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Aichach-Friedberg

17.01.2020

Landwirte im Kreis fürchten weiteres Höfesterben

Geht es nach der geplanten neuen Düngeverordnung, dürfen die Bauern im Wittelsbacher Land künftig deutlich weniger Gülle ausbringen. Das hat Folgen für Menge und Qualität der Ernte, sagen die Landwirte.
Bild: Mathias Wild

Plus Biobauern und konventionell arbeitende Betriebe im Landkreis stehen der neuen Düngeverordnung kritisch gegenüber. Was sie stattdessen fordern.

2000 Teilnehmer bei einer Kundgebung der Landwirte gegen die neue Düngeverordnung in Augsburg, davon mehrere hundert aus dem Landkreis Aichach-Friedberg: Das Thema treibt die Bauern um. 1500 von ihnen gibt es noch im Wittelsbacher Land. Sie stehen in einem Spannungsfeld zwischen Zukunftsängsten und Sorge um die Umwelt. (siehe auch: Umweltschutz geht nicht nur die Bauern an)

Sielenbach: Reinhard Herb war bei der Dünge-Demo dabei

Auch Reinhard Herb aus Sielenbach, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV), war bei der Demo dabei. Er bezeichnet die neue Düngeverordnung als „völlig ungeeignete Maßnahme“. Das Ziel, dass das Wasser gut ist und bleibt, werde damit nicht erreicht. Er betont: „Dieses Ziel ist auch unser Ziel.“

Doch die Daten, auf deren Grundlage die Vorschriften verschärft werden sollen, seien unzureichend. Zum Hintergrund: Im Landkreis hat das Wasserwirtschaftsamt sechs Messstellen eingerichtet; allerdings fließen etwa auch Werte von Trinkwasserversorgern ein. Fast der ganze Landkreis gilt als „rote Fläche“, auf der künftig striktere Vorgaben gelten sollen.

Landwirte im Kreis fürchten weiteres Höfesterben

Das träfe auch Herb persönlich. Allein im Gemeindegebiet Sielenbach bewirtschaftet er rund 90 Hektar, sie gälten künftig komplett als „rote Flächen“. Träten die neuen Vorgaben in Kraft, müsste er künftig 20 Prozent unter Bedarf düngen. Herb befürchtet eine „Spirale nach unten“: Weniger Düngung führe zu weniger Ertrag, weshalb er künftig noch weniger düngen dürfe.

Herb hält die Zahl der Messstellen für viel zu gering, die Standorte zudem für falsch gewählt. Der Kreisobmann unterstellt sogar Absicht: Die Standorte seien gezielt ausgesucht worden, um hohe Nitratwerte zu erhalten. Als Beispiele nennt er die Messstellen nahe der Laimeringer Bauschuttgrube und in Dasing nahe der Mülldeponie. Herb fordert „Ehrlichkeit und Transparenz“ bei der Wahl der Messstandorte, den Messungen und den politischen Konsequenzen. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Nitratgehalt im Grundwasser und der Landwirtschaft sei „wissenschaftlich überhaupt nicht“ zu belegen.

Das wird auf Bundesebene anders gesehen. Im gemeinsamen Nitratbericht des Bundesumwelt- und des Bundeslandwirtschaftsministeriums von 2016 beispielsweise heißt es, dass „der diffuse Eintrag von Nitrat in das Grundwasser der Europäischen Gemeinschaft überwiegend auf die Landwirtschaft zurückzuführen ist“. Auch auf der Internetseite des Umweltbundesamtes ist zu lesen: „Für den Großteil der Nitrateinträge ist die Landwirtschaft verantwortlich.“

Aichach-Friedberg: Hat die Regierung falsche Daten nach Brüssel gemeldet?

Herb aber ist überzeugt: Die Regierung habe falsche Daten nach Brüssel gemeldet. Er nimmt nach eigenen Angaben seit etwa fünf Jahren als einer „von einer guten Handvoll“ konventionellen und Biobetrieben im Landkreis an einem Forschungsprojekt des Thünen-Instituts im Auftrag der Bundesregierung teil: 14-tägig werden Bodenproben genommen und untersucht, wie viel Stickstoff ins Grundwasser abwandert. Herb: „Da geht nichts ins Grundwasser.“ Ein offizielles Ergebnis steht noch aus.

Nachdem der CSU-Fraktionsvorstand angekündigt hat, im Bundesrat gegen Teile der Düngeverordnung zu stimmen, fühlen er und seine Berufskollegen sich bestätigt. Der Friedberger Stephan Körner drückt es so aus: „Die Landwirtschaft will sich nicht aus der Verantwortung stehlen, aber die neue Regelung schädigt unsere heimischen Betriebe.“ Er hat die Sorge, dass ein weiteres „Bauernsterben“, mehr Großbetriebe und mehr Importe aus dem Ausland die Folge sein werden. Körner bewirtschaftet im Westen Friedbergs mit zwei Kollegen in einer Betriebsgemeinschaft 120 Hektar; auch Tiere werden gehalten. Das Problem, dass sie nicht wissen wohin mit der vielen Gülle, haben die drei Bauern nicht. Im Gegenteil. Sie müssen Düngemittel zukaufen.

Er ist froh, dass das Areal nicht zu den „roten Flächen“ gehört. Sie seien „mit dem Würfel“ festgelegt worden, kritisiert er. Außerdem: „Die Landwirte sind gut ausgebildet und wissen, was sie düngen müssen.“ Reduziere er die Düngegaben um 20 Prozent, wachse nur noch Futterweizen, kein Qualitätsweizen. „Und keiner berücksichtigt die häuslichen Abwässer.“

Auch Biobauern sehen die neue Düngeverordnung kritisch. So wie Siegfried Colsman aus Hergertswiesen (Eurasburg). Sein Friedelhof, den er von den Eltern übernommen hat, war 1956 ein Pionier der ökologischen Landwirtschaft und gehört jetzt zum Bioland-Verband. Er umfasst 56 Hektar landwirtschaftliche Flächen, neun Hektar Wald und 40 Milchkühe. Zwar sagt er, in der konventionellen Landwirtschaft herrsche ein „Luxuskonsum an Phosphor und Stickstoff“, auch weil die Sorten auf maximalen Ertrag gezüchtet seien. Er selbst müsse schauen, dass er überhaupt Gülle und Mist auf alle Flächen ausbringen kann. Auch Biobauern sollen laut ihm nun zu einer bodenschädigenden Technik der bodennahen Gülleausbringung gezwungen werden. Die nötigen Maschinen seien extrem teuer.

Die Grundwasserqualität werde sich nicht ändern, so lange der Tierbesatz nicht reduziert werde. Problem: „Es wurde und wird Größe gefördert.“ Colsman sieht das Thema gesamtgesellschaftlich. Das Preis-Dumping bei Nahrungsmitteln mache den Bauern zu schaffen, auch den Biobauern. Über 20 Prozent der Bio-Milchviehhalter wollen ihm zufolge aufhören.

Lesen Sie dazu auch: Umweltschutz geht nicht nur die Bauern an

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