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Interview
12.06.2021

Konstantin Wecker: "Ich bin heute mehr Anarcho als je zuvor"

Am 1. Juni 74 geworden – aber einen Ruhestand kann es für einen Künstler eh nicht geben, sagt der musizierende Poet Konstantin Wecker.
Foto: Thomas Karsten

Exklusiv Neues Buch, neues Album: Und doch spricht Konstantin Wecker über die Stille im Alter. Wütend bleibt er trotzdem, auf die Querdenker, Europa und auch die Grünen.

Herr Wecker, schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben.

Konstantin Wecker: Ja, gern – aber ich habe ja leider eh weiterhin nicht so viele Termine. Ich bin gerade mit meiner Frau in unserem Haus in Italien und ständig kommen neue Verschiebungen von Konzerten. Teilweise sogar bis ins Jahr 2023. Die vergessen wohl mein Alter, und dass man da vielleicht nicht mehr allzu langfristig planen sollte (lacht.) Die Bühne, das Miteinander mit den Musikern und dem Publikum – mir fehlt das alles sehr. Und ich glaube, es fehlt auch generell. Ein Mann hat mir mal in einem Brief geschrieben, er hatte eigentlich beschlossen, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen – aber nach meinem Konzert habe er sich dazu entschlossen, sich weiter zu engagieren.

Demnächst erscheint von Ihnen ja ein Buch, „Ein Plädoyer für Kunst und Kultur“ – welchen Stellenwert diese in der Corona-Krise hatten, dürfte Ihnen nicht sonderlich gefallen haben.

Wecker: Seit letzten Herbst haben Kunst und Kultur den Stellenwert von Fitness- und Kegelklubs: Freizeitbeschäftigungen, auf die man eben auch verzichten kann. Kunst und Kultur aber haben die Menschen immer wieder vor dem Allerschlimmsten bewahrt. Denn in ihnen lebt die Sehnsucht nach einer besseren, einer herrschaftsfreien Welt. Schon wenn ich als junger Mensch etwa Dostojewski gelesen habe, wurde ich immer für eine gewisse Zeit zum besseren Menschen. Das hat leider nicht allzu lange gehalten (lacht), aber immerhin … Die Kultur kann uns immer wieder auf das wirkliche Menschsein besinnen, das da heißt: Wir wollen zusammenleben, liebevoll, wir können gerne und gut auch streiten, aber wir brauchen keinen, der uns beherrscht. Dass sie uns daran gemahnt, wäre doch in einer Krisenzeit umso wichtiger zu bewahren.

Konstantin Wecker sagt Ja zum Ungehorsam! Aber anders als die Querdenker

Der Titel des Buches lautet „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“. Kurz zuvor erscheint auch ein neues Album, „Utopia“, auf dem Sie einen Hannah-Arendt-Satz zitieren: „Es gibt kein Recht auf Gehorsam“. Aber auf den Querdenker-Demos würden Sie den Widerstandsgeist wohl ungern zitiert sehen, oder?

Wecker: Oh nein. Die haben es ja leider auch geschafft, diesen an sich schönen Begriff des Querdenkens zu missbrauchen. Der Ungehorsam, den ich meine, ist ein struktureller. In jenem Lied singe ich ja auch: „Nehmen wir nie mehr Waffen in unsere zerbrechliche Hand.“ Es geht um Solidarität mit allen Menschen, zu der uns ja auch diese Pandemie führen sollte. Aber gerade die sogenannten Querdenker kündigen mit ihrem Verständnis von Freiheit der Gesellschaft ja die Solidarität auf. Das ist nun wirklich nicht in meinem Sinne.

Zum Schluss der Platte, in einer neuen 2021-Version Ihres Klassikers vom „Willy“, kommt sogar die Hoffnung zum Ausdruck, Corona könnte die Welt verbessern helfen. Inwiefern?

Wecker: Pandemien haben in der Geschichte immer andere Gesellschaftsformen bewirkt – und zum Teil auch sehr positiv. Ich habe die Hoffnung, dass man jetzt noch deutlicher erkennt, wie kaputt dieser Kapitalismus ist und wie fatal der Neoliberalismus versucht, uns in die Irre zu führen durch die Grundannahme: Der Mensch sei von Geburt an ein von Eigeninteresse und maximalem Nutzen und Profit für sich selbst getriebenes Wesen.

Konstantin Wecker: "Der Wahnsinn, der uns lenkt, heißt Patriarchat"

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie in einem anderen Lied singen: „Es ist an der Zeit zu genesen, von dem Wahnsinn, der uns lenkt“?

Wecker: Dieser Wahnsinn geht noch viel weiter zurück. Er trägt den Namen Patriarchat. Wir sind seit tausenden Jahren von malignen, narzisstischen Herrschern besetzt. Von Caligula bis Trump: Wieso hat es sich die Menschheit immer gefallen lassen, beherrscht zu werden? Ich träume weiter von dieser herrschaftsfreien Welt. Und ich glaube, dass, wenn wir diesen Traum nicht aufrechterhalten, die Menschheit zugrunde geht. Wir haben doch alles vernichtet, was uns am Leben erhält. Wir machen die Tier- wie die Pflanzenwelt kaputt. Wir vernichten, anstatt aufzubauen. Das hat alles mit diesen Herrschaftsstrukturen zu tun, die uns auch zum zerstörerischen Immer-Mehr und zur Konkurrenz treiben … Dem allem steht mein naiver Wunsch nach Utopia entgegen. Und ich stehe zu meiner Naivität.

Das Wesentliche an Utopia steckt ja bereits im Wort: das, was keinen Ort hat – also ein Sehnsuchtsziel.

Wecker: Nach Erich Fromm gilt die Hoffnung als etwas, an das man glaubt, auch „wenn es zu unseren Lebzeiten nicht zur Geburt kommt“. Diese Hoffnung habe ich.

Um einen Frieden im Jetzt aber geht es auf dem Album auch: mit sich, dem Altern, dem Leben. Ist es Zeit für Sie, mit sich ins Reine zu kommen?

Wecker: Meine Lieder und Gedichte sind mir immer schon vorausgeeilt. Aber sie zeigen mir, dass ich mich jetzt endlich so mit dem Thema Alter beschäftige, dass ich die Chance erkenne, die darin liegt, es anzuerkennen. Sich damit zu versöhnen. Das ist in unserer Gesellschaft sehr schwer: Stille einkehren zu lassen. Das wäre die Aufgabe des Alters.

Für einen ewig Ungestümen wie Sie eine wohl noch größere Aufgabe …

Wecker: Ja, darum taucht sie ja jetzt in meinen Texten auf. Schauen wir mal, wie ich damit umgehen werde. Auch diese Texte sind zum Teil noch sehr viel klüger als ich. (Lacht.)

Mit Rilke und Goethe nach Utopia

Einmal singen Sie dabei, dass Ihr Leben in Trümmern vor Ihnen liege …

Wecker: Das ist eine künstlerische Überspitzung, an der aber auch viel Wahres ist. Meine erste Autobiografie hieß nicht umsonst „Die Kunst des Scheiterns“. Die Auseinandersetzung mit meinen Niederlagen ist zu einem dicken Buch geworden. Und ich glaube, wenn wir uns alle ehrlich damit beschäftigen, wie oft wir gescheitert sind im Leben, müssen wir uns eingestehen, dass es ein wesentlicher Teil unseres Lebens ist. Die Kunst liegt darin, es anzunehmen. Es nicht immer wieder zu schieben auf die anderen oder die Verhältnisse. Nur wenn man sich letztlich als verantwortlich für sein eigenes Scheitern begreift, kann man daraus lernen und wachsen.

Gibt es einen Konstantin Wecker mit 80, der Ihnen vorschwebt, wie Siddhartha am vorbeiströmenden Fluss sitzend, weise?

Wecker: Es ist zwar eine schöne Vorstellung, aber ich glaube, das ist uns Poeten nicht gegönnt und das ist auch nicht die Aufgabe des Künstlers. Wir müssen uns immer auch mit der Welt und dem Leben auseinandersetzen. Wenn man sich etwa in das Leben von Rilke, dem Größten, was es für mich an Poesie gibt, vertieft: Der saß eben auch nicht da und hat nur mehr meditiert. Sondern er hat kurz vor seinem Tod noch seine „Duineser Elegien“ geschrieben. Und die meisten Künstler ahnen in der Poesie womöglich das, was die wirklich Weisen leben.

Das Album beginnt mit dem Gedicht „Faust“, einer Art Anverwandlung Goethes zur Frage „Wer bin ich“…

Wecker: Ich liebe Goethes „Faust“ seit jungen Jahren. Aber tatsächlich habe ich beim Schreiben gar nicht an ihn gedacht. Erst danach ist mit aufgefallen, wie viele Motive sich davon dort wiederfinden, darum musste ich es dann auch so nennen. Aber was mich immer schon am meisten am „Faust“ fasziniert hat, ist dieses „ … dass ich erkenne, was die Welt/ im Innersten zusammenhält“. Diese Suche ist genau das, was die Poesie auf ewig antreibt. Und auf noch ein Zitat von Goethe bin ich vor kurzem gestoßen: „In der Idee leben heißt, das Unmögliche so leben, als wenn es möglich wäre.“ Das könnte ein Vorwort für Utopia sein. Denn das heißt doch: Dadurch, dass man es lebt, wird es möglich.

Wecker: "Wir brauchen die Wut, sonst würden wir nichts mehr ändern"

Das verweist ja auch zurück auf die Welt. Und da ist der wütende Wecker ja immer noch deutlich zu hören, auch auf dem neuen Album. Die Empörung über den Zustand der Welt – das darf sich für Sie auch gar nicht zur Altersweisheit befrieden, oder?

Wecker: Nein. Wir brauchen die Wut, denn sonst würden wir nichts mehr verändern. Und die Zustände machen eine Veränderung und damit unsere Wut über sie ja sehr notwendig. Bestes Beispiel ist das neue Lied „Schäm dich Europa“ …

…die wütendste Stelle auf dem Album.

Wecker: Ja. Denn Europa ist so ein schöner Gedanke gewesen und wäre es immer noch – aber was da im Moment falsch gemacht wird mit den Geflüchteten, das ist einfach nur eine Katastrophe. Und wenn man sich überlegt, dass die deutschen Waffenhersteller in diesem Corona-Jahr mehr verdient haben als viele Jahre zuvor, dann ist das doch unglaublich, verrückt! Das macht einen doch wütend! Dabei hatte man mit „Nie wieder Krieg!“ und „Nie wieder Faschismus“ ja mal den richtigen Weg beschritten. Aber was ist daraus geworden? Ich gehöre zu den ganz wenigen glücklichen Menschen der Weltgeschichte, die in ihren über 70 Jahren selbst keinen einzigen Krieg erlebt haben. Aber man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass die Kriege, die wir nicht erleben mussten, trotzdem in die Welt getragen wurden, auch von Europa aus. Und jetzt müssen wir die Zäune nur hoch genug machen, damit sie nicht zu uns zurückkehren?

Nicht wenige würden sagen: Aber so ist die Welt halt. Wir können ja nicht alle bei uns aufnehmen. Und wenn Sie von „offenen Grenzen“ singen: Ein bisschen Realismus, Herr Wecker!

Wecker: Genau das höre ich ja immer wieder. Aber wir könnten Millionen aufnehmen – das hat auch der tolle Bürgermeister von Palermo immer wieder gesagt. Vielleicht müsste man dafür halt der Lufthansa ein paar Milliarden weniger geben. Die Tatsache, dass immer noch Menschen verhungern, ist doch ein Armutszeugnis für die Menschheit, wenn man überlegt, wie viele unfassbar reiche Menschen es gibt! Ich glaube, der Kapitalismus ist am Ende, er weiß es nur noch nicht. Einige wissen es wohl und versuchen darum, sich jetzt noch einmal kräftig zu bereichern. Aber da sind wir wieder bei der Machtfrage. Und es gibt diese beeindruckend engagierten jungen Menschen von Fridays for Future, es gibt eine Frauenrechtsbewegung in Südamerika, eine starke Anti-Rassismusbewegung in den USA und weltweit… Und bei all dem geht es nicht um Macht, sondern es geht um Inhalte. Vielleicht und hoffentlich erleben wir jetzt noch einmal ein letztes Aufbäumen der letzten Machos…

Die Grünen? "Alles bloß noch Realos", sagt Wecker enttäuscht

Wie blicken Sie denn auf die kommende Bundestagswahl? Ist ein Hoffnungszeichen für Sie, dass es erstmals eine grün geführte Regierung geben könnte?

Wecker: Wenn sich die Grünen wieder besinnen könnten auf die Zeiten, als sie noch verlacht wurden, als sie mit Heinrich Böll und Petra Kelly und mit mir Sitzblockaden gemacht haben – dann wäre das sehr schön. Und auf ihren Pazifismus, der für sie ursprünglich ganz wesentlich war.

Aber die Fundis gibt’s kaum noch.

Wecker: Ja, alles bloß noch Realos. Auch da sehen wir wieder: Es geht um Macht. Und wir sehen ja in Österreich, was herauskommt, wenn Grün und Schwarz zusammengehen – angenehm ist das nicht. Ich war immer bekennender Anarchist, ich bin heute mehr Anarcho als je zuvor. Weil mir alle Ideologien verdächtig sind. Die Münchner Räterepublik als erster anarchischer Versuch ist zwar gescheitert – aber wenn etwas scheitert, heißt es noch lange nicht, dass es falsch ist. Das war eine spannende und ungeheuer kulturvolle Zeit. Die dann niedergeschlagen wurde von der kulturlosesten Tyrannei aller Zeiten. Es wird immer gefährlich, wenn die Kultur nicht mehr ernst genommen oder gar behindert und zensiert wird. In allen angehenden Diktaturen ist als Erstes die Kultur fällig, weil die Autokraten ahnen, dass die Kultur ihr automatischer Feind ist.

Aber wählen gehen Sie schon?

Wecker: (lächelt und schweigt) …

Person und Werk: Der Münchner Konstantin Wecker ist seit über 50 Jahren als Künstler aktiv. Liedermacher, aber auch Autor, Schauspieler … – der Vater zweier Söhne ist unermüdlich und zudem immer schon politisch engagiert. Das neue Album „Utopia“ (Alive) des 74-Jährigen erscheint am 18. Juni, das neue Buch „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“ (Kösel, 176 Seiten, 14 Euro) am 21. Juni.

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