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Wemding/Augsburg: Impfbetrug in Wemding: Polizei nimmt Verdächtigen Blut ab

Wemding/Augsburg

Impfbetrug in Wemding: Polizei nimmt Verdächtigen Blut ab

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    Bei rund 100 Personen, die im Verdacht stehen, in der Praxis in Wemding wissentlich Scheinimpfungen gegen Covid-19 erhalten zu haben, wurde die Polizei vorstellig.
    Bei rund 100 Personen, die im Verdacht stehen, in der Praxis in Wemding wissentlich Scheinimpfungen gegen Covid-19 erhalten zu haben, wurde die Polizei vorstellig. Foto: Wolfgang Widemann

    Sie haben sich offenbar den Corona-Impfnachweis erschlichen und dafür weite Wege auf sich genommen. Aus ganz Bayern und dem angrenzenden Württemberg, aber auch aus Hessen und vereinzelt sogar aus Nordrhein-Westfalen reisten zwischen Mitte April und Ende September 2021 wohl Hunderte von Menschen nach Wemding (Landkreis Donau-Ries), um sich den Eintrag in den Impfpass oder das entsprechende Zertifikat zu holen. Nur: Eine Spritze bekamen sie nicht – und das wissentlich in Absprache mit dem Hausarzt. Davon gehen Staatsanwaltschaft und Kripo inzwischen aus. Gegen den Arzt wird seit dem Herbst ermittelt. Nun bekamen viele dieser Leute Besuch von der Polizei. Die startete am Donnerstagmorgen eine Razzia in einer Größenordnung, die es in ganz Deutschland nicht jeden Tag und auch nicht jede Woche gibt.

    Razzia um Impfbetrug unter anderem in ganz Schwaben, in München und Oberbayern

    Bei rund 100 Personen klingelten die Beamten an der Wohnungstür. Die Schauplätze lagen, so berichtet Polizeisprecher Markus Trieb gegenüber unserer Redaktion, nur zum kleineren Teil im Umfeld der Praxis. Lediglich gut ein Dutzend der Verdächtigen seien im Donau-Ries-Kreis wohnhaft. Darüber hinaus wurden die Gesetzeshüter an diversen Orten in ganz Schwaben (bis ins Allgäu), in München und Oberbayern, der Oberpfalz und in Franken vorstellig. Eine Reihe von "Hausbesuchen" fand auch in den bereits erwähnten drei anderen Bundesländern statt. Die Polizei hatte zum einen einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Augsburg dabei – bei Aktionen dieser Art nichts Außergewöhnliches. Es galt, die Impfnachweise sicherzustellen: Impfpässe, Ausdrucke und Mobiltelefone.

    Andererseits hatten die Beamten durch das Gericht auch die rechtliche Handhabe erhalten, den Verdächtigen Blut abzuzapfen – eine Maßnahme, die normalerweise hauptsächlich bei Trunkenheitsfahrten angewendet wird. In dieser Sache wollen die Ermittler jedoch herausfinden, ob die Frauen und Männer Antikörper im Blut haben. Dies sollte nach einer Impfung in aller Regel der Fall sein. Oder anders ausgedrückt: Wenn sich keine Antikörper nachweisen lassen, ist dies mit ziemlicher Sicherheit ein Beleg für eine Scheinimpfung.

    Wie die Verdächtigen im Wemdinger Fall ins Visier der Ermittler geraten sind

    Anders als bei dem Wemdinger Arzt, mit dem sich seit Oktober die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Abrechnungsbetrug und Korruption im Gesundheitswesen, kurz ZKG, beschäftigt, behielt die Staatsanwaltschaft Augsburg die Federführung bei den strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Patienten – besser wäre wohl der Begriff Kunden –, die sich bei dem Allgemeinmediziner im gegenseitigen Einvernehmen auf die Scheinimpfungen einließen. Hier sei in den vergangenen Monaten "jeder einzelne Fall geprüft worden", berichtet Markus Trieb. Ins Visier der Ermittler gerieten vor allem Personen, die erst- und einmalig bei dem Arzt in den Patientenakten auftauchten sowie nicht aus Wemding und der näheren Umgebung stammen. Solche Kundschaft war Bürgerinnen und Bürgern in der Kleinstadt wiederholt aufgefallen: Vor der Praxis standen hauptsächlich an Freitagabenden auffällig viele Autos mit auswärtigen Kfz-Kennzeichen.

    Die Razzia am Donnerstag war von der Kripo Dillingen – bei dieser ist eine eigens gebildete Ermittlungsgruppe ansässig – von langer Hand vorbereitet. Schließlich waren Kräfte in vier Bundesländern zu organisieren und zu koordinieren. Man habe bei der Aktion jegliche Eskalation vermeiden wollen, betont Trieb. Deshalb seien daran auch rund zehn sogenannte Kommunikationsbeamte im Einsatz gewesen. Schließlich habe es sich um erhebliche Eingriffe in den persönlichen Lebensbereich gehandelt. Die Polizisten erklärten den Betroffenen die Hintergründe. Die angeblich Geimpften konnten sich die Blutentnahme ersparen, wenn sie den Vorwurf einräumten. Dies geschah in einigen Fällen, so die Polizei: "Es gab welche, die haben reinen Tisch gemacht."

    Letztlich habe man nicht alle Verdächtigen zur Ader lassen müssen. Diejenigen, bei denen es unvermeidlich war, nahmen die Gesetzeshüter für die Blutentnahme mit zu einer Dienststelle oder einer Klinik. In einer ersten Bilanz schildert der Pressesprecher, dass sich "nahezu alle" dieser Personen kooperativ verhalten haben. Die Überprüften stehen im Verdacht der Beihilfe beziehungsweise Anstiftung zum Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse und deren Verwendung. Es stehen zudem Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz im Raum. Soll heißen: Die Betroffenen haben sich auch damit strafbar gemacht, dass sie sich mit den unberechtigt erhaltenen Impfnachweisen beispielsweise in Bereichen bewegten, in denen die 2G-Regel gilt. Mit diesem Verhalten haben sie möglicherweise andere Menschen gefährdet.

    Die Durchsuchungsaktion dauerte bis in den Vormittag hinein. Hauptgrund dafür war Trieb zufolge, dass nicht alle Verdächtigen an ihrer Wohnadresse anzutreffen waren.

    Viele Patienten hatten nach der vermeintlichen Corona-Impfung in Wemding keine Antikörper

    Der Fall aus Wemding sorgt bundesweit für Aufsehen. Insgesamt soll der Arzt bei einer dreistelligen Zahl von Patienten eine Impfung vorgetäuscht haben. Dies soll zum einen mit deren Einverständnis passiert sein. Ein erheblicher Teil ging nach Erkenntnissen der ZKG gutgläubig davon aus, gegen das Virus immunisiert worden zu sein – was aber augenscheinlich gar nicht stimmt. Bei Sonderterminen ließen rund 300 Patientinnen und Patienten ihr Blut auf Antikörper untersuchen. Bei etwa 200 waren keine nachweisbar. Möglicherweise setzte der Mediziner bei den jeweiligen Impfterminen überhaupt keine Spritze oder er verabreichte eine Art Placebo.

    Der ehemalige Wemdinger Hausarzt soll nach Informationen unserer Zeitung den sichergestellten Unterlagen zufolge insgesamt rund 1200 Personen gegen Covid-19 geimpft haben. Er verbrauchte dabei circa 2000 Spritzen. Wie die Ermittler wissen, rechnete er die Impfungen stets ab. Deshalb könnte er sich wegen folgender Delikte strafbar gemacht haben: vorsätzliche Körperverletzung, Sachbeschädigung (durch die Vernichtung des Impfstoffs), Betrug und wissentlich unrichtige Dokumentation von Schutzimpfungen. Das Amtsgericht Nürnberg erließ gegen den 72-Jährigen im November ein vorläufiges Berufsverbot.

    Patientinnen und Patienten beschreiben den Arzt als Impfgegner, der bei Terminen in der Praxis oder anderen Gelegenheiten auch abstruse Theorien verbreitete. So stünde der Einmarsch der Russen bevor und der einzige sichere Ort sei Schweden. Er warb für Grundstückskäufe in dem skandinavischen Land.

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