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Lehrstellenoffensive
06.05.2022

Ein besonderer Beruf: Weshalb der Kaminkehrer Glück ins Haus bringt

Matthias Mayer (rechts) macht eine Ausbildung zum Kaminkehrer. Er ist mit Kaminkehrermeister Lars Eggers aus Boos unterwegs.
Foto: Michael Kerler

Matthias Mayer macht eine Ausbildung zum Kaminkehrer. Wer mit ihm unterwegs ist, lernt, weshalb auch Digitales Knowhow gefragt und weshalb Schornsteinfeger als Glücksbringer gelten.

Matthias Mayer legt die Leiter an das Dach des Einfamilienhauses, dann steigt er nach oben, Stufe für Stufe. Eine Plattform direkt neben dem Kamin gibt ihm sicheren Stand, Höhenangst sollte man in diesem Beruf trotzdem nicht haben. Matthias, 16, nimmt die lange, feuerfeste Leine von seinen Schultern, daran ein schweres Gewicht und eine Bürste aus Edelstahl, um den Kamin zu säubern. 20 bis 25 Minuten dauert das pro Einsatz. Sammelt sich Ruß im Kamin, ist die Reinigung zwei Mal im Jahr vorgeschrieben und lebenswichtig: Ruß ist nichts anderes als Kohlenstoff. Setzt sich zu viel davon im Kamin ab, kann er Feuer fangen und einen Kaminbrand auslösen, der 1000 bis 1300 Grad heiß werden kann.

Klar, dass Kaminkehrer da seit langem als Glücksbringer gelten: In alten europäischen Städten und Dörfern wurde noch mehr als heute mit Holz geheizt, auch in den Häusern war mehr Holz verbaut. War der Kaminkehrer da, waren die Bewohner erst einmal vor Bränden geschützt. Matthias packt deshalb gerne an.

Die Aufgaben der Kaminkehrer fallen nicht weg

Matthias Mayer stammt aus Ottobeuren und lernt den Beruf des Kaminkehrers. Die Ausbildung dauert drei Jahre, in dieser Zeit ist er mit dem Meister oder den Gesellen auf vielen Dächern und in vielen Häusern unterwegs, um für saubere Kamine und sichere Heizungen zu sorgen. Der 16-Jährige lernt im Betrieb von Lars Eggers aus Boos, der als Bezirksschornsteinfeger für die Region Memmingerberg-Trunkelsberg zuständig ist. Im Betrieb arbeiten zwei weitere Kaminkehrer und eine Büroangestellte. Rund 10 bis 16 Haushalte besuchen die Kaminkehrer am Tag, insgesamt sind sie für rund 2300 Häuser zuständig. Vor seiner Lehre hat Matthias Mayer die Mittelschule besucht und sich nach einem Praktikum sofort entschlossen, in diesem Beruf eine Ausbildung zu machen. „Ich finde den Beruf schön“, sagt er mit Überzeugung. „Das Kehren macht mir Spaß. Es ist schön, Leute zu treffen, aber auch die Vielfalt an Heizsystemen ist interessant“, erklärt er. Technisch bringt der Beruf nämlich einige Herausforderungen mit sich.

Die klassische Aufgabe, das Reinigen der Kamine und Entfernen von Ablagerungen, ist längst nicht überholt, berichtet Kaminkehrermeister Eggers. „Gerade viele ältere Leute heizen in unserer Region noch mit Scheitholz und Kohle“, sagt er. Dazu kommt als zweite große Aufgabe die Kontrolle der Abgasgrenzwerte. Die Basis dafür ist ein Gesetz mit einem etwas sperrigen Namen, das Bundesimmissionsschutzgesetz. Die Kaminkehrer überwachen beispielsweise, wie viel Ruß, Feinstaub, Kohlenmonoxid oder Stickoxid eine Heizung ausstößt. Zu viel darf es zum Schutz von Mensch und Umwelt nicht sein. Auch der Wirkungsgrad der Anlagen muss stimmen, damit keine Energie unnötig verloren geht. Und als dritte Aufgabe prüfen die Kaminkehrer bei Gas- und Ölheizungen die Abgaswege – damit die Sicherheit der Heizungen gewährleistet ist.

Pellet- und Holzheizungen sind im Kommen und brauchen den Kaminkehrer

Dabei nimmt die Bedeutung des Berufs gerade heutzutage zu: Für den Klimaschutz sollen Gebäude CO2-neutral beheizt werden. In älteren Häusern werden Ölheizungen zum Beispiel durch Pelletheizungen ersetzt. In Neubauten kommen zwar häufig strombetriebene, abgasfreie Wärmepumpen zum Einsatz. „Häufig nehmen die Hausbesitzer zur Unterstützung aber einen Holzofen mit hinein, um das Gebäude an kalten Tagen komfortabel heizen zu können“, sagt Eggers. Wo aber mit Holz oder Pellets geheizt wird, ist der Kaminkehrer unverzichtbar. „Es werden auch mehr Holzhäuser gebaut, der Brandschutz hat damit einen höheren Stellenwert bekommen“, erklärt er. Hoch ist seit einigen Jahren auch der Beratungsbedarf: Wo alte Öfen raus müssen oder die Kundinnen und Kunden alte Öl- und Gasheizungen ersetzen wollen, kommen viele Fragen auf.

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Foto: Michael Kerler

Für Matthias Mayer beginnt der Arbeitstag Ausbildung um 6 Uhr, wenn er von daheim startet. Um halb sieben ist er im Betrieb, dann plant das Team bei einem Kaffee den Tagesablauf. In den Fahrzeugen – ausgestattet mit Bürsten für Kamine, Messgeräten bis hin zum Staubsauger – geht es danach zu den Kunden. Wer einen Kamin säubert, muss anpacken, klar. Doch längst hat das Digitale im Beruf Einzug gehalten. Jeder Mitarbeiter von Lars Eggers ist mit dem Smartphone unterwegs, darin finden sich komplette digitale Hausakten. Wo steht das Gebäude des Kunden? Welches Heizsystem hat dieser? Die Daten sind verschlüsselt, damit kein Unbefugter Zugriff hat. Auch das Messen der Abgaswerte ist Hightech.

Digitale Messgeräte und digitale Hausakten

Matthias Mayer kontrolliert heute eine moderne Pelletbrennwertheizung, die selbst aus dem Abgas noch Rest-Energie holt und sehr effizient heizt. Nach mehreren Wochen Betrieb fällt nicht mehr als eine Handvoll Asche an. Der Auszubildende schiebt eine Sonde in den Abgasstrom. Das digitale Abgasmessgerät sieht aus wie ein großes Handy und zeigt alle wichtigen Werte an – von der Temperatur des Abgases über Feinstaubwerte bis hin zu Schadstoffen wie Kohlenmonoxid. Die Daten werden per Bluetooth direkt auf einen Laptop übertragen. Eine Messung aber braucht seine Zeit. Bei Pellet- und Scheitholzheizungen kann sie eine bis eineinhalb Stunden in Anspruch nehmen, bis die Geräte alles erfasst haben.

Eine Begeisterung für Technik ist wichtig für den Beruf. Zeugnisnoten seien für ihn aber nicht das allerwichtigste, sagt Kaminkehrermeister Eggers: „Im Vordergrund steht für mich der Mensch“, sagt er. Wer Kaminkehrer werden will, müsse gerne arbeiten mögen und gegenüber den Kunden loyal sein, die Privatsphäre respektieren. Zwar kann man sich in Deutschland seit 2013 für viele Dienstleistungen wie das Kehren des Kamins einen Kaminkehrer frei suchen. Allerdings gibt es feste Bezirksschornsteinfeger, die in einem fest umgrenzten Gebiet ausschließlich dafür zuständig sind, neue Heizungen abzunehmen und Feuerstätten zwei Mal alle sieben Jahre zu kontrollieren. „Im Laufe der Jahre bekommt man die Lebensgeschichten in vielen Familien mit“, erzählt Eggers. „Das persönliche Gespräch mit den Kunden ist wichtig“, erklärt er. Zwischenmenschlich muss es passen, wenn man den Beruf ergreifen will. „Dazu gehört auch einmal, der Großmutter die Tüte zu tragen, wenn sie eben die Straße herunterkommt“, sagt er. Eggers, 40 Jahre alt, kam ursprünglich vom Nord-Ostsee-Kanal nach Bayern und hat hier im Jahr 2013 seinen Betrieb aufgemacht.

Matthias Mayer (rechts) macht eine Ausbildung zum Kaminkehrer. Er ist mit Kaminkehrermeister Lars Eggers aus Boos unterwegs.
Foto: Michael Kerler

Erkennungszeichen der Kaminkehrer ist die schwarze Montur. Schwarze Hose, schwarze Jacke aus Leder und feuerfestem Stoff mit goldenen Knöpfen, ein weißes Halstuch und als Geselle ein Zylinder. „Das gehört zu unserem Erscheinungsbild dazu“, ist der Meister überzeugt. Auf seiner Jacke trägt er einen kleinen Aufnäher: „Zum Glück gibt es den Kaminkehrer.“ Denn noch immer sei es so, dass manche Menschen sagen: Heute muss ich einen Lottoschein ausfüllen, denn ich habe einen Kaminkehrer gesehen.

Matthias Mayer will seine Lehre auf jeden Fall zu Ende machen. Neben der praktischen Arbeit im Betrieb stehen auch regelmäßige Blöcke in der Berufsschule auf dem Programm. Später könnte er Meister werden und damit selbst ausbilden und einen Betrieb eröffnen. Damit ist das Karriereende nicht erreicht: Fortbildungen zum Energieberater oder Brandschutztechniker sind möglich.

Jetzt geht es aber erst einmal zum nächsten Kunden. Manchmal dauert der Arbeitstag bis 15 Uhr, manchmal bis 17:30 Uhr, die Arbeitswoche aber nicht länger als 38,5 Stunden. Dann ist Feierabend. In vielen Häusern haben Matthias Mayer und seine Kollegen dann für mehr Sicherheit und Glück gesorgt.

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