Mittwoch, 16. August 2017

11. März 2009 16:47 Uhr

Nachbarn berichten

Der unauffällige Junge von nebenan

Die Menschen in der Umgebung von Tim K. sind geschockt, dass dieser ruhige Junge zum Amokläufer geworden ist.

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Von Daniel Wirsching

Winnenden/Augsburg - Unauffällig. Tim K. war unauffällig. So beschrieben ihn die Menschen, die ihn kannten. Sie sind geschockt, dass dieser ruhige Junge zum Amokläufer geworden ist. "Er war ein ganz normaler Junge", sagt etwa Eckehard Weiß vom Tischtennisverein (TTV) Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg).

Als Jugendleiter kannte er Tim K. Er fuhr ihn zu Turnieren, förderte ihn. Bevor der Bub ins nahe Fellbach-Öffingen (Rems-Murr-Kreis) zum dortigen Verein und dessen Tischtennisabteilung gewechselt ist, spielte er in Erdmannhausen in der ersten Herrenmannschaft, Oberliga - in Rücksprache mit seinen Eltern und seinem Trainer Marko.

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Der Kroate, hauptberuflicher Tischtennistrainer beim TTV, war sein Vorbild. Eine Bezugsperson. Als er zurück nach Kroatien ging, verließ auch Tim K. den Verein, nach drei Jahren. Mit elf ist er zum TTV gekommen. "Weil er gesehen hat, dass er bei uns intensiver trainieren kann als in seiner Heimatgemeinde Leutenbach", sagt Eckehard Weiß.

Ihm ist vor allem der sportliche Ehrgeiz Tim K.s in Erinnerung geblieben: "Wenn er so weitergemacht hätte wie bei uns, hätte er es sicher zu etwas gebracht im Tischtennis. Er war ein großes Talent." Zweimal holte er sich die Bezirksmeisterschaft. Weiß verfolgte die Spiele des 17-Jährigen bis zuletzt. Er suchte nach ihm in den Ergebnislisten. Am vergangenen Wochenende trat Tim K. in der Kreisliga an. Zwei Punktspiele. Eins gewann er, eins verlor er.

Er war ein ruhiger Junge, sagen die, die ihn kannten. Schüchtern war er nicht. "Manchmal war er von oben herab", meint Weiß. Doch das ist das einzig Negative, das ihm einfällt. Tim habe die Tischtennis-Weltrangliste auswendig hersagen können. Von gewalttätigen Computerspielen oder rechtsradikalen Gedanken wisse er nichts. Bis zu vier Mal die Woche trainierte Tim K. beim TTV. Immer dienstags und freitags von 18 bis 20 Uhr. Je nachdem, wie lange er Schulunterricht hatte, übte er an zwei weiteren Tagen mittags Aufschläge, Vor- und Rückhand. Für nochmals vier Stunden.

Nach Angaben der Stuttgarter Zeitung waren Tim K. und seine Eltern voll in die Dorfgemeinschaft ihres Heimatortes integriert. In Weiler zum Stein, einem Gemeindeteil von Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) mit knapp 3000 Einwohnern, achte man aufeinander. Der Vater eines Schülers, der durch einen Streifschuss verletzt wurde, sagt über Tim K.: "Ich hätte nie gedacht, dass er dazu fähig ist."

Bürgermeister Jürgen Kiesl verlieh Tim K. bei einer Sportlerehrung vor ein paar Jahren eine Auszeichnung für seine Tischtenniserfolge. Er lobte ihn ebenfalls für seine Leistungen im Armdrücken. Kiesl beschreibt ihn und seine Familie - Tim K. hatte eine 15-jährige Schwester - als freundlich. Sie lebten in einem Neubau, der Vater, angeblich ein wohlhabender Unternehmer, soll aber laut einem Nachbarn ein Patriarch sein. Im Tresor des Hauses hatte der Hobbyschütze 14 Waffen deponiert, eine weitere im Schlafzimmer.

Warum tötet ein Vorzeigesportler, ein "normaler" Junge 15 Menschen? Einer, der der Wirtin des Schützenvereinsheims zufolge nie Alkohol getrunken hat? Polizeipsychologen erklären: Der typische Amokläufer ist eher unauffällig, zeigt seine Gefühle nicht und neigt zu Selbstüberschätzung.

Glaubt man ehemaligen Freunden von Tim K., gab es Alarmzeichen. Einer sagt, dass Tim ziemlich eigen geworden sei. Ein Nachbarsbub, der mit ihm in eine Klasse gegangen ist, berichtete, Tim K. habe öfter mit Softball-Waffen herumgeschossen und Ballerspiele am Computer gespielt. Ein ganzes Arsenal von Luftdruckwaffen habe er in seinem Zimmer gelagert. Ein anderer spricht von Tausenden Horrorvideos. Bekannt wurde das höchstens einem engen Kreis. Für die Beamten der Polizeidirektion Waiblingen war Tim K. ein unbeschriebenes Blatt.

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Ein Artikel von
Daniel Wirsching

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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