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Simbach am Inn
30.11.2016

Sechs Monate nach der Todesflut leiden die Bewohner weiter

Nach der Flut im Juni begann sofort das Aufräumen und Aufbauen. (Archivbild aus dem Juni).
Foto: Armin Weigel (dpa)

Vor sechs Monaten rauschte eine tödliche Flut durch Simbach. Der Aufbau kommt voran, doch manche Menschen leiden weiter unter dem Gefühl, ihnen steige kaltes Wasser die Beine hoch.

Doch egal wo ein Unglücksort liegt: Die psychischen Belastungen und das, was den Opfern hilft, sind in der Anfangsphase nahezu gleich: "In der Akutphase geht es immer darum, den Menschen Stabilität und Sicherheit zu geben", berichtet Reiner Fleischmann. Der Diakon aus Regensburg hat schon an den unterschiedlichsten Plätzen erlebt, was Menschen nach solchen Katastrophen belastet.

Er ist seit 17 Jahren Seelsorger, hat sich um Hinterbliebene nach dem Amoklauf in Erfurt 2002, nach dem Transrapid-Unglück im Emsland 2006 und dem Seilbahn-Unglück im österreichischen Kaprun vor 16 Jahren gekümmert. Der 52-Jährige betreute auch viele junge Menschen nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg 2010. Seit mehr als drei Jahren steht er nun mit dem Malteser Hilfsdienst den Flutopfern von Fischerdorf bei.

Bei Hochwasserkatastrophen ist Verdrängung schwer

Der Unterschied von Hochwasserkatastrophen zu vielen anderen Unglücken ist der Zeitfaktor: Das Ereignis und die Folgen - beides kann dauern. "Es ist schwierig, wenn es sich sehr lange hinzieht. Wenn die Menschen lange unter dem Begriff Katastrophenfall leben, evakuiert sind", sagt Fleischmann. Zudem könnten die Schreckensorte nach einem Amoklauf oder einem Zugunglück gemieden werden, "was viele Betroffene auch machen".

Eine Flut jedoch trifft das eigene Zuhause. Deshalb ist nach einem Hochwasser diese Art der Verdrängung nicht so leicht möglich. "Die Menschen in Fischerdorf haben gesagt: Das ist mein Heimatdorf." Also räumten sie den Müll weg, bauten ihre Häuser neu auf, zogen ein und schlafen nun im ersten Stock, weil es so Vorschrift ist.

"Und dann kommt ein heftiges Unwetter. Sie wachen auf, teilweise schweißgebadet, teilweise mit Schüttelfrost und laufen nach unten und schauen, ob Wasser da ist. Die Bilder, die Jahre zurückliegen, sind weiter in ihnen", schildert Fleischmann. Es ist eine über Monate und Jahre andauernde Grundbelastung.

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Bewohner in Simbach benötigen weiter Hilfe

In Simbach läuft das Hilfsprogramm für die überschwemmten Seelen jetzt erst richtig an. Die Psychiaterin Margarete Liebmann hat seit dem Sommer etwa 40 Betroffene behandelt. "Das ist aber erst der Anfang. In jeder Sitzung schildern meine Patienten, dass es ihren Nachbarn ähnlich geht", sagt die Leitende Oberärztin im Ameos Klinikum im Ort.

"Manche haben mir berichtet, dass sie sogar das Gefühl haben, dass ihnen das kalte Wasser an den Beinen hochläuft." Dabei streicht die Psychiaterin mit beiden Hände an ihren Beinen hoch. An einem Donnerstagabend steht die Ärztin in einem Raum des Klinikums und hält einen Vortrag zu möglichen seelischen Folgen der Flut.

Sie weist die Zuhörer aus Simbach auf Symptome hin, die auf eine Depression deuten könnten. Auf eine Schautafel schreibt sie Begriffe wie: Probleme beim Einschlafen und Durchschlafen, dauerhaftes Grübeln, schlechte Laune, keine Freude mehr empfinden. "Wer das Trauma jetzt nicht behandelt, wird nach Jahren oder Jahrzehnten Probleme bekommen, wenn neue Sorgen auftreten", mahnt sie.

Vor dem Ende gibt Liebmann noch Ratschläge für daheim: Zwei mal täglich Arme und Hände kräftig auszuschütteln, um die Daueranspannung zu lösen. "So wie es ein nasser Hund macht", zeigt die Psychiaterin und schüttelt sich einmal kräftig durch.

Liebmann hat ein Ziel: "Ich will in fünf bis zehn Jahren wieder durch Simbach gehen und in lächelnde Gesichter blicken." Helfen könnten dabei auch die Pläne der Stadt, den Ort in Teilen völlig neu zu planen und wiederaufzubauen. Bei einer Bürgerversammlung hatten der Bürgermeister und ein Städteplaner ihre Vorstellungen erläutert. Auch Georg Mitterer verfolgt die Pläne gespannt, ist aber skeptisch. Er muss sich jetzt nach einem neuen Laden umsehen. Dabei wollte er eigentlich in Rente gehen, hatte Käufer für sein altes Geschäft gesucht.

"Die staatliche Hilfe von 80 Prozent wird aber nur für den Wiederaufbau gegeben. Jetzt muss ich weitermachen. Ich bin verpflichtet, neu anzufangen. Sonst gibt es kein Geld." Spätestens im Februar will er im neuen Geschäft am neuen Ort starten. "Ich hätte viel zu viel Angst, neben dem Simbach wieder einen Laden zu eröffnen. Es ist mein drittes Hochwasser gewesen. Das reicht."

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