Mittwoch, 13. Dezember 2017

22. September 2015 20:57 Uhr

Kanzler

Merkel stellt Schröder-Biographie vor

Zehn Jahre ist es her, dass sich Gerhard Schröder über Angela Merkel lustig gemacht hat. Nun stellt die Kanzlerin ein Buch über ihn vor. Über die Parallelen zweier Machtmenschen.

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Das Buch mit dem Titel «Gerhard Schröder - Die Biographie» hat der Autor Gregor Schöllgen verfasst. Angela Merkel hat es vorgestellt.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Nein, Gerhard Schröder will die Politik seiner Nachfolgerin Angela Merkel nicht kommentieren. Zehn Jahre nach dem Machtwechsel möchte der Altkanzler - der mit der Agenda 2010 Deutschland wirtschaftlich zukunftsfest machte und seine SPD spaltete - keine Parallele zu Angela Merkels riesiger Herausforderung in der Flüchtlingspolitik ziehen. Und tut es dann doch. «Wie es ausgehen wird, wird nach meiner Auffassung davon abhängen, wie schnell und wie mutig ein neues Einwanderungsgesetz, das ich für erforderlich halte, gemacht wird», sagt Gerhard Schröder. Natürlich im Wissen, dass die Kanzlerin jüngst wieder ein solches Gesetz für nicht vordringlich erklärt hat und in ihrer Union in der Flüchtlingsfrage massiv unter Druck steht. 

Merkel und Schröder. Zwei Regierungschefs. So verschieden, aber mit einer entscheidenden Schnittmenge: Sie sind Machtmenschen. Anders kann man nicht in ein solches Amt kommen, macht Merkel am Dienstag in Berlin deutlich, als sie die 1000-Seiten-Biografie des Historikers Gregor Schöllgen über Gerhard Schröder vorstellt. Eine Biografie über den Mann, der am Abend der Bundestagswahl 2005 im Fernsehen mahnte, man möge doch die Kirche im Dorf lassen und nicht an eine große Koalition unter einer Kanzlerin Merkel glauben. 

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Gerhard Schröder und Angela Merkel haben auch Gemeinsamkeiten

Schröder nennt den denkwürdigen TV-Auftritt von damals eine «Kultsendung». Er habe sich «lustvoll» wenngleich «suboptimal» verhalten. «Trotzdem möchte ich das nicht missen», sagt er. Er bedankt sich bei Merkel, dass sie nun das Buch vorstellt. Das sei nicht selbstverständlich nach all den Auseinandersetzungen. Merkel sagt, die Differenzen änderten nichts an ihrer Hochachtung für seine Reformleistung. Ob sie sich einen Pragmatiker wie Schröder im Kabinett wünsche, wird die Kanzlerin gefragt, und der 71-Jährige ruft schnell: «Kann man sich nicht wünschen.» Merkel sagt, mit ihm wäre sie auch klargekommen. Sie kommt ja auch irgendwie mit SPD-Chef Sigmar Gabriel im Kabinett und dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer in der Koalition klar. Die sind auch nicht zimperlich. 

Schröder lächelt und zeigt zusammengebissene Zähne. Seine Augen sind wässrig, seine Wangen gerötet. Er amüsiert sich bei der Frage, ob er und Merkel sich politisch austauschten und einmal gemeinsam zum Essen gingen. Er mag gedacht haben, was Merkel dann sagt: «So ausschweifend wollen wir nicht gleich werden.» Schröder wünscht seiner SPD, dass sie diese Frau 2017 wieder aus dem Kanzleramt verdrängt. 

Beide werden gebeten, einen großen Fehler des anderen zu benennen. Jetzt schweigt Schröder wirklich. Merkel nicht. Es geht um Macht. Sie sagt: «Ich habe es nicht richtig gefunden, dass er den Parteivorsitz abgegeben hat. Das war (...) absehbar, dass damit auch etwas Wichtiges nicht mehr da war in einer Hand. (...) das war für mich so ein Punkt, wo ich gedacht habe: Das hat Konsequenzen.» 

Die Spendenaffäre von Helmut Kohl gab den Ausschlag

Damit dürfte klar sein, dass Merkel für sich selbst entschieden hat, Kanzleramt und CDU-Vorsitz in ihrer Hand zu behalten oder beides aufzugeben. Wann sie wusste, dass sie Bundeskanzlerin werden will? «Das war letztendlich diese Zeit der Spendenaffäre, als ich mich entschlossen habe, Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union werden zu wollen.» Das war Anfang 2000. Damals war die Union in der Opposition und wegen der CDU-Spendenaffäre bis hin zu Helmut Kohl in einer Krise. «Es ist noch mal ein Unterschied, Parteivorsitzende zu sein in einer Oppositionsphase.» In CDU und SPD müsse man sich prüfen, ob man als Parteichef auch bereit ist, Kanzler zu werden. 

Schröder beschwört die Gesellschaft, in der es möglich ist, dass zwei Menschen Kanzler wurden, die nicht «mit dem goldenen Löffel im Mund» geboren wurden. «An meiner Wiege wurde mit Sicherheit nicht gesungen: Ich werde Bundeskanzler. Aber an Ihrer, Frau Merkel, auch nicht.» 

Zu den Besonderheiten des Buches gehört für Merkel Schöllgens akribische Rekonstruktion der dramatischen Familiengeschichte Schröders. Merkel stellt die Liebe der Mutter heraus - «das, was den Kern des Lebens ausmachen sollte». Schröder sagt, seine Mutter habe in ihrem Leben kaum Liebe erfahren und lange in Armut gelebt - war aber in der Lage, ein freudvolles Leben zu führen. Berührend, wie er seine Liebe zu seiner Mutter beschreibt. 

Gerhard Schröder meldet sich immer noch zu Wort

Und was macht einen Bundeskanzler nun aus? Das beantwortet Schöllgen. Kanzler müssten die Überzeugung haben, Deutschland auf die Zukunft vorzubereiten. Dafür müssten sie den Verlust der Kanzlerschaft  in Kauf nehmen. So war es bei der Agenda 2010 mit den umstrittenen tiefen Einschnitten ins Sozialsystem durch die Hartz IV-Reformen. Schröder sagt: «Das Risiko einzugehen, das Amt zu verlieren - das war bei der Agenda 2010 der Fall. Wir wussten, wie schwierig es werden würde, aber wir wussten auch, dass es ohne nicht gehen würde.» Damals waren mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos.

Für Merkel könnte das die Flüchtlingspolitik werden. Im August hat sie die Tür Deutschlands für Bürgerkriegsflüchtlinge aufgemacht und Hunderttausende kommen. «Wir schaffen das», sagt Merkel. Aber viele  Unionspolitiker und Bürger fühlen sich überfordert und haben Angst. Vielleicht wusste Merkel bereits vor einigen Wochen, dass es schwierig wird - aber, dass es anders nicht geht. dpa

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