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Augsburger Geschichte
26.06.2019

Vielseitiger Turm: Von der Sternwarte zur Mietwohnung

Der moderne Glaszylinder auf der einstigen Sternwarte überragt die hohen Bäume, welche die Sicht auf den Turmunterbau vom Unteren Graben aus verwehren.
2 Bilder
Der moderne Glaszylinder auf der einstigen Sternwarte überragt die hohen Bäume, welche die Sicht auf den Turmunterbau vom Unteren Graben aus verwehren.
Foto: Sammlung Häußler

Im Untergrund des Astronomischen Turms in Augsburg finden sich Spuren der Römerstadt. Das Bauwerk in der Stadtmauer hat viele Wandlungen erlebt.

Eine mumifizierte Katze im Zwischenboden, gefunden beim Umbau eines historischen Gebäudes, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen ungewöhnlichen Turm in Augsburg.

Der Fundort ist mit einem fünfstöckigen halbrunden Turm hoch oben über dem Stadtgraben verbunden. Derzeit schaut vom Unteren Graben aus lediglich der verglaste runde Turmaufsatz über die hohen Bäume am Hang. Der moderne Glaszylinder gibt aus dieser Sicht Rätsel auf. Man muss über die Schwedenstiege oder über den Mauerberg etwa zehn Höhenmeter hinaufsteigen, um die Turm-Adresse „Beim Pfaffenkeller 10a“ zu suchen.

Turm mit astronomischen Instrumenten

Dort wird sichtbar, dass sich der Glassturz auf einem Turm befindet. Er passt eigentlich nicht in die Architektur der Umgebung. Doch der Glasaufsatz bekam vor Jahrzehnten trotzdem eine baurechtliche Genehmigung, denn der Turm trug bereits früher einen Aufsatz: Er war eine Sternwarte mit drehbarem Blechzylinder. Darin verbargen sich astronomische Instrumente.

Die Turmgeschichte ist mit dem Augsburger Naturwissenschaftler August Stark verbunden. Er war ab 1790 Kanoniker im Augustiner-Chorherrenstift bei St. Georg. Anno 1807 wurde er Professor für Mathematik und Physik am Gymnasium bei St. Anna und 1821 Mitglied des Domkapitels. August Stark genoss als Meteorologe und Astronom derart hohes Ansehen, dass er 1814 zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt wurde.

König Ludwig I. ließ auf Staatskosten 1830 eine Sternwarte nach August Starks Plänen einrichten. Als Unterbau dienten die meterdicken Mauern eines in die Stadtmauer eingefügten Wehrturms beim Pfaffenkeller. Er wurde auf fünf Stockwerke erhöht. Der gelehrte Domkapitular war der erste Nutzer der Königlichen Sternwarte zu Augsburg. August Stark starb 1839. Sein Nachfolger war der Benediktinerpater Stephan Postelmeier, Lehrer am benachbarten Gymnasium zu St. Stephan. Das Observatorium wurde deshalb auch als Sternwarte von Stephan bezeichnet.

Das „durch königliche Munificenz errichtete astronomische Observatorium“ wurde 1840 und 1846 ausführlich beschrieben. „Im ersten Stockwerk befindet sich ein Erdbebenmesser (Eclyometer), der sich durch drei Etagen herabzieht“, heißt es darin. Im zweiten Geschoss liege das heizbare Arbeitszimmer. „Die dritte Etage ist für die meteorologisch-astronomischen Beobachtungen bestimmt und enthält eine Menge Instrumente nebst einem Brander’schen Sonnenmikroskop.“ Das fünfte Stockwerk sei „das Hauptobservatorium, das ganz mit Blech beschlagen ist und vermittelst einer Kurbel sanft und ganz leicht nach jeder Lage, ja selbst horizontal gedreht werden kann.“

Wetterstation im Augsburger Turm

Zur Ausstattung zählten 1840 kostbare Instrumente wie ein Theodolit, ein Fraunhoferscher Refraktor, zwei Kometensucher und eine bewegliche Sternkarte. Von der Sternwarte führte ein Gang zu einem Häuschen mit Blitzableiter auf der Stadtmauer. „Vermittelst der hier aufgestellten Instrumente kann man die Richtung und Stärke des Windes bestimmen“, heißt es 1840. Es war also eine Wetterstation.

Historische Baurelikte mit neuen Zubauten vereint

100 Jahre alte Postkarten überliefern den Turm noch mit Blechzylinder. Der Aufbau wurde 1944 zum Bombenopfer. Zu dieser Zeit war der Architekt Paul Gerne Besitzer des Anwesens Beim Pfaffenkeller 10a mit dem Turm. Er hatte es 1930 erworben. Er vereinte historische Baurelikte mit neuen Zubauten zu seinem Wohnhaus mit Architekturbüro. 1976 übernahm der Architekt Alfred Kosebach das Ensemble. Auch er baute um, verband durch lichte Konstruktionen aus Stahl und Glas alte Bausubstanz wie den Astronomischen Turm, ein Stück Stadtmauer und Restgemäuer der Kapelle St. Egidi zu einem ungewöhnlichen Architekturbüro. Alfred Kosebach setzte dem Turm die moderne Laterne mit Rundumblick auf.

Eine Inschrifttafel hält die Turmgeschichte fest. Sie beginnt: „In römischer Zeit stand hier der Tempel des Sylvanus.“ Nachweise aus römischer Zeit gibt es auf dem Grundstück zuhauf. 1989 kamen Spuren eines Gebäudes aus Holz und Fundamente aus Tuffstein zutage. Zu Lebzeiten von Bischof Ulrich (um 890–973) gehörte dieser Bereich zur befestigten Bischofsstadt. Laut Tafelinschrift ließ hier anno 1007 Bischof Siegefried I. eine St.-Ägidien-Kirche (auch St. Gilgen oder St. Egidi genannt) erbauen. Ein Orkan habe sie zerstört.

Mehrmals erneuert und restauriert, wird die St.-Gilgen-Kapelle noch im Adressbuch von 1812 erwähnt. „Jetzt dient sie zum Gewerbsbetrieb eines Glockengießers“, heißt es 1840. Ein paar Meter vom Chor der Kapelle entfernt stand der Astronomische Turm. In historischer und neuer Bausubstanz entstehen derzeit auf dem geschichtsbelasteten Areal ungewöhnliche Mietwohnungen.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album.

Der Sternwartenturm reiht sich ein in ein Ensemble, das heraussticht: Entlang des Stadtgrabens ragen mehrere geschichtsträchtige Türme hervor. Für diese Serie haben wir die drei Eindrucksvollsten besichtigt und erzählen, was die Bauwerke besonders macht, wer dort lebt und arbeitet. Die Geschichten über die Türme lesen Sie hier.

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