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Raumfahrt

16.05.2018

Wie Markus Söder den Weltraum erobern will

Zwischen imperialen Streitkräften fühlt sich Markus Söder, hier bewaffnet mit einem Lichtschwert, wohl.
Bild: Tobias Hase, dpa

Als Kind wollte er Astronaut werden. Jetzt lebt der Ministerpräsident sein Faible für Science Fiction aus. Er pumpt Millionen in die Raumfahrt. Wie sein Idol.

Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sucht die absolute Mehrheit nun im All, nachdem es ihm trotz Kreuz-Pflicht und AfD-Bashing nicht gelungen ist, seine CSU zur alten Stärke zurückzuführen. Die Basis für die bayerische Raumfahrt hatte Söder schon im April 2018 gelegt.

Spaß beiseite. Wir erinnern uns an Söders Regierungserklärung. An dieses milliardenschwere Feuerwerk von Versprechungen, das neben Familien- und Wohnungsbauförderung auch kurios anmutende Ideen enthielt wie den Aufbau einer „bayerischen Kavallerie“ mit Polizei-Reiterstaffeln in allen Großstädten. Oder eben ein eigenes bayerisches Raumfahrtprogramm, um die Entwicklung unbemannter Flugkörper voranzutreiben. Der Name: Bavaria One. Die Botschaft: Bayern ist die Nummer eins. Überall. Und wenn es sein muss, auch auf dem Weg ins All.

Aiwanger würde Söder am liebsten auf den Mond schießen

Während Söder mit Begriffen wie „suborbital“ um sich schmiss, dämmerte der Opposition angesichts des Ideen-Feuerwerks, wie ihre Chancen bei der Landtagswahl stehen könnten: suboptimal. Also ätzte Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger in Richtung Söder: Raumfahrt gerne, aber wenn, dann bitte nicht unbemannt. Und da Söder das Motto „Das Beste für Bayern“ ausgegeben hatte, solle man doch am besten ihn selbst auf den Mond schießen.

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So weit, so sarkastisch. Aber was hat es mit Söders Weltraum-Plänen wirklich auf sich? War es ein Witz, Show-Politik, oder meint er es ernst? Klare Antwort: Er meint es ernst. In der Luft- und Raumfahrt, das hat Söder immer wieder betont, sieht er eine der Schlüsseltechnologien – und auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. Tatsächlich darf man nicht vergessen: In Bayern arbeiten mehr als 60.000 Menschen in der Luft- und Raumfahrt. In der Branche gibt es große Namen wie den Airbus-Konzern, den Triebwerkshersteller MTU, den Raketenhersteller Ariane, aber auch Mittelständler wie Liebherr Aerospace in Lindenberg oder MT Aerospace in Augsburg.

Söder scheint das nicht genug zu sein. Amerika hat die Nasa in Houston, Russland das „Sternenstädtchen“ nordöstlich von Moskau. Und Bayern? Söder steht an diesem Nachmittag im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Hier sitzt das Columbus-Kontrollzentrum, das etwa Alexander Gerst bei seinen ISS-Missionen unterstützt, von hier aus wurde vor 25 Jahren die D2-Mission gesteuert, die sieben Astronauten, darunter zwei Deutsche, ins All brachte. Beim DLR haben sie eine Feierstunde zum Jubiläum angesetzt. Einer dieser Termine, die Söder genießt.

Söder hat von Lichtschwertern und Laser-Pistolen geträumt

„Oberpfaffenhofen ist das deutsche Houston“, sagt er also und erzählt die Geschichten, die er so oft erzählt. Dass er schon immer ein großer Raumfahrt-Fan war, Star-Wars- und Star-Trek-Fan dazu, dass er, wie so viele Buben, von Lichtschwertern und Laser-Pistolen geträumt hat. „Astronaut wäre ich immer gern geworden“, sagt er.

Kein Wunder, dass die Raumfahrtingenieure und Physiker in Oberpfaffenhofen das gern hören. Genauso wie Söders Space-Strategie: Die Technische Universität München soll eine eigene Fakultät für Luft- und Raumfahrt aufbauen – mit 20 bis 30 Lehrstühlen. Teil zwei der Strategie heißt „Bavaria One“ – das Programm, mit dem der Freistaat die Entwicklung unbemannter Flugkörper und eigener bayerischer Satelliten vorantreiben will. Söder spricht von Satelliten zur Erdbeobachtung, von Schulklassen, die bald auf Knopfdruck Live-Bilder aus dem Weltraum sehen sollen. „Wir werden dafür eine Menge Geld in die Hand nehmen“, sagt er. Wie viel das sein wird, sagt er nicht.

So mancher fühlt sich bei Söders hochfliegenden Plänen an Franz Josef Strauß erinnert, gilt der Franke doch als großer Verehrer des CSU-Übervaters. Strauß hat die Raumfahrt in den 60er Jahren quasi nach Bayern gebracht. Er verband seine private Begeisterung für die Luft- und Raumfahrt mit seinem politischen Engagement. Schon in seiner Zeit als Bundesverteidigungs- und -finanzminister in Bonn stellte er erste Überlegungen für eine nationale Raumfahrtindustrie an. Als er bayerischer Ministerpräsident wurde, hatte er längst erkannt, wie viel Wirtschaftskraft und zukunftsfeste Arbeitsplätze die Branche bereithält. Und Strauß war fest entschlossen, aus dem Agrarstaat Bayern endgültig einen Hightech-Standort zu machen. Wohlstand durch Wissenschaft. So wurde der leidenschaftliche Pilot FJS zum größten Lobbyisten der Luft- und Raumfahrtindustrie. Er war Aufsichtsratsvorsitzender bei Airbus, und nicht wenige sagen heute, den Airbus-Konzern würde es ohne Strauß nicht geben.

Ist das noch Söder? Oder vielmehr Franz Josef Strauß?

Wie viel Strauß also steckt in Söders Plänen? Vielleicht eine Frage für Ulrich Walter. Er war vor 25 Jahren Astronaut bei der D2-Mission, heute leitet der 64-Jährige den bereits bestehenden Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der TU München. Ende Februar trafen sich beide Männer zum Gespräch. Söder wollte wissen, was er für die Raumfahrt in Bayern tun könne, erzählt Walter. „Er hat meine Vorschläge eins zu eins umgesetzt.“ Man hört dem Wissenschaftler an, wie froh er über Söders Faible für die Raumfahrt ist. „Er hat Visionen, er hat Überzeugungen.“ Für Walter ist das wohltuend – schon, weil die Innovationen heute aus dem USA kommen.

Dort geben Visionäre wie Tesla-Chef Elon Musk oder Amazon-Gründer Jeff Bezos zig Millionen aus, um mit neuartigen Raketen das Weltall zu erobern. Warum werden Söders „Bavaria One“-Pläne im Freistaat dann von vielen Seiten als Geldverschwendung und Größenwahn abgetan? „Ich glaube, dass Raumfahrttechnik in der deutschen Gesellschaft als überflüssig angesehen wird, als etwas, was man nicht braucht“, sagt Walter. Dabei vergessen viele, dass etwa ohne Satelliten nichts geht – kein Satellitenfernsehen, keine Navigation. Aber diese eine Frage, sagt Walter, die hat auch ihn umgetrieben. Die, wie viel Söders Pläne mit Strauß und den 60er Jahren zu tun haben. „Söder hat nur geschmunzelt und kein Wort gesagt“, erzählt er.

In der Franz-Josef-Straße 5 in Augsburg sitzt MT Aerospace. Das Unternehmen ist so etwas wie Bayerns Tor zum Weltall. 550 Mitarbeiter stellen hier Feststofftanks für die Ariane-Raketen her. Teile, ohne die keine Ariane samt Satellitenfracht ins All starten kann. Was Söders Raumfahrt-Projekt den Augsburgern bringt? Durch die künftige Luft- und Raumfahrtfakultät werde es mehr gut ausgebildete Ingenieure geben, sagt Firmenchef Hans J. Steiniger. Mitarbeiter, die auch andere Unternehmen in der Region dringend brauchen. Und MT Aerospace wird noch mehr Kooperationen eingehen können. So hat das Unternehmen etwa das Material für die neuen Ariane 6-Tanks mit Unterstützung des DLR entwickelt. Raumfahrt ist ein politisches Geschäft. Die Initiative des Ministerpräsidenten könnte helfen, „entsprechende Raumfahrt-Budgets in Berlin zu generieren“, erklärt Steininger. „Wir profitieren nach wie vor von Strauß’ Interesse an der Raumfahrt.“

Söder hatte ein Strauß-Poster über seinem Bett

FJS vermengte Politik und Wirtschaft in so inniger Weise, wie sie heute nicht mehr akzeptiert würde. Sogar von Schmiergeldern war immer wieder die Rede. Der älteste Strauß-Sohn Max musste sich sogar lange nach dem Tod des Vaters in Augsburg vor Gericht verantworten, weil ihm die Staatsanwaltschaft vorwarf, als Lobbyist unter anderem für Airbus gearbeitet, seine Einnahmen aber nicht versteuert zu haben. Strauß wurde freigesprochen.

Und was viele nicht wissen: Strauß-Tochter Monika Hohlmeier führt in gewissem Sinne bis heute die Interessen ihres Vaters fort. Sie ist Vorsitzende der „Intergroup Sky and Space“ – einer Organisation, die EU-Abgeordnete mit Lobbyisten der Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsindustrie zusammenbringt.

Franz Josef Strauß widmete sogar einen seiner letzten Auftritte seiner, man kann sagen, Lieblingsthematik. Am 30. September 1988 wurde bei MAN Technologie in Augsburg, heute MT Aerospace, eine Produktionsstätte für Motoren-Stahlgehäuse der Ariane 5 eröffnet. 135 Millionen Mark hatte die Firma investiert. Strauß war selbstverständlich dabei und hielt eine programmatische Rede zur Zukunft der europäischen Weltraumpolitik. „Ganz besonders stolz bin ich darauf, dass das einst rückständige Agrarland Bayern zum Zentrum der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie geworden ist“, sagte er. Einen Tag später brach er bei einem Jagdausflug nahe Regensburg zusammen. Drei Tage später war er tot.

Markus Söder hatte ein Strauß-Poster über seinem Bett. Es ist also davon auszugehen, dass seine Raumfahrt-Ideen nicht dem Raumschiff Enterprise entsprungen sind, sondern dass er vielmehr seinem großen Politik-Idol nacheifern will. Nicht umsonst hat Söder in seiner Regierungserklärung gesagt: „Wir machen die Raumfahrt wieder zu einer bayerischen Schlüsseltechnologie.“ Keine Science Fiction, sondern reale Forschungs- und Wirtschaftspolitik steckt dahinter. Und der Wunsch, möglichst allen alles zu versprechen. Für die absolute Mehrheit. In Bayern. Nicht im Weltall.

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