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Simbach am Inn
30.11.2016

Sechs Monate nach der Todesflut leiden die Bewohner weiter

Nach der Flut im Juni begann sofort das Aufräumen und Aufbauen. (Archivbild aus dem Juni).
Foto: Armin Weigel (dpa)

Vor sechs Monaten rauschte eine tödliche Flut durch Simbach. Der Aufbau kommt voran, doch manche Menschen leiden weiter unter dem Gefühl, ihnen steige kaltes Wasser die Beine hoch.

Mit gebeugtem Rücken schiebt Georg Mitterer sein Rad im Regen zu seinem ehemaligen Plattenladen in Simbach am Inn. Die Hüfte des 66-Jährigen schmerzt vom fortlaufenden Aufräumen nach der Flutkatastrophe. Ein halbes Jahr ist es jetzt her. Am 1. Juni war die Schlammwelle durch den niederbayerischen Ort gerauscht. Inzwischen sind die Eingänge seines nostalgischen Ladens, in dem Mitterer Vinylplatten verkauft hatte, mit Spanholzplatten versperrt - Einsturzgefahr.

Nur wenige schwarze LPs stehen vor dem ehemaligen Schaufenster. Mitterer nimmt sie widerwillig in die Hand. Auflegen und genießen kann man sie eh nicht mehr, sagt sein Blick. Nur durch Zufall hat der 66-Jährige die Flutwelle überlebt. Er war im Urlaub, als nach stundenlangem Gewitterregen der nur wenige Meter entfernte Simbach zu einem tödlichen Strom anschwoll.

Der Bach hatte sich erst aufgestaut. Als ein Damm brach, rissen die Wassermassen in einer Sturzwelle auch das Holzlager eines Sägewerkes mit durch den rund 10.000 Einwohner zählenden Ort. Fünf Menschen ertranken dort. 500 Häuser wurden zerstört. Der Schaden durch die Fluten im Landkreis Rottal-Inn beträgt mehr als eine Milliarde Euro.

"Ein Nachbar hat mir berichtet, dass der Laden innerhalb weniger Sekunden geflutet wurde. Jeder, der im Geschäft gestanden hätte, wäre tot gewesen", schildert Mitterer. Seine Urlaubsvertretung kam zum Glück zu spät zur Arbeit. Sie stand nicht wie sonst hinter der Verkaufstheke. "Das hätte ich mir niemals verziehen, wenn ein Mensch in meinem Laden ertrunken wäre", sagt er.

Tagelang hatte halb Deutschland mit den Menschen in Simbach gelitten. Die Idee, dass Wasser so unerwartet und gewaltsam alles überrollen kann, erschütterte viele. Ein halbes Jahr später sind die Flutopfer zumeist allein mit ihren Erinnerungen. Sie reden nur mit Nachbarn oder ihrem Psychiater über die schlimmste Katastrophe ihres Lebens.

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Georg Mitterer beobachtet neben seinem zerstörten Geschäft die Bauarbeiten. Er scherzt ab und zu mit dem Arbeiter, der einen Türrahmen zumauert. Wie eine Schallplatte mit einem Sprung betont der 66-Jährige in Dauerschleife: Der Verlust habe ja nur materiellen Wert. "Jetzt gilt es aufzuräumen und aufzubauen."

Georg Mitterer steht vor seinem ehemaligen Plattenladen in Simbach am Inn, der im Juni von der Flut zerstört wurde.
Foto: Armin Weigel (dpa)

Nach der Flut von Simbach: "Erst das Materielle reparieren, dann die Seele"

Dieses Verhalten und solche Sätze seien typisch für die vergangenen Monate in Simbach, sagt der Psychologe Roland Moser. Das Motto der Menschen laute: "Erst das Materielle reparieren, dann die Seele." Der 57-Jährige steht an dem verregneten Morgen vor zwei Baucontainern auf dem Kirchplatz, die den Helfern vom Roten Kreuz als Büro dienen.

Moser ist nicht nur als zupackende Hand gefragt, sondern auch als Zuhörer und Ratgeber. Die Menschen reden sich bei ihm die schlimmsten Sorgen von der Seele. Drei Jahre hat er für diese Aufgabe Zeit bekommen. Moser ist aber skeptisch, dass das ausreicht. "Ein viertes Jahr wird bestimmt nötig sein", sagt er besorgt.

Denn unser Seelenleben ist eine heikle Sache: Das Gleichgewicht kann in wenigen Minuten beschädigt sein. Das Heilen jedoch geht - auch in schnelllebigen Zeiten - oft nur im Kriechtempo. "Momentan wird die emotionale Situation überdeckt durch das viele Arbeiten", erläutert Moser. Er hat selbst in Simbach sein Antiquariat in den Fluten verloren. "Dann kommt es zur Ruhe, und in dieser Ruhe werden dann die seelischen Störungen viel deutlicher wahrgenommen."

Manche Menschen berichten ihm von Belastungsstörungen, von Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Panikattacken. "Die Menschen haben plötzlich einfach das Gefühl, mit dem Leben so nicht mehr fertig zu werden." Mit Blick auf den ersten Weihnachtsschmuck in der Stadt verdunkelt sich seine Miene. "Natürlich ist die Hoffnung bei vielen, bis zum Fest in der Wohnung zurück zu sein. Das wird sich aber für viele nicht realisieren lassen."

Der Profi-Helfer kann sich auf die Erfahrungen der Notfallseelsorger nach dem Jahrhunderthochwasser im Raum Deggendorf stützen. Vor dreieinhalb Jahren, im Juni 2013, war dort ein Damm gebrochen. Der Stadtteil Fischerdorf stand mehr als drei Meter unter Wasser. Die damals betroffene Region ist gut eine Autostunde entfernt.

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