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Die Ökumene braucht mehr als große Gesten

Kommentar Von Alois Knoller
27.01.2021

Seit Jahrzehnten sind die beiden großen Kirchen in Deutschland miteinander im Gespräch. Am Schluss siegt jedoch immer wieder Zögerlichkeit über Annäherung.

Nun also begeht Deutschland das Jahr der Ökumene. Am Sonntag wurde es von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Hamburg feierlich eröffnet. Es soll den Rahmen bilden für den 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt im Mai, einen zentralen Tag der Schöpfung am Bodensee am 4. September und die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen im September 2022 in Karlsruhe. Die Kirchen sind entschlossen, die Gespräche fortzuführen und miteinander zu kooperieren.

Das ist schon etwas in einer Zeit, wo Menschen sich eher voneinander abgrenzen und übereinander in Abneigung herziehen. Im Verhältnis der christlichen Konfessionen galt das leider auch für lange Zeit. Wie oft haben sie feindselig übereinander geredet, sich gegenseitig der Irrlehre bezichtigt und die andere Art zu glauben verdammt.

Der Vatikan blockt Ökumene-Bestrebungen immer wieder ab

Es fehlte in jüngerer Vergangenheit nicht an großen Gesten der Verständigung und Versöhnung. Päpste drückten ihren Wunsch aus, „dass alle eins sind“ – so eine Enzyklika von Johannes Paul II. Die Kirchen Europas verpflichteten sich, überall dort zusammenzuarbeiten, wo es ihnen möglich ist. Man lag sich in den Armen und beteuerte die Geschwisterlichkeit. Sogar in einer wesentlichen theologischen Streitfrage, der Rechtfertigung „allein aus Gnade“, wurde ein differenzierter Konsens erzielt.

Die Glaubenswächter im Vatikan schieben Ökumene-Bemühungen immer wieder einen Riegel vor.
Foto: Gregorio Borgia, dpa (Symbol)

Trotzdem verfestigt sich der Eindruck, die Ökumene trete auf der Stelle und werde nie zum Durchbruch kommen. Die alles entscheidende Einigung, dass Christen wieder gemeinsam zum heiligen Mahl treten, wird ein um das andere Mal vertagt. Bei der Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund bekundeten Papst Franziskus und der Lutherische Weltbund immerhin ihre Sehnsucht, „dass diese Wunde geheilt wird“. In Frankfurt beim Ökumenischen Kirchentag hätte es 2021 schon eine offene Einladung geben sollen. Doch die Glaubenswächter im Vatikan blockten das deutsche Konsenspapier „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ des ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen brüsk ab: Die Lehrunterschiede seien noch zu gewichtig.

Zugegeben: Die Spannung zwischen ökumenischer Offenheit und eigener kirchlicher Profilierung ist nicht leicht auszuhalten. Zumindest in Kreisen konfessioneller Eiferer sind die Vorbehalte nicht aus der Welt geräumt. So muss sich der Augsburger katholische Bischof Bertram Meier gegen den Vorwurf wehren, er leiste einer „Protestantisierung“ Vorschub, wenn er seine Gläubigen auch nur dazu einlädt, dem Wort Gottes mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Wo es um Menschen geht, stehen die Kirchen zusammen

Es muss die anderen Kirchen kränken, wenn sie von Rom ständig als defizitär abqualifiziert werden. Den Evangelischen fehle es am weihevoll Sakramentalen, den Orthodoxen am päpstlichen Primat, heißt es. Die Anerkennung der geistlichen Schätze der anderen Kirchen steht wohlfeil in gemeinsamen Erklärungen. Am Schluss soll aber immer die römische Lesart gelten. Dialog sieht anders aus.

Jenseits der Lehrstreitigkeiten pflegen die Kirchen in Deutschland im Praktischen eine enge Zusammenarbeit. Wo es um Menschen geht, von der Betreuung und Bildung der Kinder über die Seelsorge in Krankenhäusern, Gefängnissen und Bundeswehr bis zum Netz sozialer Fürsorge sind die Kirchen verlässliche Partner in der Zivilgesellschaft. Mag es vorkommen, dass in ethischen Fragen evangelische Vertreter mehr Liberalität billigen, so besteht doch ein grundsätzlicher Konsens über christliche Werte. Denn sie spüren: Bedrängender werden die Vorstöße säkularer Kräfte, welche die Kirchen generell ins Private verweisen wollen.

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