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Prozess in Augsburg

08.02.2018

Fall Ursula Herrmann: Sitzt der Richtige im Gefängnis?

Ein Kriminalfall, der unter die Haut ging. Bis heute ist der Fall nicht endgültig geklärt.
Bild: Polizei, dpa

Das Mädchen vom Ammersee starb vor mehr als 36 Jahren. Noch immer gibt es Zweifel, ob der richtige Mann im Gefängnis sitzt. Das Landgericht Augsburg prüft das wichtigste Indiz.

Das Verbrechen, das ganz Deutschland bewegte, ist mittlerweile mehr als 36 Jahre her: Am 15. September 1981 wurde die zehn Jahre alte Ursula Herrmann entführt. Der Entführer fing das Mädchen in einem Waldstück zwischen Schondorf und Eching am Ammersee ab, als es mit dem Fahrrad auf dem Heimweg war. Der Täter sperrte das Kind in eine eigens hergerichtete Holzkiste, die in der Nähe im Boden vergraben war. Das Kind erstickte darin.

Wurde Ursula Herrmann aus Geldnot entführt?

Seit neun Jahren sitzt ein Mann im Gefängnis, der für diese grausame Tat verurteilt wurde. Werner Mazurek, heute 67 Jahre alt, lebte ebenfalls in Eching wie die Familie Herrmann. Er hatte damals Schulden und soll gegenüber Bekannten einmal gesagt haben, dass man mal jemanden entführen müsse, um an Geld zu kommen.

Mazurek, ein hochgewachsener Mann mit wildem Bart, ist der Typ Mensch, dem man ein solch grausames Verbrechen zutrauen würde. Von vielen Bekannten wurde er als gefühlskalt beschrieben. Einmal steckte er den Hund seiner Frau zur Strafe in die Gefriertruhe und berichtete anschließend, er habe den Hund „zu Sibirien verurteilt“. Das hat er selbst eingeräumt. Doch Werner Mazurek bestreitet bis heute eine Beteiligung an der Kindesentführung. Sein Anwalt Walter Rubach zweifelt schon lange am wichtigsten Indiz, auf das sich das Landgericht Augsburg im Strafurteil 2010 stützte. Nun aber ist er zuversichtlich, endlich einen Beleg für seine Zweifel in den Händen zu halten.

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Es geht um ein Tonbandgerät der Marke Grundig, Typ TK 248. Das Gerät fanden Ermittler im Jahr 2008 im Haus des zwischenzeitlich nach Norddeutschland umgezogenen Verdächtigen. Das Gerät soll Mazurek für Erpresseranrufe bei der Familie des Mädchens benutzt haben. In den Tagen nach dem Verschwinden von Ursula hatte bei den Herrmanns neun Mal das Telefon geklingelt. Zu hören war nur ein Rauschen und Knacken - und die Verkehrsmelodie des Radiosenders Bayern 3. Danach kam per Brief die Forderung von zwei Millionen Mark.

Hat Werner Mazurek das Tonbandgerät all die Jahre aufbewahrt, bis die Ermittler es dann entdeckten? Dagmar Boss, Gutachterin des Landeskriminalamtes (LKA), kam im Strafprozess zum dem Ergebnis, dass genau dieses Gerät „wahrscheinlich“ für die Erpresseranrufe benutzt wurde.

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Bild: Barbara Wild

Fall Ursula Herrmann - Sitzt der Richtige im Gefängnis?

Um dieses Gutachten wird schon lange gestritten. Nun wird es im Zivilprozess auf den Prüfstand gestellt. Der Vorsitzende der 10. Zivilkammer, Harald Meyer, teilte am Donnerstagmittag mit, dass die Gutachterin beim nächsten Termin am 21. Juni ihre Expertise vortragen muss, damit sich das Gericht eine eigene Meinung bilden kann. Das gibt Anwalt Rubach die lange ersehnte Gelegenheit, seine Zweifel zu artikulieren und das Gutachten zu erschüttern. „Diese Gelegenheit werden wir nicht verstreichen lassen“, sagt der Rechtsanwalt.

Er fühlt sich gut gerüstet. Denn Rubach hat inzwischen die Analyse eines Physikers vorliegen, die etwas ganz anders besagt. Der Fachmann, der in der Nähe des Ammersees lebt und sich intensiv mit dem Kriminalfall befasst hat, ist überzeugt, dass das LKA-Gutachten quasi wertlos ist. Die Gutachterin habe mit einer Verkehrsmelodie gearbeitet, die sich technisch für den Vergleich nicht eignete. Anwalt Rubach wollte eigentlich erreichen, dass ein neues Gutachten erstellt wird. Doch dies hat das Gericht abgelehnt.

Das Ganze spielt sich im Rahmen eines Zivilprozesses ab, der seit mehr als eineinhalb Jahren vor dem Augsburger Landgericht verhandelt wird. Michael Herrmann, der Bruder des getöteten Mädchens, hat Werner Mazurek auf Schmerzensgeld verklagt, weil ihn das Strafverfahren um den Tod seiner Schwester krank gemacht habe. Die Klage hat aber noch einen weiteren Hintergrund: Michael Herrmann ist nicht überzeugt davon, dass der Richtige im Gefängnis sitzt. Er wollte eine neue Beweisaufnahme.

Zuletzt hatten die Richter zwei Kripobeamten befragt, die damals Mitglieder der Sonderkommission zur Aufklärung der Entführung waren. Sie hatten mehrmals einen alkoholabhängigen Kleinkriminellen vernommen, der womöglich mit der Tat zu tun hatte. Er hatte gestanden, im Auftrag von Werner Mazurek ein Loch gegraben zu haben. Kurz darauf hatte er diese Aussage aber widerrufen. Die Arbeit der Kripo seinerzeit erscheint fragwürdig. Ausgerechnet vom Geständnis gibt es kein offizielles, vom Befragten unterschriebenes Protokoll, sondern nur ein „Gedächtnisprotokoll“ der Beamten. Den Zeugen kann man heute nicht mehr befragen. Er ist gestorben.

Krieg der Ermittler im Fall Ursula Herrmann

Die Arbeit der ersten Sonderkommission erschien auch den Verantwortlichen damals im Polizeipräsidium München nicht frei von Fragwürdigkeiten. Sie schickten im März 1982 die „fünf Weisen“ – eine Truppe erfahrener Mordermittler. Doch die verstritten sich sogleich mit ihren Kollegen vor Ort. Die zweite Soko verfolgte die Spur von Werner Mazurek damals nicht mehr und nahm stattdessen den Polizisten Harald W. ins Visier.

Dieser Krieg der Ermittler hält bis heute an. Erst im Mai 2008 wurde Werner Mazurek verhaftet. Trotz der vielen Ungereimtheiten bei den Ermittlungen wurde er im März 2010 wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt. Eines der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte schien endgültig geklärt.

Doch wenn Rechtsanwalt Walter Rubach neue Erkenntnisse oder neue Tatsachen aus dem aktuellen Zivilprozess gewinnt, wird er sicher nicht davor zurückschrecken, die Wiederaufnahme des Strafverfahrens zu beantragen.

 

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08.02.2018

Es spricht sehr viel dafür, das der Falsche im Knast sitzt, weil! DNA Spuren an der Gefangenenkiste waren, (die verfolgte man nicht weiter) die Jahre später auch bei einem Mord an eine Frau aus München an Gläser in deren Spülmaschine gefunden wurden, auch dort sitzt vermutlich der Falsche in Knast. Die Spur des Polizisten Harald W. wäre sicher die richtigere. Aber man sucht doch nicht im eigenen Revier, wie auch im Fall Harry Wörz.

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