Freitag, 28. Juli 2017

30. Juni 2017 12:08 Uhr

So leiden die Missbrauchsopfer des Zen-Priesters

Der Buddhist Genpo D. verging sich an Buben. Was er den Opfern und Familien angetan hat, zeigt sich bei den Zeugenaussagen. Der Angeklagte zittert am ganzen Leib

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Augsburg Die Frau aus Tschetschenien weint hemmungslos. Ihr Mann wurde im von Unruhen geplagten Heimatland getötet. Sie flüchtete mit ihren Kindern nach Deutschland und wollte hier ein ruhiges und friedliches Leben führen. Doch es kam anders: Weil der alleinerziehenden Witwe die Abschiebung drohte, ging sie erst ins Kirchenasyl. Und dann kam auch noch Genpo D., 62. Der charismatische Zen-Priester kümmerte sich scheinbar rührend um die Familie. Erst später wurde klar, dass er es vor allem auf den 13-jährigen Sohn abgesehen hatte. Der Junge ist eines von sieben Missbrauchsopfern des Zen-Priesters.

Bei ihrer Zeugenaussage spricht die Frau aus Tschetschenien extrem leise. Ihre Anwältin Marion Zech sitzt daneben. Die Mutter berichtet, wie ihr Sohn nach dem Missbrauch zunehmend aggressiv geworden ist. Vor den Taten sei ihr Sohn ein fröhliches Kind gewesen, inzwischen weine er „sehr viel, sehr oft“, sagt die Mutter am Freitag. Nun sei der Bub in einem furchtbaren Zustand, er schlafe wenig, berichtet die 34-Jährige. Den Angeklagten hat die Jugendkammer des Landgerichts Augsburg in die hintere Ecke des Saals gesetzt, damit die Zeugin ihn nicht zu Gesicht bekommt.

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Ganz anders tritt die Nichte des Zen-Priesters auf. Von ihrem Sohn hat D. laut Anklage 420 Nacktfotos gemacht. Die selbstbewusste junge Frau berichtet, wie der Onkel „plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht“ sei, nachdem es zuvor keinen Kontakt gegeben habe. Ihr Sohn und ihr Onkel hätten sich gut verstanden, der Fünfjährige habe „vier bis fünf Mal“ bei D. in Dinkelscherben (Landkreis Augsburg) mehrere Tage übernachtet. Als ihre Zeugenaussage vorüber ist, wendet sich ihr Onkel von der Anklagebank aus an sie: „Es tut mir sehr leid“, sagt er mit brüchiger Stimme. Doch die Nichte entgegnet entschlossen: „Onkel Rudi, das ist das Letzte, was ich von Dir hören will!“

Der Angeklagte zittert am ganzen Leib. Vergeblich versucht er, seinen linken Arm mit dem rechten festzuhalten. Hans Rudolf D., wie er im nicht-buddhistischen Leben heißt, ist ein gebrochener Mann. Er hatte einen Schlaganfall. Seine Frau hat sich scheiden lassen, seine leiblichen Kinder haben sich abgewandt. Den Ermittlungen zufolge waren sie keine Missbrauchsopfer.

Einst war Genpo D. ein angesehener Zen-Priester, er hatte vor über 20 Jahren begonnen, einen buddhistischen Tempel aufzubauen. Mit seiner ruhigen Ausstrahlung und seiner buddhistischen Weisheit faszinierte er viele Menschen. Genpo D. stieg auf zum Vizepräsidenten des Buddhisten-Weltverbands WFB. In Augsburg saß er am „Runden Tisch der Religionen“. Jetzt sitzt er seit rund einem Jahr in Untersuchungshaft. Zum Prozessauftakt hatte der 62-Jährige gestanden und gesagt: „Es schmerzt mich sehr, dass ich so viel Leid verursacht habe.“

Opfern und Angehörigen bietet das wenig Trost. Anhand der Zeugenaussagen lässt sich ein Muster erkennen: Genpo D. präsentierte sich bewusst als Vaterfigur. In fast allen Fällen hatten die missbrauchten Buben den Vater durch Tod oder Trennung der Eltern verloren. So war es auch in dem Fall, der letztlich zu den Ermittlungen der Kriminalpolizei führte. D. hatte eine Mutter und ihre Kinder im Rahmen einer Trauerbegleitung betreut, nachdem deren Mann und Vater 2012 gestorben war. Er begann mit der Frau eine Affäre und wurde für die Jungs eine Art Ersatzvater. Er kümmerte sich um die Buben, brachte sie ins Bett, gab ihnen auch körperliche Nähe. Doch dann missbrauchte er die zwei Söhne, die zu dieser Zeit im Grundschulalter waren. Laut Anklage leckte und rieb er deren Geschlechtsteile. Der erste Fall liegt länger zurück. Im Jahr 2001 vergriff sich Genpo D. an einem 13-Jährigen, der im Tempel auf Wunsch seiner Eltern Drogenprobleme überwinden sollte. Bei einer Atemübung übte der Zen-Priester an dem Jungen Oralverkehr aus. Dabei wurde der Penis des Opfers verletzt.

Am ersten Prozesstag hatte Genpo D. von Misshandlungen durch seinen Vater und sexuellen Übergriffen durch einen katholischen Pfarrer in Altötting berichtet. Mit 15 ging er nach München, machte erst eine Lehre in der Gastronomie und ging später zur Polizei. Dort kündigte er aber nach fünfeinhalb Jahren wieder.

Nach dem umfassenden Geständnis des Angeklagten hat der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch etliche der ursprünglich 13 Verhandlungstermine abgesetzt. Mit einem Urteil ist nun bereits einen Monat früher, also am 11. Juli zu rechnen.

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Holger Sabinsky-Wolf

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