Sonntag, 25. Juni 2017

14. Oktober 2014 00:34 Uhr

Serie

Spitz sind die Ohren des Dirigenten

Ein halbes Jahr probt Stefan Nerf mit seinem Choro d’arte an dem Stück „Witness“. Wie 23 Frauen und 14 Männer an einem Kunstwerk feilen – und mehr als singen

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Am Anfang war eine Rolltreppe und auf ihr standen Stefan Nerf, Chorleiter aus Augsburg, und Manfred Länger, Komponist und Choreograf aus Wien. Ob er denn eine Idee für eine Chorperformance hätte, klopfte Nerf auf den Busch. Länger hatte. „Witness“, zu deutsch Zeuge, heißt die Tanz-Chormusik-Performance zum Thema Sklaverei. „Ich habe ihn praktisch sofort engagiert“, erinnert sich Nerf. Die Aufführung am kommenden Samstag wird der Höhepunkt des Jahresprogramms seines Choro d’arte sein.

Die katholische Erlöserkirche in Göggingen, eine der letzten Proben vor der Aufführung: Frisch ist es an diesem Abend in dem weißen, moderat modernen Raum in Form eines Tortenstücks. Viele Sänger haben sich in ihre Jacken eingemummelt, die Damen ein Tuch um Hals und Schultern geschlungen. Man probt den Einzug aus dem Hintergrund durch den Mittelgang. Die Männerstimmen raunen auf Englisch die Frage, wer Zeugnis ablegt. Ein wogendes Spiritual. So wie einst die schwarzen Sklaven in den amerikanischen Südstaaten singend auf die Felder zogen. „Wir sind Teil der Inszenierung“, mahnt Dirigent Stefan Nerf seine Sänger. Auch die Choreografie sollte stimmen.

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Fast ein halbes Jahr haben sie sich mit den Noten beschäftigt. Der Stil dieser Musik war für sie ein neues Format. Skeptisch sei der Chor am Anfang gewesen, erzählt die Altistin Verena Laupheimer. Geistliche Musik von der Renaissance bis zur Moderne sang der Choro d’arte bislang. Und jetzt ganz etwas anderes, jazzige Klänge mit harmonisch raffinierten blue notes, ungerade Rhythmen mit Stolperfallen. Ein Gefühl für die Texte, die Melodien, den Rhythmus habe sich allmählich eingestellt, ergänzt Birgit Mangold vom Sopran. „Dann hat’s Spaß gemacht.“ Tenor Georg Reininger schwärmt beflügelt: „Man kriegt so einen Drive.“

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Die Sänger haben zuletzt ein Probenwochenende von Freitagabend bis Sonntag gemeinsam verbracht. Chorleiter Nerf ist mit dem Klangbild insgesamt schon recht zufrieden. „Es wirkt gut“, sagt er anerkennend, wenn er wieder mal sein Notenpult verlässt und aufmerksam lauschend ein paar Schritte in den Raum hineingeht. Spitz sind die Ohren des Absolventen des Salzburger Mozarteums. „Jetzt wart ihr nicht beieinander“, moniert Nerf. „Bitte immer wieder zu mir gucken!“ Er weiß, wo Fallen lauern: „Die Stelle ist immer heiß, wenn ihr im Bass so weit nach unten müsst …“

Als Chorpädagoge braucht er keine lauten Töne, mitunter spricht er sogar ausgesprochen leise in die Reihen hinein. Auf drei Stufen stehen ihm 23 Sängerinnen und 14 Sänger gegenüber – die übliche ungleiche Verteilung. Stefan Nerf vertraut auf die Leistungsfähigkeit seines Choro d’arte. „Bemüht euch, eure Qualität umzusetzen, die ihr habt“, muntert er die Leute auf. Ein paar Neue sind dieses Jahr dazugestoßen, viele singen seit langem mit. Thomas Bergmann aus dem Bass schätzt an Stefan Nerf die Mischung aus ernsthafter musikalischer Arbeit und freundschaftlich lockerem Umgangston.

Vor zwanzig Jahren, 1993, kam Nerf als Kirchenmusiker in die Stadtpfarrei St. Anton. Immer wieder realisierte der Choro d’arte große Konzerte – 2013 das Oratorium „König David“ von Arthur Honegger und die Paukenmesse von Joseph Haydn. Dazwischen liegen A-Cappella-Programme, eine besondere Herausforderung an den Chor, ganz sauber die Töne zu greifen. Das aktuelle Projekt hält der Chorleiter wiederum für einen Tick anspruchsvoller. „Dreizehn neue A-Cappella-Stücke – das ist enorm viel Literatur.“ Darunter Phil Collins’ „Another Day in Paradise“.

Das Plakat für „Witness“ ist gedruckt. Friederike, eine Chorsängerin, die in Paris Kunst studiert hat, hat einen offen dreinblickenden, schwarzen Mann aquarelliert, dem man eine Leidensgeschichte ansieht. Erstmals ließ Nerf das Plakat an 60 Kulturplätzen aushängen. Das hatte seinen Preis, aber: „Man muss sich als Musikensemble dauernd gut aufstellen und darauf achten, dass man unternehmerische Ideen hat.“ Das Publikum ist wählerischer geworden, jede große Aufführung birgt ein ziemliches finanzielles Risiko.

Zusammengesetzt wird die Performance erst diese Woche. Die Chorsänger sind recht gespannt auf die Tänzer in der Choreografie von Gabriela Hofweber – und auf die Texte, die Manfred Länger in seiner Moderation vortragen wird. Sie seien mitunter „heftig“, heißt es, weshalb die Inszenierung erst ab zwölf Jahren empfohlen wird. Wer sie bislang gesehen hat, war bewegt.

Performance „Witness“ am Samstag, 18. Oktober, um 20 Uhr in der Erlöserkirche, Wellenburger Str. 58. Karten u.a. bei Bücher Pustet im Café.

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Alois Knoller

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