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Verkehr

15.06.2019

Mit welchen Problemen die Bahn jetzt schon wieder kämpft

Die Bahn ist schon fast eine Dauerbaustellen – nicht nur ihr Streckennetz muss erneuert werden, auch die Konzernstruktur ist fällig für den Umbau.
Bild: Christophe Gateau, dpa

Der Konzern steckt schon länger in der Krise. Für einen Umbau bräuchte er Milliarden, die er vielleicht nicht bekommt. Nun kommt auch noch ein Finanzskandal dazu.

Die neue Mitarbeiterin der Deutschen Bahn heißt Semmi und ist eine Maschine. Der animierte Roboterkopf trägt zwar ein Halstuch wie die Kolleginnen, doch alles andere ist digitale Illusion. Semmi sucht prozessorgesteuerten Augenkontakt mit einer Kundin am Berliner Hauptbahnhof, blinzelt, lächelt und nennt mit sanfter Stimme die schnellste Verbindung nach Mindelheim im Unterallgäu – über Augsburg und Buchloe. Der auf künstlicher Intelligenz basierende Auskunftsroboter wird sechs Wochen in der Hauptstadt getestet, wie es danach mit Semmi weitergeht, ist unklar. So unklar, wie die Zukunft der Deutschen Bahn selbst.

Die Bahn hat Ex-Vorständen noch Beraterhonorar gezahlt

Denn der Staatskonzern steckt in einer tiefen Krise: Im Fernverkehr sind die Züge chronisch verspätet, der Güterverkehr schreibt rote Zahlen. Und jetzt kommt noch die pikante Berateraffäre hinzu. Im Mittelpunkt stehen millionenschwere Verträge für frühere Vorstände aus den Jahren 2010 bis 2018. Die Ex-Führungskräfte sollen teils neben üppigen Abfindungen noch lukrative Beraterhonorare erhalten haben, offenbar ohne Wissen des Aufsichtsrats.

Verträge mit 26 ehemaligen Beratern werden aktuell überprüft, darunter drei frühere Konzernvorstände, teilte das Unternehmen mit. „Wir setzen alle Kraft in die Aufklärung“, sagt Aufsichtsratschef Michael Odenwald und betont, dass es „Beraterverträge von ehemaligen Vorständen und Geschäftsführern am Aufsichtsrat vorbei“ zukünftig nicht mehr geben werde. Die Bundesregierung hält sich aus der Sache raus. Die Angelegenheit sei „Sache des Aufsichtsrates“, sagt eine Sprecherin des Verkehrsministeriums und verweist auf eine Pressemitteilung des Kontrollgremiums. Eine Einschätzung der Lage wollte die Sprecherin auch auf mehrfaches Nachfragen nicht abgeben.

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Und die Affäre könnte auch Bahn-Chef Richard Lutz gefährlich werden, der in der fraglichen Zeit Finanzvorstand war. Die Frage ist, ob er von den dubiosen Beraterverträgen wusste. Wäre das so, wäre Lutz an der Bahn-Spitze nicht mehr zu halten.

Muss Bahn-Chef Lutz gehen? Interessenverbände sind dagegen

Bei aller Aufregung um den Schienenkonzern warnte Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn im Gespräch mit unserer Redaktion vor einer überhasteten Personaldiskussion: „Richard Lutz jetzt wegen der Berateraffäre zu entlassen, wäre falsch. Verkehrsminister Scheuer muss sich an die eigene Nase fassen und gemeinsam mit dem Bahn-Vorstand den Laden wieder flott machen.“

Am Aufklärungswillen des Konzerns hat Naumann keine Zweifel und der langjährige Bahn-Beobachter sieht auch schon erste Schritte: „Bahn-Chef Richard Lutz hat ein gutes Strategiepapier vorgelegt, das überzeugend darlegt, wie der Gigant zukunftsfähig gemacht werden kann.“ Der Plan aber bleibe eine „reine Wunschliste“, solange er von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer nicht umgesetzt werde. Aufklärung in der Berateraffäre fordert auch Dirk Flege, Geschäftsführer des Verkehrsbündnisses Allianz pro Schiene. Er sagte unserer Redaktion: „Gerade ein bundeseigenes Unternehmen muss besondere Sensibilität im Umgang mit Beraterverträgen zeigen und volle Transparenz herstellen. Es geht auch um Verwendung öffentlicher Mittel.“

Bei der Aufsichtsratssitzung der Bahn soll die neue Strategie stehen

Dabei hat Lutz im Moment genügend andere Sorgen. Minister Scheuer (CSU) hatte Lutz zuletzt mehrfach zum Rapport bestellt und ihm eindringlich klar gemacht, dass er von ihm erwartet, die Bahn wieder fit zu machen. Bis zum Sommer muss Lutz liefern, so die Botschaft.

Liefern will der Bahn-Chef bei einer Aufsichtsratssitzung in der kommenden Woche. Geplant ist nach Medienberichten eine große Strategieoffensive, die Bahn will hunderte neue Züge für den Personen- und Güterverkehr anschaffen. Auch das Personal soll kräftig aufgestockt werden, die Rede ist von mindestens 100.000 Stellen, die in den kommenden Jahren neu besetzt werden müssten. Wie viel Geld die Maßnahmen kosten, ist unklar, doch bereits jetzt fehlen der Bahn fast fünf Milliarden Euro.

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