Sonntag, 4. Dezember 2016

21. März 2016 13:57 Uhr

Interview

Joachim Lang hört mit Augsburger Brechtfestival auf

Über die Zukunft des Augsburger Brechtfestivals und seine Rolle als Leiter wurde lange gestritten. Nun hört Joachim Lang auf. Über die Gründe spricht er im Interview.

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Joachim Lang hört mit dem Brechtfestival auf.
Foto: Fred Schöllhorn

Herr Lang, in den zurückliegenden Wochen ist wieder einmal in Augsburg intensiv über die Zukunft des Brechtfestivals gestritten worden. Stehen Sie für die Festivalleitung 2017 noch zur Verfügung?

Joachim Lang: Nein, ich kann das Festival 2017 unter den vorgegebenen Bedingungen nicht leiten.

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Warum?

Lang: Es gibt mehrere Gründe. Die Theaterintendantin und der Kulturreferent haben einen Termin für das Festival festgelegt, an dem ich nicht kann. Darauf hatte ich im Vorfeld hingewiesen. Ich habe den Termin erst am vergangenen Montagabend erfahren. Ich habe dann noch gehofft, ich kann meine Zeitpläne verändern, aber das geht nicht mehr. Ich drehe im März 2017 einen großen internationalen Kinofilm, der mit Brecht zu tun hat, ein Projekt, auf das ich seit über zehn Jahren hinarbeite. Darüberhinaus gibt es eine ganze Reihe großer und wichtiger Projekte und Filme. Jetzt stehen zum Beispiel unmittelbar die Osterfestspiele in Baden-Baden mit den Berliner Philharmonikern in Koproduktion mit der Metropolitan Opera New York bevor. 

Die weiteren Gründe?

Lang: Mein Konzept mit Brecht und der Religion ist zu dem nun fixierten Termin nicht zu verwirklichen. Dafür müsste man zeitlich flexibel sein, besonders auch mit Rücksicht auf die großen Kooperationspartner. Ich habe große Live-Übertragungen mit dem Bayerischen Rundfunk im Freien und in den Kirchen geplant.

Der Termin lässt sich nicht verschieben?

Lang: Das habe ich Herrn Weitzel auch gefragt. Er hat 1000 Gründe genannt, die das ausschließen. Jedes kleine Fest hat er angeführt, das offenbar Vorrang vor Brecht hat. Das Brechtfestival rückt in der Prioritätenliste also ganz nach hinten. Ich habe eine andere Vorstellung vom Stellenwert Brechts für die Stadt.  

Eine Nachfrage: Sie sagen 2017. Das schließt nicht aus, dass Sie 2018 wieder zur Verfügung stehen, wenn Sie gefragt würden?

Lang: Das steht überhaupt nicht zur Diskussion.

Warum haben Sie mit ihrer Entscheidung, es nicht mehr zu machen, so lange gezögert? Sie hätten es  einfacher haben können, wenn Sie vor dem Festival gesagt hätten, danach ist Schluss.

Lang: Ich habe das Festival 16 ursprünglich als meinen Abschied geplant. Deshalb habe ich bei der Eröffnung alle Künstler und mein Team auf die Bühne geholt, deshalb habe ich meine letzte Veranstaltung „Nachruf auf Brecht“ genannt. Aber es kamen sehr viele Menschen auf mich zu, die mich überzeugen wollten, weiterzumachen. Und ich fühlte mich in der Verantwortung. Direkt vor und während des Festivals hat auch Herr Weitzel, Sie hören richtig, mich inständig gebeten, dass ich verlängere. Also kam ich ins Schwanken und habe ein neues zukunftsweisendes Konzept für 2017 erarbeitet. Seitdem sind aber ein paar Dinge vorgefallen, die mich sehr enttäuscht haben.

Wollen Sie das näher ausführen?

Lang: Ich habe meinen Vertrag vor einem Jahr unter einer einzigen Bedingung verlängert: Vor dem Festival findet keine Personaldiskussion über die Zukunft statt. Das hat mir OB Dr. Gribl schriftlich zugesichert. Ich habe mich streng daran gehalten, Andere leider nicht. Das Festival wurde von dieser Diskussion überschattet. Direkt vor dem Festival wurde ich von der Koalitionsrunde, der CSU und SPD in Absprache mit Herrn Weitzel eingeladen, mein Konzept vorzustellen. Doch mir ist zum ersten Mal in meinem Leben passiert, zu einer Sitzung eingeladen zu werden, auf der ich am Ende nicht reden durfte. Frau von Mutius von den Grünen hat sehr vehement gesagt, wenn ich rede, würde sie eine Pressekampagne gegen mich starten. Die Grünen haben dann diese Presseerklärung direkt vor dem Brechtfestival veröffentlicht. Das Festival, meine Künstler, Augsburg und auch ich haben dadurch Schaden genommen. Ich möchte mich dem nicht mehr aussetzen, aber das ist nicht der entscheidende Grund: Ich arbeite an großen für mich sehr wichtigen Projekten, die meine ganze Kraft fordern. Darauf freue ich mich sehr.

Was überwiegt jetzt bei Ihnen, wenn Sie an das Festival denken: der Frust?

Lang: Für mich war es eine wunderbare Zeit in Augsburg. Ich möchte mich bei meinen Künstlern, bei meinem Team und vor allem bei den Augsburgern, bei meinem tollen Publikum bedanken. Es gab großartige Momente, die ich nicht missen möchte. Und die Misstöne am Schluss sind schon fast Vergangenheit. Ich freue mich wahnsinnig auf meine anstehenden Projekte und hänge mich da jetzt mit voller Kraft rein.

Fällt Ihnen der Abschied leicht?

Lang: Nein, er fällt mir schwer. Ich habe schwierige Gespräche führen müssen und habe viele Menschen durch meine Entscheidung enttäuschen müssen. Viele haben sich für mich eingesetzt und man hat mir versichert, dass die Mehrheit für mein Konzept stimmen würde. Da fällt es natürlich nicht leicht, zurückzuziehen. Es gab auch großen Zuspruch von der Bevölkerung. Ich kann mich nicht erinnern, so oft auf der Straße angesprochen worden zu sein, immer verbunden mit dem Wunsch, dass ich weitermache. Sie haben sicher die Standing Ovations im Goldenen Saal bei meiner letzten Veranstaltung mitbekommen. Dann der bewegende Abschied, den mir die Künstler und mein Team abends im Hotel bereitet haben. Da geht man nicht leicht. Entschuldigt bitte, meine Freunde, aber ich kann nicht anders.

Hegen Sie jetzt Groll Augsburg gegenüber?

Lang: Überhaupt nicht, auch die Verletzungen am Schluss sind fast vergessen und ganz verziehen. Ich muss mich wiederholen. Die acht Jahre waren eine wundervolle Zeit, für die ich dankbar bin. Die Stadt ist mir wichtig, ich habe mich in Augsburg verliebt. Es gibt viele Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle; das wird bleiben. Der Stadt Augsburg schenke ich hiermit mein Konzept Brecht und Religion für das Reformationsjahr 2017. Vielleicht möchte es jemand umsetzen. Meine Unterstützung sage ich zu. Grundsätzlich hoffe ich, dass die Kultur in Augsburg weiter vorankommt. So oft macht man einen Schritt vor und zwei zurück.

Worauf spielen Sie an?

Lang: Nehmen Sie nur das Thema Brecht: Es tut mir leid, in welchem Zustand das Brechthaus ist. Auch die Akzeptanz des Brechtpreises ist bescheiden.

Warum gab es in den vielen Jahren immer diese Diskussionen um das Brechtfestival?

Lang: Das ist ein merkwürdiger Widerspruch. In der Stadt streitet man sich über das Festival, von außen und vom Publikum gibt es großes Lob dafür. Die Diskussion und auch die Art und Weise, wie sie geführt wird, hat dem Festival, aber mehr noch dem Ansehen der Stadt geschadet. Mir hat schon leid getan, dass mein Vorgänger Albert Ostermaier im Unfrieden gegangen ist. Augsburg und Brecht ist eben ein schwieriges Thema. Ich war nie so vermessen zu glauben, dass es mir gelingen wird, Brecht hier durchzusetzen, das ist dem Dichter ja selbst nicht einmal gelungen. Aber wir haben einen großen Schritt nach vorne gemacht. Dabei gab es schon manch kuriose Vorgänge. Wenn ich nur daran denke, dass wir einmal die Festivaleröffnung mit Ute Lemper in die Stadthalle Gersthofen verlegen mussten, weil das Stadttheater eine Probe hatte. Ein guter Teil der Diskussionen ums Festival wird sicher auch durch Neid geschürt, um so von eigenen Problemen abzulenken. Wenn ein Festival auf so großen Zuspruch stößt, fällt umso mehr auf, welche Veranstaltungen in der Stadt nicht so gut ankommen.

An was denken Sie?

Lang: Das wissen Sie als Kulturjournalist doch viel besser als ich. Ich werde auf keinen Fall  nachtreten. Nur eins möchte ich in aller Sachlichkeit feststellen: Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Sinn macht, ein Festival zu leiten, das der Kulturreferent nicht will. Was ich schade finde, ist, dass letztendlich nicht die demokratisch gewählten Stadträte und der Kulturausschuss über mein Konzept entscheiden, sondern dass durch die vorgezogene Terminfixierung mein Konzept unmöglich wurde.

Das klingt so, als ob die Diskussionen vor allem ein Problem von zwei Menschen gewesen sind: von Thomas Weitzel und Ihnen.

Lang: Auf keinen Fall. Wir haben einfach unterschiedliche Ansichten in dieser Sache. Mein – wie es die Welt am Sonntag in der jüngsten Ausgabe beschreibt - „Credo (Think Big), das den Augsburgern in den letzten Jahren mehr als ein Momentum mit den Größen des deutschen Sprechtheaters bescherte“ auf der einen Seite und die Vorstellungen der derzeitigen Augsburger Kulturverwaltung auf der anderen Seite passen momentan einfach nicht zusammen. Man will mein Konzept zurückfahren und zum Beispiel viel weniger überregionale Künstler einladen. Das ist also kein Problem von zwei Menschen. Sonst gäbe es ja die vielen anderen Schwierigkeiten nicht, an denen ich nicht beteiligt bin. Beim Brechthaus sind die Probleme noch viel größer als beim Festival. Seit Jahren kommt man nicht vorwärts. Und ich denke an die anderen Kulturbaustellen, allen voran die Theatersanierung. Oder auch an das Ende des Filmfests von Herrn Fischer und vieles mehr. Mir tut es für die Zuschauer leid, die so spannende Veranstaltungen verlieren, und ich wünsche mir sehr, dass man für all das gute Lösungen findet.  Sie können sicher sein, dass mein Herz immer auf der Seite der Augsburger Kultur sein wird. Ich wünsche allen viel Erfolg, natürlich auch dem Kulturreferenten. Es gibt hier eine ganz hervorragende Künstlerszene und sehr engagierte Kulturschaffende, die ich immer ins Festival eingebunden habe.

Gibt es am Ende auch eine Überwerfung mit Oberbürgermeister Kurt Gribl? Er hat gesagt, Ihnen stünden nur Äußerungen zum Brechtfestival zu, darüber hinausgehende nicht.

Lang: Nein, sicher nicht, ich schätze ihn sehr. Der Oberbürgermeister hat mich angerufen und mir das mitgeteilt. Aber in der betreffenden Formulierung habe ich Herrn Weitzel gar nicht erwähnt. Er wollte eben seinen Kulturreferenten in Schutz nehmen. Angesichts der Situation, auch im Hinblick auf die Nervosität wegen der Theatersanierung, die für ihn Vorrang vor Brecht hat, kann ich diese Reaktion verstehen. Aber viel mehr Gedanken als über diesen Vorgang mache ich mir darüber, dass dieses Telefonat die einzige Reaktion eines Vertreters der Stadt Augsburg auf das Festival war. Und das bei diesem großen Erfolg. Weder bei meinen Künstlern, noch bei meinem Team und schon gar nicht bei mir hat sich jemand von städtischer Seite bedankt. Es geht dabei wirklich nicht um mich, es geht um unsere Gäste. Ich habe mitunter schon Vermittlungsprobleme, wenn große Künstler in der Stadt auftreten und es kommt von der Seite der Stadt gar nichts. Im Übrigen gilt das für alle unsere Gäste, nicht nur für die Stars. Im Alternativkonzept, das unter Herrn Weitzels Ägide entstanden ist, heißt es, man wolle In Zukunft keine „Almosen in Form von Geldern und Auftrittsmöglichkeiten“ an Stars von auswärts verteilen. Wenn man sich in dieser Form bei meinen Künstlern bedankt, die in den vergangenen Jahren für herausragende Momente gesorgt haben, wäre das schon sehr bedauerlich.

Was bleibt?

Lang: Nach meinem Entschluss, mit dem ich mir es wirklich nicht leicht gemacht habe, überwiegt schon jetzt der Gedanke an die acht wundervollen Jahre. Ich wollte jetzt nochmals einen großen Schritt nach vorne unternehmen und neue, größere Wege gehen, aber das scheitert aus den genannten Gründen. Ich durfte das Festival lange Zeit in künstlerischer Freiheit leiten und dafür bin ich der Stadt, in erster Linie dem Oberbürgermeister, dem Kulturausschuss und dem Stadtrat dankbar. Acht Jahre in Augsburg mit Brecht durchzuhalten, hat sehr viel Herzblut und sehr viel Kraft gekostet, so lange hat das glaube ich noch niemand durchgestanden. Aber all die Anstrengung und der Stress haben sich gelohnt. Ich bin den Augsburgern für immer dankbar, für die wunderbaren Augenblicke, für die Leidenschaft der Diskussion, die Sehnsucht nach Neuem, die Lust, die Sinne zu öffnen, die Freude an der Entdeckung, den Versuch, die Welt zu enträtseln und dabei alles und sich selbst in Frage zu stellen. In einigen ganz besonderen Momenten ist es gelungen, nicht nur die Kunst, sondern in ihr auch das Leben zu genießen. Ich wünsche meinem wunderbaren Publikum und allen Augsburgern von ganzem Herzen alles Liebe. Leben Sie wohl!

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Richard Mayr

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