Mittwoch, 16. August 2017

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Recklinghausen (dpa/tmn) - Es passiert oft unbewusst: Wenn im Fernsehen ein spannender Film läuft oder es bei der Arbeit Stress gibt, kauen viele Menschen an den Nägeln.

Sie knabbern und beißen, oft auch am Nagelbett. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene kauen häufig Nägel. Experten schätzen, dass es bis zu zehn Prozent aller Männer und Frauen sind. Doch selbst wenn viele Menschen damit unglücklich sind: Es fällt ihnen schwer, mit dem Knabbern einfach aufzuhören.

Warum aber lassen so viele Menschen ihre Finger nicht in Ruhe? Immerhin sieht es nicht nur unschön aus. In einigen Fällen entzündet sich auch das Nagelbett. «Es handelt sich um eine Verhaltensgewohnheit, die dem Spannungsabbau dient», erklärt Kerstin Wolff, Diplom-Psychologin aus Recklinghausen. Das Nägelkauen sei ähnlich wie im Tierreich eine Übersprungshandlung, wenn Stress unausweichlich ist: «Hilflosigkeit einer Situation gegenüber ist oftmals ein Auslöser.»

Diese Hilflosigkeit hat laut Wolff verschiedene Gründe: Einige Menschen können in einer bestimmten Situation ihre Gefühle nicht ausdrücken. Andere seien in ihrer Handlung eingeschränkt - sie können beispielsweise am Arbeitsplatz dem Chef nicht alles sagen, sondern fressen ihren Unmut in sich hinein.

«Nägelkauen ist eine Möglichkeit, Spannung zu reduzieren», sagt auch der Psychologe Constantin Sieg aus Bad Hersfeld. Indem jemand mit dem Gebiss einen gewissen Druck auf die Nägel ausübt, konzentriere er sich - zumindest kurzfristig - auf etwas anderes. «Das kann als entlastend empfunden werden, wie eine Art kurzes Durchatmen», sagt Sieg. Allerdings halte diese Ablenkung nicht lange an: Nägelkauen ist lediglich eine kurzfristig beruhigende und ablenkende Handlung. Ausdauersportarten wie Joggen haben einen deutlich längeren Effekt.

Problematisch ist beim Nägelkauen, dass die Betroffenen es oft unbewusst tun und erst nachher den Schaden wahrnehmen. Gegen das unbedachte Knabbern sollen spezielle Tinkturen aus der Apotheke helfen. «Diese bitter schmeckenden Lösungen werden auf die Nägel aufgepinselt», erklärt Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin. «Sie sollen dafür sorgen, dass man nicht nebenbei und unbemerkt an den Nägeln kaut, sondern durch den bitteren Geschmack merkt, was man da tut - und im besten Fall aufhört.» Diese Tinkturen können auch über den Nagellack aufgetragen werden und schmecken bitterer als Zitronen, sind aber nicht giftig.

Allerdings helfen die Tinkturen nicht in jedem Fall. Gerade Kindern mache der Geschmack häufig nicht so viel aus, sagt Sellerberg. Auch bei Erwachsenen brächten sie nicht immer die gewünschte Abstinenz, fügt Sieg hinzu. «In leichten Fällen können die Tinkturen helfen, andere aber lutschen so lange am Finger herum, bis der bittere Geschmack weg ist und sie weiter kauen können.»

Daher sind nach Ansicht der Psychologen meist Ansätze sinnvoller, bei denen das Verhalten verändert wird. «Da es meist unbewusst passiert, sollten die Betroffenen in einem ersten Schritt analysieren, wann und in welchen Situationen sie an den Nägeln kauen», sagt Sieg. Passiert es, wenn sie gefrustet sind? Oder genervt? «Wichtig ist, den automatisierten Prozess erst einmal zu erkennen.»

Im nächsten Schritt muss der Verhaltensablauf unterbrochen werden, der im Nägelkauen endet. «Wenn man erkennt, dass man wieder an den Nägeln pult, sollte man die Handlung bewusst unterbrechen und mit der Hand etwas anderes machen», rät Sieg. So könnten sich die Betroffenen mit dem Po auf ihre Hände setzen oder zum Unkrautjäten in den Garten stürmen. Manchmal hilft aber auch nur noch eine Verhaltenstherapie.

Die einfachste Methode ist aber, immer etwas dabei zu haben, das die Hand beschäftigt, zum Beispiel ein Taschentuch oder eine kleine Schnur, die auch unbeobachtet von Arbeitskollegen durch die Finger gleiten kann. «Die Alternativhandlung muss die Hände involvieren, damit sie das bisher durchgeführte Verhalten nicht mehr machen können», sagt Sieg. Das sei nicht immer einfach, müsse aber möglichst konsequent in den Alltag eingebaut werden: «Je öfter man es macht, desto besser klappt es.» So lässt sich das Nägelkauen eventuell auf Dauer abstellen.

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