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80. Geburtstag

16.06.2020

Autor Eugen Drewermann ist ein unbeugsamer Prophet und Kritiker

Der Theologe, Psychoanalytiker, Schriftsteller und suspendierte Priester Eugen Drewermann ist zunehmend frustriert über die katholische Kirche.
Bild: Jens Kalaene, dpa

Eugen Drewermann machte sich in seiner Kirche missliebig bis zum Austritt. Warum der Theologe und Psychoanalytiker inzwischen deutlich positiver beurteilt wird.

Kurz geht es bei ihm niemals ab. Schon seine Doktorarbeit „Strukturen des Bösen“ füllte 1979 drei Bände. Eugen Drewermann gräbt sich tief in die Themen ein, die er als Theologe, Psychoanalytiker und Poet bearbeitet. Seine Bücher wurden Bestseller, mit seinen Vorträgen füllte er Messehallen, in Radio und Fernsehen war er ein gefragter Talkgast. Am heutigen Samstag wird der sanfte Prophet, der in Paderborn völlig anspruchslos lebt, ohne Telefon, Computer, Kühlschrank und Auto, 80 Jahre alt.

Drewermann verzeifelt mehr und mehr über die katholische Kirche

Wenn er spricht, dann meistens im Pullover, mit ruhiger Stimme und in einem konzentrierten Redefluss. Dank seines erstaunlichen Gedächtnisses verzichtet er oft auf ein Manuskript. Eugen Drewermann versteht es, die Disziplinen zusammenzuführen. Der christliche Glaube tritt bei ihm ins Gespräch mit Märchen und Mythen, er hat zu bestehen neben den großen Denkern und Kritikern. Vor allem hat er den Menschen als Lebenshilfe zu dienen, denn in Jesus zeige sich die befreiende Güte Gottes.

Darüber verzweifelte Drewermann mehr und mehr über die katholische Kirche, die in seinen Augen in Inhalt und Sprache ihrer Botschaft den Menschen schon lange nicht mehr in den Krisen hilft. Als Priester und Dogmatik-Dozent, der sich immer kritischer mit seiner Kirche auseinandersetzte, musste er zum Systemsprenger werden. Vollends verscherzte er es sich mit dem Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhart, als 1989 seine 900-Seiten-Studie „Kleriker“ als das „Psychogramm eines Ideals“ erschien. Mit analytischer Präzision sezierte er deren „erfahrungsloses, existenziell unbeteiligtes Reden über die Geheimnisse Gottes“ und ihr „Beamtentum“, das sie nur als Repräsentanten der Organisation vor sich selbst bedeutend macht.

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Als Priester wurde Drewermann suspendiert

Damit zog sich Drewermann ein Lehrbeanstandungsverfahren zu. Ab Oktober 1991 durfte er nicht mehr in der Theologischen Fakultät lehren, bald darauf nicht mehr predigen und wurde als Priester suspendiert. An seinem 65. Geburtstag trat er schließlich aus der Kirche aus und wurde bekenntnisübergreifend ein spiritueller Führer. Zunehmend wurde er politischer, trat für Frieden und Flüchtlinge ein, geißelte Kapitalismus, Aufrüstung und Umweltzerstörung.

Obwohl ihn mit den Jahren „eine gewisse Müdigkeit, auch Sinnlosigkeit oder Erfolglosigkeit“ erfasst, wäre Ruhestand für einen, der nie zwischen Arbeit und Freizeit unterschied, „eine Absage an mein Engagement angesichts einer Fülle ungelöster Probleme“.

Die Kirche blickt mittlerweile milder auf den religiösen Rebell. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer befand 2018 angesichts der Missbrauchsfälle: „Eugen Drewermann ist ein von der Kirche verkannter Prophet unserer Zeit.“ Im Dezember 2019 durfte er sogar nach fast 30 Jahren wieder an der Paderborner Theologischen Fakultät reden – „von der Macht der Ohnmacht Jesu“.

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