Freitag, 20. Oktober 2017

29. März 2017 00:05 Uhr

Schach

Bauern gegen Könige

Sowohl in der Frauen- als auch in der Männer-Bundesliga verfügen einige Vereine über viel Geld, andere müssen jeden Cent umdrehen. Die SG Augsburg und der BCA Augsburg versuchen mitzuhalten

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Ulla Münch, 60, freut sich wie ein kleines Mädchen auf die zentrale Endrunde der Schachbundesligen Ende April in Berlin. „Für uns“, sagt die Mannschaftsführerin der SG Augsburg, „wird das ein tolles Erlebnis.“ Es ist das erste Mal, dass die Männer- und Frauen-Bundesliga ihre letzten drei Runden zur gleichen Zeit an gleicher Stelle ausspielen. Zwölf Frauen- und 16 Männerteams werden im mondänen Maritim-Hotel ihre deutschen Meister ermitteln.

„Die zwei stärksten Schachligen der Welt treffen sich in der Hauptstadt zum Meisterschafts-Showdown“, heißt es auf der extra gestalteten Homepage. Der Verein Schachbundesliga, der die Punktrunde organisiert, kleckert nicht, sondern klotzt. Über 70 Großmeister werden sich an die Bretter setzen. Und Ulla Münch ist mit der SG Augsburg als Aufsteiger mittendrin.

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Es ist wie das Märchen vom Aschenputtel, das auf dem Ball des Königs in eine fremde Welt eintaucht. So groß sind die finanziellen Unterschiede in der Liga. Münch nimmt einen Vergleich aus der Schachwelt. „Es spielen Bauern gegen Könige.“ Während sie mit 2000 bis 3000 Euro die Reisekosten der gesamten Saison bestreiten muss, Antrittsprämie gibt es nicht, können Spitzenteams wie SK Schwäbisch Hall, OSG Baden-Baden oder die Rodewischer Schachmiezen bis zu sechsstellige Summen ausgeben. In der sächsischen Kleinstadt Rodewisch, nahe Plauen, hat sich ein Pool von fast 30 Sponsoren gebildet. Die OSG Baden-Baden wird großzügig vom S-Dax-notierten Finanzdienstleister Grenkeleasing unterstützt und gilt als Liga-Krösus. Auch wenn das Hauptaugenmerk der OSG auf den Männern liegt, dem deutschen Rekordmeister. Da wird schon mal der ehemalige indische Weltmeister Viswanathan Anand eingeflogen.

Münch kann da nur staunen. „Was sollen wir als Gegenwert für einen Sponsor bieten?“, fragt sie im Foyer des Ibis-Hotels an der Hermanstraße. In Augsburg ist der Sponsorenmarkt durch die Platzhirsche FCA und AEV so gut wie besetzt. Münch ist schon froh darüber, dass sie im Ibis umsonst spielen kann und günstige Konditionen für Übernachtungen der Spieler bekommt.

Dass die SG Ende April noch um den Klassenerhalt spielt, ist verwunderlich. Am Samstag sicherte sie sich beim Doppel-Heimspieltag mit dem 4:2 gegen Mitaufsteiger Harksheide den ersten Sieg, am Sonntag war die SG beim 2:4 gegen Hamburg aber chancenlos.

Seit der Einführung des Ligenbetriebs Anfang der 90er Jahre organisiert Münch das SG-Team. 1997/98 hat es sogar in der Bundesliga gespielt. Langjährige Kontakte von Münch sichern den Spielbetrieb auf diesem Niveau. Sollte die SG am Ende des Marathonwochenendes in Berlin den rettenden neunten Platz erreichen (drei Teams steigen ab), würde Münch ein weiteres Jahr Bundesliga anpeilen. „Wir haben Lunte gerochen. Es macht Spaß, im Konzert der Großen mitzuspielen.“

Das würde auch gern Johannes Pitl in der Männer-Bundesliga. Der umtriebige 72-Jährige steht seit langem dem SK Göggingen vor. In den vergangenen Jahren ist er mit dem Team wie im Aufzug bis in die 2. Liga marschiert. Auch er nutzt Kontakte, die er über Jahrzehnte aufgebaut hat. „Bei uns gibt es keine Reichtümer zu verdienen. Die Mannschaft fand über internationale Turniere und persönliche Kontakte zusammen“, sagt Pitl. Die Nummer eins, Eduardas Rozentalis, kenne er seit etwa 25 Jahren.

Der pensionierte Jurist greift auch zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Als in dieser Saison die Meisterschaft möglich ist, gründet er kurzerhand den BCA Augsburg. Er koppelt das Zweitligateam vom SK Göggingen ab und überführt sie in den BCA, damit Augsburg im Vereinsnamen vorkommt. Pitl sagt: „Das hat Vorteile in der Wahrnehmung des Vereins, für das Renommee Augsburgs und bei der Suche nach Förderern und Sponsoren.“

Pitl bewies Gespür. Vor wenigen Tagen machte der BCA sein Meisterstück und ließ den punktgleichen Ex-Erstligisten Aue hinter sich. Für Pitl keine Überraschung. „Wir waren im Vorjahr Vizemeister. Unsere Stärke lag an den Brettern 6, 7 und 8, da haben wir in der ganzen Saison von 27 nur eine einzige Partie verloren.“ Die Meisterschaft ist der größte Mannschaftserfolg für den schwäbischen Schachsport seit 1943, als der SC Augsburg 1873 überraschend deutscher Meister wurde. Von solch einem Titel träumt wohl auch Pitl ein wenig. Er ist ein Macher, hat mit dem Ibis-Accor-Augsburg-Turnier einen internationalen Wettbewerb etabliert. Doch das reicht ihm nicht. „Mir geht es darum, dass der Name Augsburg nicht nur mit renommierten internationalen Turnieren verbunden wird, sondern die beste Adresse im bayerischen Herrensport wird.“

Die Bundesliga-Endrunde in Berlin wäre auch für ihn die passende Bühne. Doch Pitl ist nicht nur Visionär, sondern auch Realist. Bisher sieht es nicht so aus, als würde der BCA das Aufstiegsrecht wahrnehmen. Pitl: „Ich sehe im Moment keine Möglichkeit, einen Etat für den Klassenerhalt in der ersten Liga zu finanzieren.“ Nötig wäre wohl eine mittlere fünfstellige Summe. In der Männerbundesliga würde er damit noch zu den Bauern gehören – und nicht zu den Königen.

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