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Flugzeugbau

06.02.2020

Noch mehr Job-Abbau als befürchtet? Massive Kritik an Premium Aerotec

Der Augsburger Flugzeugbauer Premium Aerotec steht unter enormem Kostendruck. Deshalb stehen nun noch mehr Jobs auf der Kippe als bisher angenommen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Gewerkschafter werfen dem Management vor, für Gewinn sozialen Frieden aufs Spiel zu setzen. Nun könnten noch 361 Stellen mehr abgebaut werden.

Das Flugblatt hat es in sich. In dem unserer Redaktion vorliegenden Schreiben zeigen sich Betriebsräte und Gewerkschafter entsetzt über das Vorgehen der Geschäftsführung des Augsburger Luftfahrtzulieferers Premium Aerotec. Dem Management gehe es vorwiegend „um Gewinnmaximierung zulasten der Beschäftigten“. Die Arbeitnehmervertreter nehmen hier Bezug auf das Restrukturierungsprogramm des Unternehmens mit dem Namen „Be Ready“, auf Deutsch: Sei bereit. Das rund 600 Seiten dicke Papier sei dem Gesamtbetriebsrat übermittelt und in zwei Runden im Januar vorgestellt worden. Was neu ist: Bisher war nur die Rede davon, dass der Hauptsitz des Unternehmens in Augsburg von einem einschneidenden Arbeitsplatzabbau betroffen sein könnte. Demnach sind in dem Werk, das Baugruppen für Airbus-Flugzeuge, aber auch das Kampfflugzeug Eurofighter produziert, bis zu 1100 Arbeitsplätze bedroht. Zuletzt waren an dem Standort noch rund 3400 Frauen und Männer beschäftigt, während zu Spitzenzeiten etwa 4000 Kräfte auf den Lohnlisten standen. Nun taucht plötzlich eine neue und noch dramatischere Zahl auf: Nach Darstellung des Gesamtbetriebsrates geht es hier um die Verringerung von mindestens 1461 Arbeitsplätzen. Wo kommen die zusätzlichen 361 Stellen her, die auf der Kippe stehen könnten?

Job-Abbau beim Premium Aerotec: Nun sollen 361 Stellen mehr auf der Kippe stehen

Nach Informationen unserer Redaktion ist nun nicht mehr nur Augsburg von dem Sanierungsprogramm durch einen möglichen massenhaften Abbau von Stellen betroffen. Nun will die Premium-Aerotec-Geschäftsführung auch in den Werken im Norden, also in Bremen sowie den beiden niedersächsischen Stützpunkten in Nordenham und Varel, den Rotstift ansetzen, wenn auch in deutlich geringerem Umfang als in Augsburg. In Nordenham arbeiten 3100, in Varel 1600 und in Bremen 500 Menschen für das zum europäischen Airbus-Konzern gehörende Unternehmen. Demnach bleibt es in Augsburg bei dem bekannten Szenario, dass bis zu 1100 Stellen gefährdet seien.

Auf Anfrage bestätigte Premium Aerotec, „dass das Konzept nach heutigem Stand eine Reduzierung von rund 1450 Arbeitsplätzen über alle deutschen Standorte vorsieht“. Die Hoffnung des Unternehmens ist es, den größten Teil des Programms durch einen Abbau von Leiharbeitskräften, Verrentung, Altersteilzeit und natürliche Fluktuation, also etwa freiwilliges Ausscheiden von Mitarbeitern, aufzufangen. Ziel der Geschäftsführung sei es, die Personalreduzierung sozial verträglich zu gestalten.

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Premium Aerotec steht unter enormem Kostendruck - und verlagert Stellen gen Osten

Inwieweit das in dem Unternehmen mit insgesamt rund 9000 Mitarbeitern gelingt, wird sich zeigen. Dass die Airbus-Tochter in Zeiten eines Auftragsbooms für die Luftfahrt und angesichts der Schwäche des Konkurrenten Boeing überhaupt in Deutschland Arbeitsplätze aufgibt, ist für Außenstehende schwer verständlich. Doch Premium Aerotec steht seitens seines europäischen Eigentümers unter einem enormen Kostendruck. Der Zulieferer sieht sich gezwungen, Arbeitspakete aus heimischen Standorten hinaus etwa an das günstiger fertigende eigene Werk in Rumänien oder an den Zulieferer Turkish Aerospace Industries zu vergeben. Zudem hat Airbus das Großraumflugzeug A380 eingestellt, für das wichtige Baugruppen aus Augsburg kamen. Der Mix aus Kostendruck und wegbrechenden Aufträgen lastet also gerade auf dem schwäbischen Werk des Herstellers.

Kleine Airbus-Flugzeuge, für die auch Teile in Augsburg gebaut werden, sind der Kassenschlager des europäischen Unternehmens.
Bild: Werner Hennies, dpa

Doch Premium Aerotec will nach Kenntnissen des Gesamtbetriebsrates nicht nur in großem Umfang Jobs verringern. Wie es in dem Flugblatt heißt, soll „das operative Ergebnisziel (Ebit) auf bis zu zehn Prozent angehoben werden“. Dafür müssten maximal 481 Millionen Euro eingespart werden. Das Kürzel Ebit steht für Gewinn vor Steuern und Zinsen. Rund zehn Prozent Ebit sind eine hohe Renditekennziffer für die Branche. Die Betriebsräte haben dem „Be-Ready“-Konzept auch entnommen, dass eine „weitere verschärfte Fremdvergabe von Arbeitspaketen“ drohe. In dem Flugblatt ist zudem von einer geplanten Abschaffung von Schichtzuschlägen und Krankengeldzuschüssen die Rede. Überdies befürchten die Betriebsräte „Leistungsverdichtung und unbezahlte Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit“. Die Geschäftsführung scheue sich nicht, Tarifverträge infrage zu stellen.

IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner: „Sozialer Frieden wird auf das Spiel gesetzt“

In dem Schreiben wird der aus Augsburg stammende IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner, der innerhalb der Gewerkschaft auch für die Luftfahrtindustrie zuständig ist, mit harter Kritik zitiert: „Wer tarifliche Standards für zehn Prozent Gewinn schleifen möchte, der setzt den sozialen Frieden im Betrieb aufs Spiel.“ Betriebsräte fordern die Premium-Aerotec-Führung und damit letztlich die Airbus-Verantwortlichen auf, neue Arbeitspakete und Technologien an den besonders betroffenen Augsburger Standort zu vergeben.

Damit könne der drohende Stellenabbau deutlich verringert werden, ist ihre Hoffnung. Dem Druck hat Airbus bisher nur zum Teil Rechnung getragen: Premium Aerotec wurde mit dem Bau eines speziellen Tanks für die verlängerte Version der Airbus-A320-Familie und damit des Konzern-Kassenschlagers beauftragt. Doch das Arbeitspaket allein wird nicht reichen, um den Augsburger Stellenverlust spürbar zu begrenzen.

Jürgen Kerner setzt sich für Premium Aerotec ein.
Bild: Anne Wall

Werden in Augsburg künftig mehr Flugzeugteile produziert als bislang?

Daher ist die Hoffnung in dem Werk groß, neben dem Bau der Sektion 19 – also des Rumpfhecks – für die kleinen Airbus-Flieger auch noch ein Produktionspaket für die anschließende Sektion 18, die bisher nicht in Augsburg gefertigt wird, zu bekommen.

Dann, rechnen sich Betriebsräte aus, könnte der Arbeitsplatz-Verlust um bis zu 400 Stellen geringer als bislang für den schlimmsten Fall angedroht ausfallen. Die Chancen scheinen gut zu sein, dass in Augsburg auch die Sektion 18 produziert werden kann. Das Unternehmen selbst will sich zu Details der nun anstehenden Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite nicht äußern.

Lesen Sie dazu auch: Premium Aerotec bleibt ein großes Sorgenkind in Augsburg

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