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Interview
07.09.2022

Schauspielerin Relin über Gleichberechtigung: "Die ganze Gesellschaft ist antiquiert"

Marie Theres Relin und Franz Xaver Kroetz mit ihren Kindern Magdalena (links), Ferdinand und Josephine.
Foto: Wolfgang Grube, Region18

Wenn es ums Geld geht, kochen bei Schauspielerin Marie Theres Relin schnell die Emotionen hoch. Ein Gespräch über Schubladendenken, Ungleichbehandlung und ihre berühmte Familie.

Frau Relin, Ihre Scheidung von Franz Xaver Kroetz liegt 16 Jahre zurück. Jetzt haben Sie mit Ihrem Ex-Mann überraschend zusammen in München eine Lesung abgehalten. Was darf man daraus ableiten?

Marie Theres Relin: Daraus kann man ableiten, dass wir uns nach wie vor noch gut verstehen. Ich habe mich gefreut, dass wir uns erstmals auf einer künstlerischen Ebene begegnet sind.

Was haben Sie gelesen?

Relin: Ich habe seine Shortstory „Leerer Tag“ aus meinem Buch „If pigs could fly: Die Hausfrauenrevolution“ gelesen. Er hatte seine eigene Shortstory vergessen und hat Tränen gelacht darüber. Er hat also aus seinen unveröffentlichten Memoiren gelesen, die allerdings eine fiktive Geschichte sind. Das alles war sehr, sehr lustig. Auch dem Publikum hat es gut gefallen.

Wer kommt zu Ihren Lesungen?

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Relin: Ganz unterschiedliche Leute. Fans, Intellektuelle, alles ganz breit gestreut. Darum ist es mir auch so wichtig, dass die Karten günstig sein müssen. So kann sich das jeder leisten. Die Idee ist, dass der Star sich über eines seiner Werke präsentieren kann. Monika Baumgartner war schon dabei oder Robert Atzorn. Zwei wie die rocken den Saal.

Die Lesungen sind ja nicht ihr einziges Projekt. Sie veranstalten auch noch Reisen nach Teneriffa, wo Sie ein Haus besitzen und sich ganz gut auskennen.

Relin: Ich versuche ja, sogar Corona positiv zu sehen. Als die Pandemie uns Schauspielern ein Stopp-Schild vor die Nase gehalten hat, habe ich nach neuen Erwerbsquellen gesucht. Letztes Jahr habe ich von 80 geplanten Vorstellungen beispielsweise nur 20 gespielt. Den Verdienstausfall zahlt einem keiner. Da habe ich mir gedacht: Was kannst du noch? Was interessiert dich? Schreiben ja, aber es ist schwierig, einen Verlag zu finden und einen Bestseller hinzukriegen, da liegt die Chance bei eins zu einer Million! Darum habe ich mir gedacht, ich schlage einem Reisebüro vor, dass ich ihren Kunden mein Teneriffa zeigen werde.

Und wie sah das dann aus?

Relin: Da wurde ein kleines Hotel mitten in den Bananen gemietet, dazu ein Kleinbus, und dann ging’s los. Es waren jeweils 16 Personen dabei. Die Älteste war 87, die waren alle trinkfest und können noch gut feiern und genießen. Jetzt plane ich eine neue Reise für Anfang Dezember. Ich stelle das alles gerne auf die Beine, auch wenn’s manchmal anstrengend ist. Aber: meine Gäste sind’s mir wert!

Es gibt wahrscheinlich Leute, die sagen: Mensch, die Relin muss doch gar nicht arbeiten. Die hat doch genug Geld. Sie ist die Tochter der berühmten Maria Schell und des Filmregisseurs Veit Relin, die Nichte von Maximilian Schell. Sie war mit dem großen Dramatiker Kroetz verheiratet…

Relin: Ich kann Ihnen sagen, dass das reines Schubladendenken ist. Das ist grauenhaft! Das Einzige, was ich von meiner prominenten Familie geerbt habe, ist der Name. Der hängt an einem wie ein schwerer Rucksack. Ansonsten habe ich keinen Cent geerbt. Auch aus der Ehe habe ich nichts mitgenommen. Ich habe mein Leben immer alleine bestritten und mir fehlen 18 Jahre Einzahlungen in die Rentenkasse aus der Zeit der Kindererziehung. Ich habe bei der Trennung von Kroetz die Ärmel hochkrempeln müssen, damit ich mir meine Scheidung leisten konnte.

Kurz gesagt, Sie sind durchaus darauf angewiesen zu arbeiten.

Relin: Oh ja. Und das ist ein mühevolles Geschäft, weil ich immer von diesen Schubladenbildern begleitet werde. Ich würde gerne meine Füßchen hochlegen und meine Projekte nur aus innerer Selbstbefriedigung heraus machen. Aber das ist nicht so. Dazu kommt, dass es für Frauen in der Schauspielerei ab 55 ziemlich eng wird.

Was müsste sich in der Filmbranche ändern, damit sich das ändert?

Relin: Die Filmbranche ist antiquiert. Nein, eigentlich ist die ganze Gesellschaft so. Man müsste hergehen und sagen: Lassen wir mal das ganze Gendergedöns und machen nur das, was im Grundgesetz steht: Männer und Frauen sind gleich. An diesem Punkt müsste man ansetzen – beispielsweise bei Löhnen und Gehältern. Auch beim Film verdienen die Männer heute noch 40 Prozent mehr als Frauen. Und Frauen, die Kinder erziehen, bekommen für diese Arbeit so gut wie nichts. Das ist ein Unding!

Wie ist das bei Ihnen?

Relin: Ich selbst würde, wenn ich in Rente ginge, etwa 520 Euro Rente bekommen. Das darf nicht sein! Darum habe ich schon vor 20 Jahren die Internetplattform www.Hausfrauenrevolution.com ins Leben gerufen und versuche das traditionelle Image der Hausfrauen zu verbessern. Ohne Mütter gibt es nämlich keine Gesellschaft. Das müssen die Entscheider doch irgendwann einmal kapieren. Auch ehrenamtliches Engagement müsste auf die Rente angerechnet werden. Sie merken, bei diesem Thema kommt mir alles hoch. Für mein Integrationsprojekt „Kinofrauen aller Kulturen“ bekomme ich vom Staat übrigens ebenfalls keinen Cent.

Aber einen Preis vom Bezirk Oberbayern haben Sie erhalten.

Relin: Ja, 1000 Euro. Die gingen nach Trostberg. Tatsache aber ist in Deutschland: Kreativität wird von Bürokratie gekillt.

Es wäre Zeit für eine zweite Hausfrauenrevolution!

Relin: Um Gottes willen! Das funktioniert mit Frauen nicht. Frauen können keifen, aber oft nicht kämpfen! Das habe ich damals schon in der taz erzählt und daraufhin hatte ich eine Revolution in der Revolution. Dabei stellen Hausfrauen den größten Anteil an deutschen Konsumenten. Die hätten wirklich Macht. Wenn Hausfrauen Weihnachten um drei Monate verschieben wollten, weil dann alles billiger ist, dann würde das funktionieren. Wenn sie für ihre Rechte streiken würden, dann würde sich auch politisch schnell etwas bewegen. Aber sie tun es nicht.

Sie selbst sind jung Mutter geworden und nun schon Oma. Bereuen Sie das oder ist das eine Freude?

Relin: Es geht nicht um die Freude. Es geht um die Notwendigkeit. Das Schönste, was einem passieren kann, sind Kinder der Liebe. Unsere drei sind so wohl gelungen. Ich freue mich wirklich, dass ich Kinder großgezogen habe, die ein inneres Bedürfnis haben, anderen zu helfen. Die stehen alle fest im Leben, hängen nicht nur am Handy und wollen feiern.

Und Sie selbst? Wenn Sie sich noch eine Rolle, eine Traumrolle aussuchen könnten, was würden Sie am liebsten spielen wollen?

Relin: Egal. Ich würde aber gerne noch einmal in einem Kinofilm mitspielen. Denn ich bin so ein Kinofan! Wenn es geht, wäre ich einer Komödie nicht abgeneigt. Und ich würde gerne in Mundart reden. Ich kann nämlich Bayerisch! Also, wenn Sie so fragen: Am liebsten würde ich eine durchgeknallte Großmutter spielen.

Können Sie sich auch vorstellen, mit Franz Xaver Kroetz noch mal ein Paar zu werden?

Relin: Nein. Aber er ist natürlich nach wie vor ein Stück meines Lebens. Das möchte ich auch nicht getauscht haben. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich mich niemandem gegenüber mehr rechtfertigen muss.

Zur Person: Marie Theres Relin, 56, ist dreifache Mutter und arbeitet als Schauspielerin und Autorin. Am 11. September präsentiert sie mit ihrem Projekt „Region 18“ eine Matinee mit Barbara Wussow im Münchner Gloria Palast. Eintritt 5 Euro. Thema: „Ein Streifzug durch die Wiener Kaffeehaus-Literatur“.

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