Es langes, aber vor allem ein gesundes Leben führen: Das steckt hinter dem Lifestyle-Trend Longevity, der in den vergangenen Jahren im Silicon Valley zu einem Milliardenmarkt wurde. Ein Unternehmer aus Augsburg hatte diese Idee allerdings schon Jahrzehnte früher – auch wenn damals noch nicht die Rede von Longevity war. Dr. Felix Grandel, Chemiker und Landwirt, entdeckte das Potenzial eines unscheinbaren Bestandteils des Weizenkorns: der Keim. Fast 80 Jahre nach der Gründung ist Dr. Grandel ein internationales Familienunternehmen. Trotz weltweiter Krisen stecken sie aktuell mitten im Aufbau einer neuen Marke – ganz dem Longevity-Trend gewidmet.
Die Augsburger Firma Dr. Grandel hat Kosmetik und Nahrungsergänzung im Sortiment
„Wir leben die Vision meines Großvaters von innerer und äußerer Gesundheit weiter“, sagt Ariane Grandel, die das Unternehmen inzwischen gemeinsam mit ihrem Cousin Dr. Gabriel Duttler führt. Im Portfolio haben sie mit Dr. Grandel und Phyris zwei große Kosmetikmarken, Dr. Grandel Health trägt zur inneren Stärkung mit Nahrungsergänzungsmitteln bei und noch immer setzen viele der Produkte auf die Weizenkeime ihres Großvaters.
„Bis heute ist das ein Dauerbrenner bei uns“, erzählt Ariane Grandel während eines Rundgangs durch die Produktion in Augsburg. Vor rund 90 Jahren erbte Felix Grandel die Pfladermühle in der Augsburger Altstadt. Doch statt sich für die Mehlproduktion zu begeistern, interessierte er sich vor allem für das vermeintliche Abfallprodukt: den Keim. Mit Erfolg. Sein Verfahren zur Fermentierung von Weizenkeimen, aus dem das Wirkstoffkonzentrat „Epigran“ entsteht, ließ er patentieren. 1947 gründete er sein Unternehmen, damals noch unter dem Namen Keimdiät GmbH.
In der „Beautyness Manufaktur“ kann man selbst einen Blick in die Produktion werfen
„Mein Großvater wäre sicherlich höchsterfreut darüber, wie die Trends heute wieder zu einem ganzheitlich gesunden Lebensstil gehen“, sagt Grandel mit Blick auf ihren Großvater. Bis heute blickt Felix Grandel von einem übergroßen Porträt auf Mitarbeiter und Besucher im zweiten Augsburger Standort des Unternehmens nahe dem Roten Tor herab. Dort befinden sich inzwischen Logistik, Fertigung, Entwicklung und Mikrobiologie. Durch die gläserne „Beautyness Manufaktur“ können Besucher die Produktion sogar direkt beobachten. Blaue Tuben werden in Handarbeit verpackt, pastellfarbene Ampullen kullern im Karton – bis zu sechs Millionen Stück der bekannten Fläschchen produzieren sie hier jährlich.
Die gläserne Manufaktur geht auf eine Idee ihres Vaters Michael Grandel zurück. Jeder solle nachvollziehen können, wie die Produkte entstehen. 1985 übernahm er die Geschäftsleitung des Unternehmens und führte es in eine neue Ära. „Mein Vater war wahnsinnig kreativ und motiviert“, sagt seine Tochter. Auch er ist heute vor einer Wand voller Auszeichnungen und Preise im Werk verewigt.
Michael Grandel richtete das Unternehmen international aus und hielt gleichzeitig an Qualität „made in Augsburg“ fest. Er kaufte Marken hinzu und erweiterte den Standort um ein zweites Werk. Das Gebäude sollte sich anfühlen, „als würde man in einen Kosmetiktiegel hinein schreiten“, erzählt Ariane Grandel. Das Zusammenspiel aus „cleaner und luxuriöser“ Ästhetik prägt den Bau bis heute: Eine Wand erinnert an die Textur einer Creme, eine andere an die Struktur menschlicher Haut, die Leuchter sollen die Blasen einer Emulsion darstellen.
Als Michael Grandel 2019 überraschend starb, hinterließ er eine Lücke, die kaum von einer einzelnen Person hätte geschlossen werden können, so erzählt es Grandel. Seine Rolle war zu groß, seine Aufgaben zu vielfältig. Umso wichtiger war es, dass gleich zwei Familienmitglieder bereitstanden, Verantwortung zu übernehmen.
Ariane Grandel und Dr. Gabriel Duttler leiten das Unternehmen heute
„Ich wusste schon im Kindergarten, dass ich mal in das Unternehmen einsteige“, sagt Grandel. „Auch wenn ich damals natürlich keine Ahnung hatte, was das bedeutet. Aber ich habe jeden Tag gesehen, wie gern mein Vater zur Arbeit gegangen ist und wie begeistert er war.“ Schon im Kindesalter sei sie auf dem Stapler gesessen und habe mit Mitarbeitern Extrarunden gedreht oder in der Kommissionierung Paletten gescannt.
Für Grandels Cousin, Gabriel Duttler, war die Grandel-Laufbahn weniger vorherbestimmt – wenngleich die Marke auch in seinem Leben von klein auf eine Rolle spielte: „Eine meiner ersten Erinnerungen an Grandel sind die Cerola-Taler. Davon haben wir immer viel zu viele gegessen“, erzählt er schmunzelnd. „Magenprobleme hatten wir davon aber nie“, wirft Grandel ein.
Duttler hatte sich zunächst für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden, sogar ein eigenes Start-up gegründet. Doch dann habe er sich immer wieder mit seinem Onkel unterhalten, Ratschläge ausgetauscht. „Und dann ging es ganz schnell, dass ich mich doch entschieden habe, bei Grandel einzusteigen.“ Ein Glücksfall, wie Ariane Grandel heute sagt. Denn nur drei Monate nach Duttlers Einstieg wurde Michael Grandel krank und starb bald darauf im September 2019.
Plötzlich standen die beiden nicht nur vor einem Familienunternehmen mit etwa 270 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Umsatz, sondern auch vor einer globalen Krise: die Covid-19-Pandemie. „Wir hatten seit Beginn eigentlich nur Krise“, sagt Grandel. „Aber wir haben Krisen immer schon eher als Motivator gesehen.“ Während der Pandemie trug sie der eigene Onlineshop, sie modernisierten und digitalisierten das Unternehmen und das Führungskonzept. Heute gibt es Mitarbeiterumfragen, mehr Flexibilität und eine Vier-Tage-Woche in der Produktion. „Ich glaube aber, die allererste Änderung, die du durchgeführt hast, war Coffee for free“, sagt Grandel. „Nicht ganz uneigennützig“, stimmt der 45-Jährige zu und trinkt einen Schluck Kaffee.
Dr. Grandel plant eine neue Marke passend zum Longevity-Trend
Die beiden gehen sichtbar vertraut miteinander um. Wie funktioniert denn in der Familie die Zusammenarbeit an der Unternehmensspitze? „Wir haben da Glück, er war nämlich schon immer mein Lieblingscousin“, erzählt Grandel schmunzelnd. Duttler stimmt zu, wirft aber ein, dass es trotzdem nicht immer leicht sei. „Wir wissen natürlich auch nicht immer genau, was der andere denkt“, erzählt Duttler. Aber dafür würden sie sich intensiv austauschen, und eines sei klar: Beide wollen für das Unternehmen das Beste im Sinne der Familie. „Wir haben ganz viele Mitarbeiter, die fachlich viel besser sind als wir, aber niemand kennt die Familie so gut wie wir zwei“, sagt Duttler.
Gemeinsam wollen sie Grandel nun in die Zukunft führen, idealerweise eines Tages auch in die vierte Generation. Ein wichtiger Baustein dabei sei natürlich auch die Nachhaltigkeit. Und auch hier sei das Unternehmen seiner Zeit voraus gewesen. Bis heute ist die alte Mühle, die ihr Großvater einst erbte, für Grandel im Einsatz – allerdings nicht mehr zur Mehlgewinnung, sondern schon seit den 1990ern als Wasserkraftwerk, das einen Teil des eigenen Stroms liefert.
Dass die alte Mühle ihres Großvaters bis heute für Dr. Grandel arbeitet, passt gut zur Philosophie des Unternehmens. Tradition bewahren und gleichzeitig Neues wagen. Oder wie Ariane Grandel es formuliert: modern denken und dabei „immer die DNA der Firma berücksichtigen“. Mit diesem Ansatz wollen sie mit einer neuen Nahrungsergänzungsmittel-Marke rund um den Longevity-Trend genau jenes Thema weiterentwickeln, das Firmengründer Felix Grandel schon vor Jahrzehnten beschäftigte: Schönheit und Gesundheit ganzheitlich zu denken.
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