Auf lange Sicht ist die Robotik eine der großen Wachstumsmärkte. Schließlich kämpfen Industrienationen wie Deutschland, aber auch China mit den Folgen des demografischen Wandels, eben der Überalterung der Gesellschaft. So fehlen immer mehr Fachkräfte, sodass Firmen ihre Produktion weiter automatisieren müssen. Kuka-Chef Peter Mohnen kommt immer wieder auf den für die Branche positiven Effekt zu sprechen. So lief das Geschäftsjahr 2023 auch sehr gut für den Augsburger Roboter- und Anlagenbauer, der inzwischen vollständig zum chinesischen Midea-Konzern gehört. Der Umsatz übertraf erstmals die Schwelle von vier Milliarden Euro, das Ergebnis vor Steuern und Zinsen – kurz Ebit – schnellte um 33,6 Prozent auf rund 160 Millionen Euro nach oben.
Schon in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres zeigte sich indes für Mohnen: „Globale Unsicherheiten, eine pessimistische Stimmung und eine schwache Konjunktur belasten derzeit die Wirtschaft. Das wirkt sich auch auf Kuka und die Kunden-Nachfrage aus.“ Der Vorstandsvorsitzende sollte Recht behalten. Zwar hat das Unternehmen die Geschäftszahlen für das vergangene Jahr noch nicht vorgelegt. Informationen unserer Redaktion zufolge schreibt Kuka immer noch schwarze Zahlen, das Ebit ist jedoch deutlich geringer als 2023 ausgefallen.
Dem Vernehmen nach leidet die Firma unter zwei – wie es in der Fachsprache heißt – toxischen, also problematisch verlaufenden Groß-Projekten. Das drückt schnell den Gewinn, wie auch die Kosten für die Sanierung des Systems heißenden Anlagenbaus in Augsburg. In dem kleinen Bereich sollen knapp 250 der im Jahr 2024 noch rund 500 Arbeitsplätzen abgebaut werden, nachdem die Sparte sieben Jahre rote Zahlen geschrieben hatte. Bislang gelang das sozialverträglich, also ohne betriebsbedingte Kündigungen etwa über Altersteilzeit und freiwillige Auflösungsverträge.
Längst hat Kuka ein weiteres Problem
Längst hat Kuka ein weiteres Problem: Nachdem der Roboter-Zweig lange gut gelaufen war, halten sich Kunden gerade aus der für das Unternehmen wichtigen Autoindustrie mit Investitionen zurück und verschieben Projekte auf wirtschaftlich bessere Zeiten. Zugleich buhlen immer mehr Roboterbauer um einen weltweit kleiner gewordenen Auftragskuchen, was auf die Preise drückt. Selbst in China, dem nach wie vor größten Automatisierungsmarkt der Welt, wurden zuletzt fünf Prozent weniger Roboter verkauft. Dabei haben sich die Macht-Positionen in dem asiatischen Land verschoben: Früher dominierten dort die beiden japanischen Roboter-Hersteller Fanuc und Yaskawa, während Kuka vor dem schwedisch-schweizerischen Konzern ABB auf Platz drei rangierte. Jetzt liegt zwar immer noch Fanuc vorn und Kuka konnte den dritten Platz verteidigen, doch die beiden chinesischen Anbieter Estun und Inovance haben sich auf die Positionen zwei und vier geschoben.
Chinesische Roboterbauer drängen nach Deutschland
Da aber der chinesische Markt rückläufig ist, drängen die Roboterbauer des Landes wie chinesische Elektroauto-Hersteller auf den europäischen Markt und machen Kuka das Leben schwer. In der Folge sind die Preise für Roboter gesunken, während die Kosten in Deutschland für das Unternehmen dank gestiegener Energie- und Materialpreise höher ausfallen. Mohnen fordert deshalb „für das angestrebte weitere Wachstum wettbewerbsfähige Produkte und Organisationen“ ein. Das ist zum Teil mit der Entwicklung einer neuen und günstigeren Roboter-Steuerung gelungen. Das reicht dem Management indes nicht. Nun wartet ein Restrukturierungs-Programm auf Kuka-Beschäftigte. Wie aus Beschäftigtenkreisen zu hören ist, trägt es den Namen „Fit 4 Growth“, auf Deutsch: Fit für Wachstum. Dazu gibt es eine passende Lektüre. Das Titelbild des Buches „Fit for Growth“ zeigt eine kleine Heckenschere bei der Arbeit am sprießenden Grün, schließlich geht es auch um das Thema Kostenreduzierung.
Die Kuka-Führung will die Strukturkosten deutlich nach unten drücken, um Roboter günstiger anbieten zu können. Dazu sollen unter anderem Stellen gestrichen werden, wenn auch vor allem in den indirekten Bereichen, also solchen, die nicht unmittelbar von der Produktion oder Aufträgen abhängen. Ein Unternehmens-Sprecher bestätigte damit auf Anfrage entsprechende Informationen unserer Redaktion. Demnach sollen in der Roboter-Sparte in Augsburg etwa 300 Arbeitsplätze „möglichst sozialverträglich, also ohne betriebsbedingte Kündigungen wegfallen“. Die restlichen etwa 100 Stellen stehen in der ebenfalls in Augsburg sitzenden Kuka AG, also der Konzern-Holding, auf der Streichliste.
Das Unternehmen will sich für das Programm zwei Jahre Zeit nehmen, um die Jobabbau-Ziele möglichst mit freiwilligen Regelungen wie Altersteilzeit zu erreichen. Über die genaue Höhe des Personalabbaus und die Abwicklung des Programms wurden die Beschäftigten in einer Video-Botschaft von der Geschäftsleitung informiert. Neben dem langfristigen Effizienz-Programm will die Kuka-Führung auch eine kurzfristige Maßnahme wegen der schwächelnden Auftragslage im Roboter-Bereich ergreifen. So soll die Wochenarbeitszeit für alle Tarif-Beschäftigten zur Jahresmitte auf maximal 35-Stunden abgesenkt werden. Bisher arbeiteten Kuka-Angestellte zum Teil bis zu 40 Stunden die Woche. Mitarbeiter verlieren dadurch anteilig Geld.
Bewegte Job-Zeiten bei Kuka
Für Armin Kolb sind das schwere Zeiten. Er ist seit 25 Jahren Kuka-Betriebsrat und seit 15 Jahren Vorsitzender des Gremiums. Der 61-Jährige hat als Arbeitnehmer-Vertreter bewegte Zeiten hinter sich: Erst wuchs der Roboter- und Anlagenbauer unter dem früheren Chef Till Reuter („Mister Kuka“) kräftig. Es kamen reichlich Arbeitsplätze hinzu, auch durch Übernahmen und Einstellungen von außen. Im Beschäftigungs-Rekordjahr 2018 zählte das Unternehmen in Augsburg einschließlich Leiharbeitern 4250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch als der Auftragsboom des Jahres 2017 abriss, musste schon Reuter rund 250 Arbeitsplätze kappen. Kritiker sagen, er hatte ein zu großes Rad gedreht. Mit der Ausweitung der Krise strich das Unternehmen in mehreren Wellen weitere Stellen, sodass 2022 noch rund 3500 Frauen und Männer für den Maschinenbauer tätig waren. Nach der Corona-Zeit folgte unter Mohnen die Job-Wende: Kuka stellte wieder ein. Die Zahl der Beschäftigten stieg auf etwa 3750, um jedoch auf 3200 zurückzugehen.
Wie Mohnen identifiziert sich Kolb in hohem Maße mit dem Unternehmen. Die Beschäftigten nennen sich stolz Kukanerinnen und Kukaner. Der Betriebsratsvorsitzende ist verärgert, dass jetzt auch in der lange aufstrebenden Robotersparte und der Kuka AG Arbeitsplätze wegfallen sollen. Dem Arbeitnehmer-Vertreter ist anzumerken, wie sehr ihn das neue Restrukturierungs-Programm schmerzt, „umso mehr, als es durch eine vorausschauende, intelligente Personalpolitik vermeidbar gewesen wäre“, wie er anmerkt. Kolb kritisiert: „Unsere entsprechenden Hinweise, doch besser interne Kuka- Bewerber zu fördern als immer wieder von außen Leute einzustellen, wurden jedoch nur in wenigen Fällen berücksichtigt.“ Jetzt fordert er im Gespräch mit unserer Redaktion die Unternehmensspitze auf, „betriebsbedingte Kündigungen auszuschließen und auf Altersteilzeit- und Frühverrentungs-Programme wie etwa beim Autozulieferer Conti zu setzen“. Was die Altersteilzeit betrifft, lehnt er eine Verschlechterung der Konditionen ab, wie es das Unternehmen nach seiner Darstellung angeboten hat.
Kolb ermahnt die Führungsspitze: „Wir brauchen eine Zukunfts-Perspektive für den Standort. Ich warne die Arbeitgeber vor einem Job-Kahlschlag. Sie dürfen nicht mit dem Rasenmäher vorgehen.“ Und der Betriebsrats-Vorsitzende prangert an, „dass Stellen, die nun in Augsburg abgebaut werden sollen, zu einem großen Teil in kostengünstigere europäische Länder oder nach China verlagert werden“. Das treffe auf alle Bereiche von Kuka zu, sagt Kolb. So vorzugehen sei zwar das Recht des Unternehmens, das Management werde dadurch aber seiner sozialen Verantwortung nicht gerecht.
Chinesischer Eigentümer ist nicht zufrieden mit Kuka
Dabei ist Kolb Kuka-Chef Mohnen trotz unterschiedlicher Positionen wohl gesonnen und sagt über ihn: „Er füllt seine Rolle mit großem Engagement aus und ist ein richtiger Kukaner. Er steht für die größtmögliche Sozialverträglichkeit und ein faires Miteinander mit dem Betriebsrats-Gremium.“ Nach Informationen unserer Redaktion sind die Kuka-Eigentümer von Midea, einem Hersteller von Haushaltsgeräten wie Kühlschränken oder Klima-Anlagen, nicht mit dem zuletzt von dem Augsburger Unternehmen erzielten Ebit zufrieden, auch wenn der Gewinn trotz der schwierigen Marktlage positiv ist. Demnach fordern die Midea-Leute deutlich bessere Zahlen ihres deutschen Unternehmens ein, das sie einst für den stolzen Preis von rund 4,5 Milliarden Euro zu teuer übernommen haben, wie Branchenkenner kritisch anmerkten.
Im Januar findet regelmäßig die Midea-Management-Konferenz in China statt. Hier haben die Bosse auf der jüngsten Veranstaltung immer wieder den aus ihrer Sicht nicht ausreichenden Kuka-Profit angesprochen, wie zu erfahren ist. Die Midea-Verantwortlichen gelten als ausgeprägte Kapitalisten, die Ebit-fixiert sind. US-Investoren treten in der Regel aber härter als die Chinesen auf und haben oft weniger Geduld mit Beteiligungen. So gelten Anteilseigner aus dem asiatischen Land als langfristig orientiert. Langfristig ist der Trend aus Sicht von Mohnen ein Freund von Kuka, sagte er doch: „Automatisierung und Robotik haben sich zum Grundpfeiler der industriellen Produktion entwickelt, unverzichtbar gerade in Hochlohnländern.“
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