Samstag, 1. Oktober 2016

05. November 2015 06:33 Uhr

Interview

Das haben die Geschäftsführer mit Weltbild vor

Nach der Insolvenz bei Weltbild und vielen Entlassungen schalten die Geschäftsführer Sikko Böhm und Patrick Hofmann auf Wachstum. Doch der alten Logistik droht das Aus.

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Bei Weltbild geht es nach Ansicht der Geschäftsführung wieder aufwärts. Das Bild zeigt eine Filiale in Augsburg.
Foto: Ulrich Wagner/Droege

Herr Böhm, Herr Hofmann, wie läuft das Weihnachtsgeschäft?

Sikko Böhm: Das Weihnachtsgeschäft läuft jetzt richtig hoch, der aktuelle Novemberkatalog ist gut gestartet. Wir sind optimistisch, denn bei den Büchern wird es ein Feuerwerk an brandneuen Titeln in den Weltbild-Eigenproduktionen geben. Auch auf der Non-Media- Seite sind wir mit einem neuen Mix sehr gut aufgestellt. Hier geht es um Geschenke, Deko, Küche, Schönes für zu Hause und den Garten und um Kreativität.

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Weltbild hat mit der Insolvenz eine harte Zeit hinter sich. Fasst Ihr Unternehmen langsam wieder Tritt?

Patrick Hofmann: Ein anspruchsvolles Jahr liegt hinter uns. Ich denke aber, dass wir viel bewegt haben. Wir konzentrieren uns auf gesunde Umsätze und treiben die Neuausrichtung voran. Für unsere Vorhaben sind wir solide durchfinanziert. Aktuell erneuern wir zum Beispiel unsere komplette Unternehmenssoftware, dies wird in Rekordzeit abgeschlossen sein.

Wann machen Sie wieder Gewinn?

Hofmann: Wir haben das letzte Geschäftsjahr mit rund 400 Millionen Euro Umsatz in der Gruppe abgeschlossen und peilen bereits im aktuellen Geschäftsjahr, das am 30. Juni endet, ein leicht positives Ergebnis an. Für das folgende Geschäftsjahr planen wir dann ein vorsichtiges Wachstum. Wir wollen in Augsburg wieder Steuern zahlen.

Böhm: Es ist eine Logik in drei Schritten: 14/15 findet die Restrukturierung statt, 15/16 ist das Konsolidierungs-Geschäftsjahr, in dem wir die Hausaufgaben zu Ende machen. Ab 16/17 schalten wir auf Wachstum.

Mit welcher Strategie wollen Sie das schaffen?

Böhm: Eine wichtige Säule ist die Neuausrichtung unserer Sortimente. Buch und Medien bleiben für Weltbild das Leitsortiment. Insbesondere die Überarbeitung des Non-Media-Bereichs kommt gut voran, wo Preis und Qualität zugleich wichtig sind. Wir stellen die Ratgeberfunktion der Marke Weltbild in den Mittelpunkt und profilieren uns als kompetenter Anbieter für Geschenke.

Ist die Zeit der Rasenmäher und Akkuschrauber also vorbei?

Böhm: Die Zeit der Rasenmäher und Akkuschrauber ist eindeutig vorbei. Weltbild ist ein Multi-Kanal-Händler mit dem Leitsortiment Buch und E-Medien, ergänzt um dazu passende Non-Media-Angebote.

Multi-Kanal-Handel – das klingt nicht viel anders als früher, oder?

Böhm: Wir bespielen aber auch alle vier Kanäle im Konzert: Online, Filialen, Katalog und Social Media. Dies greift jetzt ineinander. In der Werbung stellen wir nicht mehr einzelne Artikel in den Mittelpunkt, sondern setzen auf Themenwelten. In den Katalogen haben wir eine deutlich andere Bildsprache gefunden – die unseren Kunden aber auch in allen anderen Kanälen begegnet. Unser Geschäft mit dem Buch ist von einer doppelten digitalen Revolution betroffen. Nicht nur der Handel verlagert sich ins Internet, auch unser Kernprodukt wird digital, Stichwort E-Reading. Wir erzielen heute bereits 75 Prozent unseres Umsatzes mit dem Onlineshop und haben uns auch bei den eBooks gut aufgestellt: Wir sind Gründungpartner der tolino-Allianz – die einzige nationale Allianz, die es geschafft hat, Amazon in die Schranken zu weisen.

Hofmann: Natürlich können wir nicht in 12 Monaten alles komplett neu machen. Grundsätzlich gilt: Wir wollen lieber kaufmännisch vorsichtiger agieren und werden nur das tun, was profitabel ist. Letztlich haben wir nicht nur bei den Kosten eingegriffen, sondern parallel Investitionen in die Zukunft vorangetrieben, wie zum Beispiel mit unserer neuen Kassensoftware, die absolut multikanalfähig ist und deutlich wirtschaftlicher. Sie geht in vielen Filialen noch vor Weihnachten live.

Wie denken Sie, dass Sie gegen Amazon ankommen?

Böhm: Wir bauen die Dachmarke Weltbild zu einem Marktplatz aus mit Partnern, die zur Marke passen und unsere Ratgeberfunktion unterstützen: Wir wollen die Kunden schlauer machen und zusätzliche Inhalte und Tipps an die Hand geben. Zum Beispiel wollen wir nicht nur Kochbücher anbieten, sondern auch Koch-Accessoires bis hin zu Kochkursen in der Region – das fällt dann unter das Stichwort Dienstleistungen. Diese bieten wir als Kooperation an. Weltbild wird selbst keine Köche einstellen, aber wir sind im Gespräch mit Partnern, die solche Kurse anbieten. Der Marktplatz für Kooperationspartner wird 2016 an den Start gehen. Zudem wollen wir uns verjüngen, ohne die Zielgruppe zu verlassen. Wir kennen unsere Zielgruppe sehr gut – die modernen Konservativen, die sogenannten Harmonisierer. Dies ist eine sehr treue Zielgruppe. Hier liegt viel Potenzial.

Hofmann: Weltbild ist ein Händler mit Seele. Wir müssen jetzt mit unseren Angeboten überraschen. Wir wollen nicht nur Kunden, wir wollen Weltbild-Fans haben. Dabei hilft uns, dass die Marke Weltbild noch immer einen Bekanntheitsgrad von 83 Prozent hat.

Es gibt aber die Kritik, Weltbild würde Umsätze durch weniger Werbung künstlich runterfahren. Machen Sie das?

Hofmann: TV-Werbung macht nur Sinn, wenn die Marke positiv aufgeladen ist. Letztes Jahr haben wir daher und vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Situation keine TV-Werbung gemacht.

Böhm: Jetzt investieren wir allerdings wieder signifikant ins Marketing. Wir haben die Taktung unserer Kataloge gesteigert, machen jeden Monat einen Katalog und erreichen dieses Geschäftsjahr eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Zu Weihnachten beginnen wir mit einer Neukundenoffensive und mit TV-Werbung.

Jetzt schließt die frühere Weltbild-Logistik, die heute zum Logistikspezialisten „Also“ gehört, aber wohl zum 30. Juni. Wie kommen Sie ohne eigene Logistik aus?

Hofmann: Kein Händler kommt ohne Logistik aus. Vor dem Hintergrund des verminderten Geschäftsvolumens war es aber unumgänglich, dass die „Also“ als Logistikpartner ihre Organisation an das geringere Volumen bei Weltbild anpassen kann. Dazu haben wir zusammen mit der "Also" mit dem Betriebsrat seit zwölf Monaten sehr intensive Gespräche geführt. Leider war der Betriebsrat zu konstruktiven Lösungen nicht bereit und hat die wirtschaftliche Notwendigkeit eines Personalabbaues bei der "Also" nicht erkannt. Bedauerlicherweise zeigt der Betriebsrat bis heute eine absolute Blockadehaltung. Dies führte dazu, dass die "Also" den notwendigen Personalabbau nicht realisieren konnte und infolge der monatlichen Verluste Insolvenz anmelden musste. Das bleibt für Weltbild nicht ohne Folgen. Für uns ist es wichtig, dass wir einen zuverlässigen und kalkulierbaren Logistik-Partner mit wettbewerbsfähigen Kosten haben. Deshalb haben wir uns entschlossen, dass wir die Logistik an einen anderen Dienstleister geben.

An welchen denn?

Hofmann: Wir sind in guten Gesprächen. Es gehört zu unserer unternehmerischen Verantwortung für Weltbild, dass wir uns entsprechend vorbereiten. Für unsere Kunden ist die Belieferung zu Weihnachten gesichert.

Es ist aber definitiv ein anderer Logistik-Dienstleister?

Hofmann: Es ist definitiv ein anderer. Das ist schade und wäre vermeidbar gewesen.

Bei Lesensart schließen bald alle Filialen. War das nicht voraussehbar, als Sie die Hälfte der Weltbild-Filialen an einen Investor verkauft haben, der nur eineinhalb Seiten Geschäftskonzept hatte?

Hofmann: Der Verkauf der verlustbringenden Filialen war alternativlos. Wir sind hier mit der notwendigen kaufmännischen Umsicht vorgegangen. Wir haben den Investor auf Herz und Nieren geprüft. Der Betriebsrat war begeistert, als das Konzept vorgestellt wurde.

Holt Weltbild Lesensart-Filialen zurück ins eigene Haus? Das wäre doch eine Lösung.

Hofmann: Der Geschäftsbetrieb von Lesensart war nach dem Verkauf komplett getrennt von Weltbild. Wir hatten keine Berührungspunkte.

Es gibt den Verdacht, dass jemand als Investor gesucht wurde, der Lesensart gezielt abwickeln sollte.

Hofmann: Das weisen wir strikt von uns. Das Lesensart-Konzept hat auch den Berater des Weltbild-Betriebsrats überzeugt.

Wie sehen Ihre Pläne für die eigenen Filialen aus?

Böhm: Derzeit macht uns das Geschäft bei Jokers viel Freude. Das ist unsere Tochter im Bereich modernes Antiquariat. Dort gibt es Restauflagen von Büchern zu günstigen Preisen. Hier haben wir zwei neue Filialen eröffnet – in Münster und Bochum. Wir werden bis zu drei weitere bis Jahresende eröffnen und können uns bis zu 50 Filialen vorstellen. Das Geschäft ist klar auf Wachstumskurs. Bei den Weltbild-Filialen haben wir den gesunden Kern gefunden und wollen im nächsten Geschäftsjahr auf Wachstum schalten.

Kommt auch Herr Walter Droege als Investor einmal nach Augsburg? Man sieht ihn selten.

Hofmann: Wir stehen fast in täglichem Kontakt mit Herrn Droege. Wir alle, inklusive der Weltbild-Belegschaft, sind hoch engagiert, Weltbild nach vorne zu bringen.

50 Stellen bei Weltbild könnten aber noch entfallen. Was ist hier der Stand?

Hofmann: Es gibt noch keinen neuen Stand. Auch hier verhandeln wir seit Monaten ergebnislos mit dem Betriebsrat. Wir sind dem Betriebsrat entgegengekommen, 50 Stellen stehen aber noch zur Diskussion und sind aus wirtschaftlicher Sicht notwendig. Wir sind zu konstruktiven Gesprächen bereit. Wir verstehen durchaus, dass der Betriebsrat für die Arbeitnehmer einsteht, das ist wichtig und richtig, in unserem Fall hat er allerdings das Gefühl für maßvolle Lösungen verloren und sein Blatt überreizt.

Eine letzte Frage: Was ist Ihr Tipp, was Ihre Bestseller für Weihnachten werden?

Böhm: Ken Follett, „Kinder der Freiheit“. Wir liefern das gleiche Buch als Paperback, aber einem Preisvorteil von 35 bis 40 Prozent. Der zweite Rennertitel: Jussi Adler-Olsen, „Verheißung“.

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Schlagworte

Weihnachten | Augsburg | Amazon | Münster | Bochum

Ein Artikel von
Michael Kerler

Augsburger Allgemeine
Ressort: Wirtschaft


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