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Ex-Bertelsmann-Chef

16.09.2019

Thomas Middelhoff: "Ich habe Todsünden begangen"

Thomas Middelhoff ist im Vergleich zu seinen Zeiten als Bertelsmann-Chef kaum noch wiederzuerkennen. Er tritt bescheiden und geläutert auf.
Bild: Bernd von Jutrczenka, dpa

Exklusiv Thomas Middelhoff war einst ein Star unter den deutschen Managern. Doch es ging steil bergab, bis ins Gefängnis. Heute zeigt er sich geläutert. Ein Interview.

Thomas Middelhoff wurde „Big T“ genannt. Der heute 66-Jährige stieg zum Chef des Medienriesen Bertelsmann auf und galt als einer der mächtigsten Manager der Republik. Dann versuchte er es allen als Boss des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor zu zeigen und die Firma zu retten. Nicht nur Karstadt geriet an den Abgrund, auch Middelhoff stürzte ab. Er wurde 2014 wegen Untreue zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Das beschreibt der Ex-Manager in seinem neuen Buch „Schuldig“. Middelhoff lebt in Scheidung von seiner Frau, mit der er fünf Kinder hat. Das Gespräch fand in einem Hotel in Hamburg, seiner neuen Heimat, statt.

Haben Sie als junger Mann die falsche Abzweigung genommen? Neben einer Karriere als Manager hatten Sie noch einen anderen großen Traum.

Thomas Middelhoff: Ja, ich hatte mit 17, 18 auch den Traum, Buchautor zu werden. Nach meiner Vorstellung wäre ich in einem Haus in Irland gesessen. Zu meinen Füßen hätte ein Irish Setter gelegen. Ich hätte auf den Atlantik geschaut. Bis auf den Kauf eines Irish Setters habe ich den Traum nicht verwirklicht.

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Warum sind Sie in die andere Richtung gegangen und haben die Abzweigung zum Management genommen?

Middelhoff: Vielleicht ist das Ausdruck meiner gespaltenen Persönlichkeit. Ich habe immer mehr die Rolle des harten Managers gespielt. Tief in mir steckte aber ein Mensch mit Sehnsucht nach Ruhe, Geborgenheit und Frieden. Ein, zwei Jahre vor meiner Verhaftung spürte ich eine immer größere Unwucht in mir. Ich konnte nicht mehr richtig in den Spiegel schauen.

Sie waren als Manager lange sehr erfolgreich. Das Wall Street Journal feierte Sie als das deutsche Wunderkind.

Middelhoff: Ich hatte als Bertelsmann-Chef die einmalige Chance, in den Entstehungstagen des Internets dabei zu sein. Mit dem Aufbau der RTL-Fernsehfamilie und dem Kauf des US-Verlagshauses Random House konnte ich bleibende Werte schaffen. Der Verkauf der Bertelsmann-Beteiligung an AOL brachte der Firma Milliarden ein. Nur mein eigenes Vermögen ist durch Dummheit und Gier zerronnen.

Welche Werte schaffen Sie heute?

Middelhoff: Ich beschäftige mich mit meinem Leben und den Fehlern, die ich begangen habe. Ich wende mich damit an junge Menschen. Vielleicht können Sie meine Fehler vermeiden. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich auch aktive Führungskräfte nach Lektüre des Buches bei mir melden und sagen: Danke, dass Sie mir die Augen geöffnet haben.

Gibt das Ihrem Leben einen Sinn?

Middelhoff: Ich bin so glücklich, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen bin. Ich habe jetzt als Katholik den von Gott bestimmten Sinn meines Lebens erreicht. Am Sonntag war ich mit meiner neuen Partnerin, einer Jüdin, in einer katholischen Kirche. Der Priester predigte dort über den Inhalt meines Buches. Meine Partnerin Deborah weinte, weil ich so demütig-dankbar war.

Sie rechnen hart mit sich ab und bezichtigen sich vieler Sünden.

Middelhoff: Ich sage die Wahrheit. Das habe ich als Manager leider nicht immer getan. Diesen Mut zur Wahrheit vermisse ich bei Politikern. Bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg hat es mich entsetzt, wie Politiker in unehrlicher Weise die Wahlergebnisse kommentiert haben. Keiner hat sich hingestellt und eingeräumt, mit seiner Politik Menschen verloren zu haben. Jeder erklärte sich zum Sieger. Wer früher CDU und jetzt AfD gewählt hat, wurde von Politikern verbal auch noch mit Dreck beworfen.

Siemens-Chef Joe Kaeser mischt sich twitternd in die Politik ein und hat keine Angst vor den AfD-Populisten.

Middelhoff: Ich kenne Herrn Kaeser persönlich nicht. Aber wenn ich ihn beobachte, habe ich das Gefühl: Er macht die gleichen Fehler, die ich früher gemacht habe, also zu Themen Stellung zu nehmen, zu denen er gar keine Stellung zu nehmen braucht. Wenn man den US-Präsidenten wie er kritisiert, obwohl er weiß, wie groß das Siemens-Geschäft in den USA ist und wie viele Amerikaner Trump gewählt haben, frage ich mich wirklich, ob das die Aufgabe des Chefs von Siemens ist. Ich glaube, bei Herrn Kaeser ist auch ein wenig persönliches Profilierungsstreben dabei.

Sie waren lange im Gefängnis, darunter in Untersuchungshaft. Wie hart war vor allem Letzteres?

Middelhoff: Die Öffentlichkeit kann sich nicht vorstellen, was Untersuchungshaft heißt. Es ist schrecklich, von einer Minute auf die andere isoliert zu sein. Man darf praktisch nur unter Aufsicht Gespräche führen.

Sie wurden alle 15 Minuten in U-Haft geweckt, schreiben Sie.

Middelhoff: Ja, ich wurde sechs Wochen alle 15 Minuten geweckt. Auf Guantanamo ist das verboten und in Deutschland wird das praktiziert – mit der Begründung, so alles Menschenmögliche zu tun, damit Inhaftierte keinen Selbstmord begehen.

Wollten Sie sich umbringen?

Middelhoff: Zunächst mal bringt diese 15-Minuten-Regel gar nichts. Hätte ich mich umbringen wollen, hätte ich ja gewusst, dass ich nun 14 Minuten Zeit habe, mich umzubringen. Doch für mich war immer klar: Ich bringe mich nie um. Ich habe ja fünf Kinder. Hinzu kommt: Mein jüngerer Bruder hat sich umgebracht und ich war der Letzte, der mit ihm gesprochen hat. Ich weiß, was das für jeden, der zurückbleibt, bedeutet.

Was hat Sie früher angetrieben: War es das Verlangen nach Geld?

Middelhoff: Mich trieb die Gier nach Anerkennung an. Bei vielen Managern ist es die Gier nach Geld.

Einst musste aber alles bei Ihnen riesig sein, die Jacht und die Villa in Saint-Tropez.

Middelhoff: Als mir das weggenommen wurde, hat es mich nicht getroffen. Ich musste immer mit dem Fahrrad an unserem Haus in Deutschland vorbei fahren und wusste, das geht in die Zwangsvollstreckung. Trotzdem hat es mich nicht getroffen. Vielleicht kann ich damit anderen Menschen Mut machen. Denn auch wenn man alles Materielle verliert, geht das Leben weiter. Man muss sich seine Schuld eingestehen. Man darf es nicht auf andere schieben. Mich führte die Gier nach Anerkennung weit nach unten. Ich musste immer das größte Hotelzimmer haben.

Aber selbst das reichte Ihnen nicht als Bertelsmann-Chef.

Middelhoff: Ja, es reichte mir nicht, Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann zu sein. Ich wollte besser und wichtiger als die anderen Vorstandsvorsitzenden in Deutschland sein. Selbst das reichte mir nicht. Also habe ich den Fokus auf Amerika gelegt, um den Managern in Deutschland zu zeigen, dass ich etwas habe, was sie nicht haben. Ich kannte damals vier US-Präsidenten.

Im Gefängnis wurden Sie demütiger.

Middelhoff: Ich bin dankbar, dass Gott mich ins Gefängnis geführt hat. Denn dort vollzog ich den Bruch mit mir selbst. Ich bekam die Augen geöffnet, dass ich nur noch schlechte Sachen aufhäufe. Ich hatte keine Gotteserscheinung im Gefängnis. Ich hatte nur ein tief empfundenes Bedürfnis, in die Kirche zu gehen. Ich habe Himmel und Hölle im Gefängnis in Bewegung gesetzt, um in die Kirche gehen zu dürfen. Dem wurde stattgegeben. Ich habe auch wieder den Rosenkranz gebetet.

Was ist aus Ihrem Millionen-Vermögen geworden?

Middelhoff: Das ist alles weg. Ich lebe nur noch vom pfändungsfreien Teil meiner Pension.

Ist Selbstkritik Ihr bester Freund?

Middelhoff: Selbstkritik wurde zur notwendigen Medizin und Therapie. Ich habe ohne Zweifel eine narzisstische Grunddisposition. Durch den selbstkritischen Freund bin ich mir relativ sicher, dass ich das ganz gut unter Kontrolle halten kann.

Sie schreiben, Gott habe Ihnen einen Engel geschickt und der heißt Deborah. Können Frauen Männer retten?

Middelhoff: Deborah hat mich gerettet. Sosehr ich meine frühere Frau liebe, aber in der Beziehung mit ihr wäre ich immer im alten Rollenverhalten als Ernährer und Beschützer gefangen gewesen. Leistung hätte im Vordergrund gestanden, auch wenn das nicht nötig war. Deborah gab mir von Anfang an das Gefühl: So wie du bist, ist es in Ordnung.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Middelhoff: Ehe ich inhaftiert wurde auf einer Veranstaltung, wo ich eine Rede hielt. Meine Frau ging nicht gerne zu solchen Veranstaltungen. Deborah war meine Tischdame. Sie ist Journalistin, 51 Jahre alt. Deborah ist eine sehr gebildete und intelligente Frau. Durch die Tatsache, dass Sie plötzlich da war, bekam ich eine Chance, mein Leben neu in den Griff zu bekommen.

Frauen retten doch Männer. Die Theorie stimmt also.

Middelhoff: In meinem Fall ja.

Eine andere Frau, nämlich Kanzlerin Angela Merkel, hat Sie mal hinten am Sakko gezogen. Wie kam es so weit?

Middelhoff: Das war auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Zunächst kam ich eine halbe Stunde zu einer Einladung der Kanzlerin zu spät. Das fand Merkel schon nicht gut. Dann wurde diskutiert und ich war anderer Meinung als sie. Das fand sie auch nicht gut.

Da schaukelte sich etwas auf.

Middelhoff: Ja, es ging weiter zu einem Empfang von Hubert Burda, wo wir alle eingeladen waren. Ich bin halt so ein Typ: Ich war der Erste und bin vorangegangen. Ich befand mich also an der Spitze der Delegation. Dann zupfte mich Merkel am Sakko. Ich drehte mich um. Sie sagte: Halten Sie das für richtig?

Ist Ihnen da nicht das Herz in die Hose gerutscht?

Middelhoff: Ich habe Merkel angeguckt, habe mich umgedreht und bin weitergegangen.

Ihre Neigung zur Arroganz wurde während Ihrer Haftzeit auf eine spezielle Weise durch die Arbeit in einer Behinderteneinrichtung kuriert.

Middelhoff: Ja, die behinderten Menschen haben mir viel mehr gegeben, als ich ihnen geben konnte: Sie haben mir Liebe, Zuneigung und Wärme gegeben. Ein schwerer Autist fing sogar an, nur mit mir zu sprechen. Das war die wertvollste Zeit meines Lebens.

Manchmal kommt dennoch der alte, überehrgeizige Middelhoff durch.

Middelhoff: Ja, beim Radfahren. Überholt mich einer, versuche ich schon, ihn wieder einzuholen. Mit dem Ehrgeiz gehe ich gelassen um.

Gehen Sie manchmal zu hart mit sich ins Gericht? Gnade gegenüber sich selbst gehört ja auch zum Leben.

Middelhoff: Ich gehe deshalb so hart mit mir ins Gericht, weil ich Sünden, ja Todsünden begangen habe. Ich hatte ein Vermögen, doch ich bin damit leichtfertig und selbstverliebt umgegangen. Durch mein Verhalten habe ich viele Menschen emotional verletzt. Die Rolle, die ich früher inbrünstig liebte, machte mich zum Teil zu einem arroganten Arschloch. Eigentlich wollte ich in den Arm genommen werden, doch ich habe mich so verhalten, dass mich keiner in den Arm genommen hat.

Warum sind Sie bei einem Gerichtstermin aus dem Fenster gesprungen?

Middelhoff: Aus Scham. Ich sollte die eidesstattliche Versicherung ablegen. Draußen vor der Tür standen Foto-Reporter. Ich wollte da nicht rausgehen und dieses Foto-Motiv liefern. Das wäre das Symbol meines wirtschaftlichen Niedergangs gewesen. So kam mir der Einfall, über den Fenstersims auf die Garage zu springen und dann weiter nach unten. Ich habe die Leute im Gericht gefragt, ob ich das darf. Sie haben gesagt: Das hat zwar noch keiner gemacht, aber man kann das machen. Dann habe ich es gemacht.

Wer ist Thomas Middelhoff?

Middelhoff: Ein Mensch auf der Suche nach sich selbst, dem das mithilfe Gottes gelingen möge.

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16.09.2019

Gibt es jetzt eine Stahl'sche Serie über und mit verurteilten/angeklagten Ex-Topmanagern?

Für mich nicht nachvollziehbar, welche Aufmerksamkeit diesem Herrn Middelhoff zuteil wird.

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