-Hauptgeschäftsführer Ulrich Wagner: Staatliche Hilfen nachbessern, sonst droht eine Pleitewelle

Bei den Hilfen müsse schnell und unbürokratisch nachgebessert werden – „sonst steuern wir auf eine Pleitewelle zu“, warnt auch Wagner. Die 30.000 Handwerksbetriebe in Schwaben beschäftigen 140.000 Mitarbeiter. „Ich dachte immer, wir hätten eine gute Verwaltung in Deutschland. Es ist eine Katastrophe, dass die Auszahlung der Hilfen so schlecht funktioniert, das kostet jetzt tausende Existenzen in Deutschland“, sagt er.

In der Praxis hapert es nach Schilderung des Handwerks insbesondere an zwei Stellen. Zum einen funktioniere die Software des Bundes für die Überbrückungshilfe nicht richtig. Zum anderen blicken selbst Steuerberater und andere Fachleute angesichts sich ständig ändernder Kriterien und Regeln kaum mehr durch, wer Anspruch auf welche Gelder hat.

Das bestätigen die Erfahrungen der Konditorei Dichtl. Hier hat die Inhaberfamilie staatliche Unterstützung beantragt, unter anderem die Überbrückungshilfe für November und Dezember. Einen Abschlag hat der Betrieb bereits erhalten. „Ich bin sehr froh, dass es die Hilfen gibt, aber es funktioniert nicht so einfach“, sagt Susanne Dichtl-Krachenfels. Die digitalen Programme seien unübersichtlich, zudem würden Hilfskredite der staatlichen Förderbank KfW bei der weiteren Unterstützung angerechnet – Kredite, die ein Betrieb zurückzahlen muss. „Als Mittelständler haftet man zudem mit allem, was man hat“, sagt die Geschäftsführerin.

Zur Zeit versucht man im Café Dichtl, das Beste aus der Lage zu machen. Ihren Betrieb ganz pausieren zu lassen, will Dichtl-Krachenfels nicht. „Ein Apfelstrudel zum Mitnehmen schmeckt auch jetzt“, ist sie überzeugt. „Wir liefern unsere Produkte auch nach Hause.“ Sie wünscht sich aber von der Politik dringend „eine gewisse Sicherheit“ über den weiteren Corona-Kurs. „Wenn es ab März frühlingshafter wird, würden wir gerne die Gastronomie auf der Freifläche wieder öffnen – natürlich mit Mundschutz und Abstand.“

Forderung nach einem Fahrplan für Öffnungen des Corona-Lockdowns

Auch die Handwerkskammer für Schwaben macht Druck für Lockerungen: „Wir fordern von der Politik die schnellstmögliche Öffnung unserer direkt betroffenen Handwerksbetriebe mit ihren ausgeklügelten Hygienekonzepten, allen voran die Friseure und Kosmetiker“, sagt Handwerkspräsident Rauch, „um zum Beispiel älteren, gehandicapten oder sonst beeinträchtigten Menschen wieder ein würdiges Leben zu ermöglichen.“

Dringend nötig sei ein Fahrplan, wann welche Betriebe öffnen können, sagt auch Ulrich Wagner. Gastronomie und Hotellerie bräuchten zum Beispiel einen Vorlauf, um ihre Beschäftigten zurückzuholen. „Ohne Zeitplan und ohne Verlässlichkeit stehen wir vor dem Kollaps, dann geben bald viele Betriebe im Handwerk auf“, warnt er.

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