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„Das Land der Anderen“
04.06.2021

Leïla Slimani mit neuem Bestseller - ein Literatur-Star ganz intim

Die französische Schriftstellerin Leila Slimani im Drouant Restaurant in Paris, nachdem bekannt gegeben wurde, dass sie den Goncourt Preis gewinnt.
Foto: Christophe Petit Tesson, dpa

Leïla Slimani ist eine der wichtigsten Stimmen der französischen Sprache. In ihrem aktuellen Bestseller „Das Land der Anderen“ zeichnet sie ein Porträt ihrer Familie.

„So ist das hier.“ Immer wieder muss Mathilde diesen Satz hören, fast wie ein Mantra. Wenn sie nicht will, dass ein Esel geschlagen wird oder die Arbeiter oder sie selbst. Wenn sie mehr Freiheiten für sich, für ihre junge Schwägerin, ihre kleine Tochter einfordert. „So ist das hier.“ Die Elsässerin Mathilde hat am Ende des Zweiten Weltkriegs Amine Belhaj geheiratet, einen marokkanischen Offizier, der für die französische Kolonialmacht in den Krieg gezogen ist. Zusammen gründen sie in Marokko eine Familie. Schnell wird Mathilde klar, dass sie dort eine Fremde ist. Sie ist der Gnade der „Anderen“ ausgeliefert.

Die „Anderen“ sind aber nicht nur die Marokkaner, die Mathilde jetzt umgeben. Oder die Franzosen, die das Land besitzen und immer weniger unter Kontrolle haben. Die „Anderen“, das sind vor allem die Männer, die in Marokko genau wie im Elsass ihre Frauen unterdrücken und kontrollieren. Frauen müssen irgendwie im Land der Männer durchkommen.

Ohne zu dick aufzutragen, mit fast stoischer Sprache, schafft es Leïla Slimani die Verzweiflung, die Wut und die kurzen Momente der Freude im Leben der Familie Belhaj spüren zu lassen. Es ist kein Roman, nach dem der Leser sich ausgeruht oder besser fühlt. Gerade deswegen ist er lesenswert. Er ergreift, rüttelt am abgestumpften Feierabendgehirn, ohne zu belehren.

Leïla Slimani hat in Frankreich mit nur drei veröffentlichten Romanen Kultstatus erreicht

Leïla Slimani mag in Deutschland nicht jedem ein Begriff sein. In der französischsprachigen Welt hat die 39-Jährige bereits jetzt, mit nur drei veröffentlichten Romanen, Kultstatus erreicht. Die Zeitschrift Elle stellte die Schriftstellerin schon vor vier Jahren auf ihr Cover, daneben der Schriftzug Leïla Slimani Superstar. Die Schriftstellerin soll den Posten als Kultusministerin abgelehnt haben, der französische Präsident Emmanuel Macron ernannte sie stattdessen zur Botschafterin der Frankofonie. 2016 machte ihr zweiter Roman „Dann schlaf auch du“ Slimani zur meistverkauften Schriftstellerin Frankreichs. Für die Geschichte über ein mordendes Kindermädchen wurde sie außerdem mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, dem größten französischen Literaturpreis. „Das Leben der Anderen“ stand wochenlang auf Platz eins der französischen Bestsellerlisten. Der Roman erzählt die Geschichte von Slimanis Großeltern. Es ist der Auftakt einer Trilogie. Im zweiten Teil soll es um ihre Eltern, im dritten um sie selbst gehen.

Slimanis literarische Stimme ist nicht deswegen so kraftvoll, weil sie andere Themen anspricht. Sondern, weil sie Themen anders anspricht. Sie zeigt die hässlichen, dreckigen Seiten von Frauen, von Mutterschaft. Sie beschreibt im neuen Roman das Anderssein, das die Familie gleichzeitig stolz und einsam macht, die Hin- und Hergerissenheit zwischen zwei Kulturen ohne zu überdramatisieren. Wegen ihrer elsässischen Großmutter hat die in Marokko aufgewachsene Slimani auch die französische Staatsbürgerschaft. Seit ihrem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po lebt die Schriftstellerin außerdem in Frankreich. In einem Interview mit der Zeitschrift Telquel sagte Slimani: „Ich habe mich immer hundertprozentig französisch und hundertprozentig marokkanisch gefühlt.“

Erzählt wird von einer Familie im Marokko der 1950er Jahre - zwischen allen Fronten

Mitte der 50er Jahre befindet sich Marokko in der Unabhängigkeitsbewegung. Marokkanische Nationalisten greifen Franzosen an, französische Soldaten schießen bei Demonstrationen in die Menge. Und mittendrin die Familie Belhaj. Mathilde, Amine und ihre zwei Kinder gehören zu beiden Lagern und dadurch zu keinem. Ein Bild, das sich durch den Roman zieht, ist der „Zitrangenbaum“, den Amine gezüchtet hat, um seine Tochter zu bespaßen. „Wir sind wie dein Baum, halb Zitrone, halb Orange. Wir gehören zu keiner Seite“, erklärt er ihr eines Abends. Gleichzeitig denkt er, dass für die Welt der Menschen dasselbe gilt wie in der Botanik. „Am Ende würde eine Art dominieren, die Orange würden eines Tages die Zitrone verdrängen oder umgekehrt.“

Leïla Slimani, 39, im marokkanischen Rabat geboren, Star der französischen Literatur.
Foto: Arne Dedert, dpa

Abgeschieden auf einer Farm versucht die Familie, sich von der wandelnden Gesellschaft fernzuhalten. Amine verkleidet sich als Weihnachtsmann, Mathilde zerlegt zum Islamischen Opferfest einen Widder. Das Gefühl, anders zu sein, schweißt die Eheleute aber nicht zusammen. Amine fühlt sich manchmal wie ein Ketzer und Verräter, lässt es mit Schlägen an seiner Frau aus. Mathilde verzweifelt, hat das Gefühl, ein sinnloses Leben zu führen. Sie bleibt weniger aus Liebe zu ihrer Familie und mehr, weil sie auch nirgendwo anders eine Perspektive sieht, glücklich zu werden.

Leïla Slimani beschreibt die zerstörten Jugendträume sehr intim

Wie Slimani in „Das Land der Anderen“ von Schlägen, von Begehren und zerstörten Jugendträumen schreibt, ist sehr intim. Im Bewusstsein, dass sie über ihre Großeltern erzählt, ist die Nähe oft schon unangenehm. Wie viel Wahrheit ist und wie viel Fiktion, das verrät sie an keiner Stelle. Doch das ist auch egal. Denn Slimani zeichnet nicht nur das Porträt einer Familie, sondern auch einer Zeit, einer Gesellschaft, die kurz vor dem Zerreißen scheint.

Der Roman erinnert an die generationsübergreifenden Familiengeschichten aus dem magischen Realismus, in denen es weniger um die Handlung geht als um die Personen. Slimani zeigt das Seelenleben jedes Einzelnen. Das ist nicht immer erbaulich, aber dank Slimanis vorurteilsfreien Sprache verständlich. Am Ende versuchen eben alle, nur zu überleben, glücklich zu werden. Es eint sie mehr, als sie denken.

Leïla Slimani: Das Leben der Anderen. A. d. Französischen v. Amelie Thoma, Luchterhand, 384 S., 22 Euro

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