Donnerstag, 21. September 2017

13. September 2017 21:01 Uhr

Finanzen

Wen Strafzinsen wirklich treffen

Jede vierte deutsche Bank denkt darüber nach, Minuszinsen bei ihren Kunden zu erheben. Wie Verbraucher reagieren können, um ihr Guthaben zu sichern.

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Strafzinsen selbst für Privatleute schließen manche Banken nicht aus. Bisher trifft es aber vor allem große Vermögen.
Foto: Andrea Warnecke, dpa

Augsburg Jede vierte Bank kann sich vorstellen, künftig Strafzinsen bei ihren Kunden zu erheben. Das hat eine Umfrage der Bundesbank und der Finanzaufsicht Bafin unter 1555 kleinen und mittelgroßen Kreditinstituten ergeben. Was müssen Kunden befürchten? Und wie können sie vermeiden, Geld zu verlieren?

Was sind Strafzinsen eigentlich?

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Wer Geld auf dem Sparkonto lagert, bekommt üblicherweise Zinsgeld von der Bank, eine finanzielle Belohnung fürs Sparen. Bei Strafzinsen – auch Negativzinsen oder Minuszinsen genannt – läuft das genau andersherum: Wer (zu viel) Guthaben auf dem Konto hortet, muss Geld an die Bank zahlen. Wie hoch die Zinsen sind, also welcher Prozentsatz als Grundlage der Berechnung dient, unterscheidet sich je nach Bank.

Woran liegt es, dass Banken nun Strafzinsen bei Kunden erheben?

Die Europäische Zentralbank (EZB) fordert derzeit von den Banken, die bei ihr Geld parken, einen Minuszins von 0,4 Prozent. Die Banken zahlen also Strafe für ihre Kapitalüberschüsse. Diese Verluste versuchen sie abzufangen: Manche sehen sich gezwungen, die Kosten teils an ihre Kunden weiterzugeben, etwa in Form von Gebühren oder Strafzinsen auf Spareinlagen.

Was verspricht sich die EZB von dieser Geldpolitik?

Die EZB verfolgt derzeit eine Null-Zins-Strategie. Das heißt: Der Leitzins im Euroraum liegt bei einem Rekordtief von null Prozent. Dadurch übt die EZB Druck aus – mit dem Ziel, durch günstiges Kapital Inflation und Konjunktur anzukurbeln. „Die Menschen sollen ihr Geld nicht horten, sondern ausgeben oder investieren“, erklärt Sascha Straub, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bayern.

Wie hoch liegen Strafzinsen bei den deutschen Banken aktuell?

Strafzinsen betragen bis zu 0,4 Prozent – also so viel, wie die EZB fordert. Eine Bank in Baden-Württemberg hat sogar 0,5 Prozent ab dem ersten Euro auf dem Girokonto erhoben, ist aber nach medialer Kritik und einer Abmahnung von Verbraucherschützern zurückgerudert. Eine Unterlassungserklärung hat die besagte Bank nicht unterschrieben. „Momentan testen Banken, wie weit sie gehen können“, sagt Straub.

Warum erheben manche Banken Strafzinsen und andere nicht?

Die einzelnen Banken handeln vorsichtig, denn sie wollen ihre Kunden nicht an die Konkurrenz verlieren. Straub vermutet: „Banken mit einem starken Filialsystem beziehen wahrscheinlich früher Strafzinsen. Auch Banken, bei denen viel Geld lagert. Sie haben mehr Verluste, die sie ausgleichen müssen.“

Welche Kunden sind betroffen?

Von Geschäftskunden, also Firmen, fordern viele Banken bereits seit einiger Zeit Strafzinsen. „Der Aufschrei war nicht so groß. Wahrscheinlich, weil keine Verbraucherrechte betroffen sind“, sagt Straub. Bei Privatkunden waren die Banken bislang zurückhaltend, künftig will jedoch jede zwölfte Bank auch von ihnen Strafzinsen erheben, so die Umfrage – vor allem von sehr vermögenden Kunden. Eine Rolle spielt laut Straub auch, ob es sich um Neu- oder Bestandskunden handelt: „Bestandskunden haben einen Vertrauensschutz. Zudem ist eine Änderung der allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht ohne Weiteres möglich.“ Bei Neukunden seien Strafzinsen einfacher einzuführen.

Wie viel Geld darf auf dem Konto liegen, bevor Strafzinsen anfallen?

Meist werden Strafzinsen erst ab einem Betrag von 100000 Euro erhoben. „Strafzinsen erinnern daran: Hey, so viel Geld sollte ich nicht auf der Bank lagern, das ist nicht sinnvoll“, sagt Straub. Es gebe aber Banken, die bereits bei einer Schwelle von 10000 Euro ansetzen. Straub kritisiert das: „Wozu braucht man dann noch eine Bank?“

Wird die Schwelle sinken?

Die Schwelle für Strafzinsen könnte in den kommenden Wochen sinken, sollte sich das Zinsniveau weiter verschlechtern. Straub rechnet jedoch nicht damit, dass Banken sprunghaft auf Strafzinsen setzen. Generell gelten Strafzinsen auf kleine Beträge in der Branche als Tabu.

Was, wenn Geld auf verschiedene Konten verteilt ist: Werden die Beträge summiert?

Zusammengerechnet werden einlagengesicherte Produkte, etwa Tages- und Festgeldkonten, sowie das Girokonto. Die Schwelle könnte also erreicht werden, etwa wenn jemand für die Altersvorsorge oder ein Eigenheim spart. Aktien oder Wertpapiere sind außen vor.

Was können Kunden tun, um kein Geld zu verlieren – zu Hause unter der Matratze lagern?

„Nein, es ist übertrieben, in Panik zu verfallen“, sagt Straub. Verbraucher könnten sich absichern, indem sie ihr Geld auf mehrere Banken verteilen. Ein Bankvergleich per Internetplattform lohne sich, dort seien Strafzinsen oft aufgeführt. Zudem sollten Kunden seiner Meinung nach eher konservative statt risikoreiche Angebote wählen, um Geld zu investieren. Wertpapiere hätten wegen der aktuell niedrigen Zinsen an Attraktivität verloren. Überrumpelt wird niemand von Strafzinsen: Banken müssen sie ankündigen. Bislang reagierten die Kunden besonnen, teilen die Dachverbände der Sparkassen und genossenschaftlich organisierten Banken mit.

Wie lange müssen Verbraucher noch mit Strafzinsen rechnen?

Ändert sich die Zinspolitik der EZB nicht bald, rechnen Banken damit, dass es bis ins Jahr 2019 hinein negative Zinsen geben kann. Das schätzt etwa der Bundesverband der Banken. Kreditinstitute fordern von der EZB seit langem eine Wende in der Geldpolitik – bislang ist eine solche nicht beschlossen.

Können sich Verbraucher gegen Strafzinsen wehren?

Klagen sind denkbar. Bisher haben die Gerichte Straub zufolge aber noch nicht entschieden, inwiefern Strafzinsen bei Privatkunden erlaubt sind. Es gelte: Je niedriger der Geldbetrag, an dem angesetzt wird, desto mehr Rechte sind betroffen. „Kunden zahlen schließlich schon Kontoführungsgebühren. Strafzinsen könnten als unzulässige doppelte Bepreisung gedeutet werden“, sagt der Finanzexperte. Auch Abmahnungen über Verbraucherverbände seien eine Option.

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Ein Artikel von
Sabrina Schatz

Günter Holland Journalistenschule
Ressort: Volontärin

Artikelteaser-Box: Typ 'meist_und_best' nicht gefunden.


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