Dienstag, 20. Februar 2018

Themenseite: Leben im Rausch

20. November 2016 08:15 Uhr

Leben im Rausch

Der Teufel in mir: Eine Alkoholkranke über ihr Schicksal

Hedwig Herdmann wächst behütet auf. Sie studiert, wird Lehrerin. Ihre Sorgen ertränkt sie mit vier Flaschen Wodka täglich – bis sie fast stirbt. Wann Rausch zur Sucht wird. Von Alexander Sing und René Lauer

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Frau Mayr ist misstrauisch. Schon seit Tagen hängt eine Tüte Obst an der Wohnungstür ihrer Nachbarin. Ihr Auto steht da, doch sie öffnet nicht. Der Nachbarin wird doch nichts passiert sein? Frau Mayr ringt mit sich. Sie hat einen Schlüssel zu der Wohnung. Soll sie einfach hineingehen? Was, wenn die Nachbarin ihr das übel nimmt? Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Sie kramt den Schlüssel aus der Schublade, geht hinüber und sperrt leise auf.

Ein saurer Geruch schlägt ihr entgegen. Die Nachbarin liegt im Wohnzimmer. Nackt bis auf einen Slip kauert sie inmitten von leeren Wodkaflaschen und Pfützen mit Erbrochenem. Frau Mayr reagiert schnell. Sie stürzt zu der Frau, merkt, dass sie noch atmet. Dann rennt sie in ihre Wohnung und wählt den Notruf. Es ist die Rettung für Hedwig Herdmann.

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Hedwig Herdmann hatte 4,9 Promille im Blut

Ein Jahr später sitzt Herdmann an einem Holztisch im Gemeinschaftsraum des Abbé-Pierre-Zentrums in Augsburg, einer Tagesstätte für Alkoholkranke. Sie nippt an einer grünen Tasse. Heißes Wasser und klein geschnittener Ingwer, darauf schwört sie. Herdmann ist schlank, fast schon dürr. Das dunkle Haar trägt die gepflegte 48-Jährige ziemlich kurz, die braunen Augen blicken ein bisschen traurig, als sie vom Tiefpunkt ihres Lebens erzählt. „Im Krankenhaus haben sie 4,9 Promille in meinem Blut gemessen. Der Alk hat mich im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden geworfen.“ Wäre die Nachbarin nicht gekommen, Herdmann hätte es wohl nicht überlebt.

Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Auch, weil ihre Familie einen großen Anteil an ihrem Abrutschen in die Sucht trage, sagt sie. Eigentlich ist Hedwig Herdmann der Name einer Heldin aus einem Kinderbuch. „Sie ist rebellisch, wie ich.“

Im Abbé-Pierre-Zentrum zählt sie zu den wenigen Frauen. Und sie hat als Einzige einen Studienabschluss. In ihrem früheren Leben war Hedwig Herdmann Grundschullehrerin. Wie kann so jemand so tief fallen? Die traurige Geschichte beginnt schon in ihrer Kindheit.

Als Kind betete sie zum lieben Gott, dass sie ein Junge werde

Hedwig Herdmann wuchs behütet im Allgäu auf. Der Vater war Bankdirektor, die Mutter Hausfrau. Es fehlte an nichts. Schon früh zeigte sich aber, dass Herdmann nicht ins Bild der perfekten Familie passen wollte. „Mir wurde als Kind das Gefühl gegeben, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich habe meinem Uropa den Stock weggenommen und beim Nachbarn Kirschen geklaut. Das macht man als Mädchen wohl nicht.“ Mit vier Jahren betete sie regelmäßig zum lieben Gott, dass sie ein Junge werde. Mit zehn küsste die frühreife Hedwig beim Flaschendrehen zum ersten Mal einen Jungen. Prompt verboten die Eltern ihr den Umgang mit Jungs. „In diesem Augenblick habe ich beschlossen, meinen Eltern nichts mehr zu erzählen.“

Auch die Sucht behielt sie lange für sich. Mit 13 trank Herdmann zum ersten Mal Alkohol. Batida Orange. Es war verboten, es war aufregend. Den ersten Rausch hatte sie mit 15 auf einer Klassenfahrt. Drei Bier reichten aus.

Schon damals spürte sie, dass der Alkohol ihr hilft, die Probleme des Alltags zu vergessen.

Ein typischer Fall. Und einer von vielen, die bei Professor Martin Keck auf dem Tisch liegen. Er ist Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. In der Klinik im Münchner Stadtteil Schwabing werden auch Suchterkrankungen behandelt und erforscht. Keck lässt sich in seinem Büro – weiße Wände, weiße Möbel, weiße Fliesen – auf einen Stuhl sinken und lehnt sich zurück. „Besonders einschneidende Erlebnisse, die in der Jugend mit Alkohol bekämpft wurden, können Auslösemomente für eine spätere Sucht sein“, sagt der Arzt. Dann springt er auf, kramt das Modell eines längs aufgeschnittenen Gehirns aus einem Regal und legt es auf den Tisch.

Jeder Rausch entsteht im Gehirn auf die gleiche Art und Weise

Ein Stift, den er in seinem Kittel findet, dient als Zeigestab. „Das ist das Mittelhirn“, fährt der Professor fort und deutet auf einen Punkt im Zentrum des Modells. „Hier wird die Ausschüttung von Dopamin geregelt, dem zentralen Nervenbotenstoff.“ Das oft als Glückshormon bezeichnete Dopamin ist der Motor eines jeden Rauschs, egal ob durch Kokain ausgelöst oder einen Bungee-Sprung. Vom Mittelhirn aus wird es in andere Hinregionen gesendet und setzt dort die Ausschüttung weiterer Botenstoffe in Gang, die für ein belebendes, entspannendes oder erregendes Gefühl im Körper sorgen.

Das Bedürfnis, sich zu berauschen, ist sogar natürlich. Es dient dem Selbsterhaltungstrieb. Der Körper belohnt sich mit einem angenehmen Gefühl, wenn wir gut essen, Freunde treffen oder Sex haben. Kann es dann überhaupt schädlich sein? „Ja.“ Martin Keck dreht das Modell in seiner Hand und deutet auf den vorderen Teil. „Das Stirnhirn ist dafür verantwortlich, unser Verhalten zu steuern, den freien Willen zu erhalten. Es wird aber nach jeder Rauscherfahrung umprogrammiert.“ Jetzt hält er kurz inne.

Manche Menschen werden unglaublich schnell abhängig

Und weiter geht’s. Das Gehirn verknüpft den Alkohol mit dem positiven, berauschenden Gefühl. Es speichert ab, dass Trinken Sorgen weniger schlimm macht. Und mit jedem Rausch kann ein wenig Selbstkontrolle verloren gehen. „Bei manchen Menschen wird das Gehirn gleich sehr stark umgebaut. Sie werden unglaublich schnell abhängig.“ Weil das Stirnhirn sich in der Jugend langsamer als das Mittelhirn entwickelt, werde ein Rausch in der Pubertät in der Regel intensiver wahrgenommen, prägt den Menschen aber auch stärker.

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Augsburg | Allgäu | Schwabing

Der Schwerpunkt und seine Macher

Ein „Leben im Rausch“ ist der Titel einer Sammlung von sorgfältig recherchierten Geschichten. Ekstase und Grenzüberschreitungen, aber auch positive Seiten – die zwölf Nachwuchsjournalisten der Günter Holland Journalistenschule haben sich in ihrer Schwerpunktausgabe genau diesem sensiblen Thema gewidmet. Sie wollten hinter das exzessive Leben vieler Menschen blicken, haben kritische Fragen gestellt und zugehört. Am Ende sind daraus Geschichten mit überraschendem Ende entstanden, welche die Autoren selbst bewegt haben. Das alles erzählen sie in diesem Online-Schwerpunkt, der ergänzend zu den Artikeln in der Samstagsausgabe der Augsburger Allgemeinen und ihren Heimatzeitungen erscheint (19. November 2016).

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