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Das ist die Freilichtbühne von Burg für 500 Zuschauer, ein ganzes Dorf im Dorf.

Foto: Burgstalltheater

Szenen aus „D’Hex vom Karraberg“ (2007).

Sommermärchen
25.08.2018

Märchenhafte Zusammenarbeit in Burg: Das ganze Dorf macht Theater

Von Wolfgang Schütz

Mehr Mitglieder als Einwohner: Burg führt mit bis zu 80 Sprechrollen sogar selbst geschriebene Stücke mit großem Aufwand auf. Wie das?

Dieses Märchen beginnt auf dem Müll. Auf wild wucherndem Müll auch noch. Doch am Ende wird es immer wieder tausende Menschen berühren und begeistern. Aber selbst wer diesem Märchen schon ganz nahe ist und auf der Staatsstraße 2025 durchs hübsche Mittelschwaben Richtung Thannhausen fährt – der muss nur mal eben zur falschen Zeit den Radiosender wechseln oder, kurz in Gedanken, mehr nach innen als nach draußen schauen: Und wusch, schon sind die paar Häuser vorbei, schon ist das Märchen verpasst. Was schade wäre. Denn es lässt sich hier viel über die Menschen und das Miteinander erfahren, ganz allgemein, und ganz konkret darüber, dass bei einem echten Volkstheater die entscheidende Rolle das Volk spielt und nicht das Theater. Aber vielleicht ist das ja eh immer so, wenn es nicht ums Geschäft geht oder um irgendwelchen Ruhm: dass Gemeinschaft halt wächst, wenn man gemeinsam irgendetwas schafft, etwas, das Freude macht, auch wenn die Freizeit begrenzt ist und jeder eigentlich eigene Vorlieben hat. Und plötzlich, nicht verwandt, nicht benachbart, gehören der zehnjährige Timo und die 22-jährige Tanja, der 43-jährige Martin und der 77-jährigen Xaver, alle per Du, irgendwie zusammen. 245 Menschen jeden Alters in einem Dorf mit 230 Einwohnern…

Bremsen wir also ab, schauen wir also raus und sehen, wie sich rechts, nach dem Ortsschild und einem Autohaus über den paar Häusern ein kleiner Berg erhebt mit großen Bäumen, zwischen deren Kronen kaum mehr als der Kirchturm herausragt. Biegen wir ab, schlängeln wir uns 60 Höhenmeter die Dorfstraße hinauf Richtung Dorfplatz, genau so, wie es eben hunderte Autos ein dutzend Mal mehr im Sommer tun wegen des Märchens, wenn es weitergeht, alle vier Jahre. 5000 Zuschauer strömen dann über die Kuppe des Berges wieder kurz hinab zu dem Platz, der lange jene wilde Müllkippe war, Schandfleck des Dorfes – und der heute dessen Stolz ist. Auch jetzt, an einem ganz normalen Sonntag, wollen Besucher von außerhalb sich dort umsehen. Denn gleich einem Dorf im Dorf stehen hier vier hausgroße Holzbauten, zu denen Karl Högel dann auch alles erzählen kann. Denn das hier sind die Kulissen des Burgstalltheaters – und ohne den 54-Jährigen wäre das alles so nicht möglich.

Schüler, Rentner, Anlagentechniker, Landwirte... alle arbeiten zusammen

Das sagt aber nicht Högel selbst, so ist das hier in Burg. Sondern sein bester Freund sagt es, Bernhard Horn, 53, oben auf dem Dorfplatz, im Café „Frieda“, das wiederum Högels Frau betreibt und in dem sich an einem solchen ganz normalen Sonntag ohnehin einige Verantwortliche dieses Märchens zum Stammtisch treffen. Horn ist nicht nur 1. Vorsitzender des seit 23 Jahren bestehenden Theatervereins, sondern jetzt auch zum zweiten Mal Autor des aufzuführenden Stücks und zum ersten Mal auch Regisseur – und außerdem selbstständiger Polsterer am Ort, verheiratet mit Anita, 50, Vater von Tobias, 25, und Tanja, 22, die allesamt natürlich auch dabei sind beim Theater. Und wie das funktioniert mit ihm, und seinem Stellvertreter Karl Högel, den Kulissen und der Technik, das erklärt Horn dann eben so: „Ich sag ihm, was ich mir vorstelle, er sagt, du spinnst wohl – und dann machen wir’s.“ Mit all den anderen zusammen, Schülern und Rentnern, Anlagentechnikern und Malern, Elektrotechnikern, Zimmerern und Landwirten…

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Bild: Wolfgang Schütz
Bild: Wolfgang Schütz

Ein Kernteam des Burgstalltheaters rund um den 1. Vorsitzenden Bernhard Horn (vorne links) in einer noch unfertigen Kulisse des nächsten Stücks „Der Sinn des Lebens“: Es wird eine Bar auf Hamburgs Reeperbahn.

Begonnen hat das Ganze als einmalige Aktion, 1992, zum Abschluss der Dorferneuerung. Da war der Müllplatz geräumt und ein Brunnen freigelegt worden, wohl ehemals zur Burg gehörig, die dem Ort seinen Namen gegeben hat. Der damalige Pfarrer hatte sich einen Schwank dazu ausgedacht, und weil Bernhard Horn ja sowieso so ein Kind seiner Heimat ist, das selbstverständlich bei der Feuerwehr, den Schützen und beim Krieger- und Soldatenverein dabei ist, kam der Nachbar auf ihn zu und sagte: „Du musst auch was spielen.“ Machte er, hatte ja als Kind schon beim Krippenspiel in der Dorfwirtschaft mitgemacht. Aus dem Spaß wurde ein Verein, 36 Gründungsmitglieder. Alle vier Jahre spielte man fortan historische Stücke von Autoren aus der Region, über den „Baurakrieg“ oder übers „Jägerglück“. Ein Regisseur war gefunden, gut 70 Mitglieder hatte der Verein zur Jahrtausendwende – und doch hätte hier diese nette Geschichte vorbei sein können, bevor sie zu einem richtigen Märchen wurde. Ein Wendepunkt wie bei so vielen dörflichen Vereinen, wenn der Vorstand aufhört und sich die Nachfolgefrage stellt, und hier dazu noch der Regisseur verunglückte. Gemeinschaft ist schön – aber wer macht’s?

Irgendwann schrieben sie einfach selbst ein Stück

Heute, 18 Jahre und vier Stücke später, sieht das ja alles glänzend aus. Als sich Bernhard Horn in der Vorbereitung für die Aufführung im Jahr 2015 historische Stücke von Theaterverlagen schicken ließ – einen überall gespielten „Brandner Kasper“ will man in Burg nicht –, war er mit nichts so richtig zufrieden und wagte den Sprung, selber zu schreiben. Nicht weil er Autorenträume hätte oder ein leidenschaftlicher Theatermann wäre. Sondern weil er immer schon gerne Gedichtchen für Hochzeiten und Geburtstage geschrieben und gedichtet habe (längst wunderte sich seine Frau Anita nicht mehr, wenn nachts kurz dessen Nachttischlampe anging, weil er sich eine Idee notieren musste – sie begann auch selbst damit). Und weil er etwas über die Menschen zur Nachkriegszeit in Mittelschwaben erzählen wollte. So wurde „Früher war alles besser“ mit zwölf geplanten und fünf Zusatzvorstellungen als echtes Volkstheater zum „größten Erfolg in der Vereinsgeschichte“. Josef Stadler, heute 70 Jahre alt und damals mit Marianne Rothmayer das Ehepaar im Stück, das durch Erinnerungen an die Jahre 1945 bis 1982 führte, sagt: „Die Leute haben uns danach gesagt, ja, genau so war es – zum Beispiel die Szene, wie damals die Amerikaner kamen…“

Bernhard Horn hat dazu nicht nur einfach viel zugehört bei Gesprächen im Dorf. Der Verein hat dafür auch historische Gefährte aufgetrieben, vom amerikanischen Mini-Panzer bis zum Hippie-Käfer. Die Mitglieder haben zur Verfügung gestellt oder besorgt, was nötig, hilfreich, schön war: vom einfachen Werkzeug bis zum Radlader, von alten Kleidern bis zum Kuchen für die Handwerker. Ein solcher ist Felix Stadler, 61, Maler, der die Fassaden der Holzbauten und die Innenräume gestaltet; und Günter Mörz vom örtlichen Elektrogeschäft, der für die Tontechnik samt der Funk-Mikros sorgt; oder Anton Aimiller, 77, der mit Johann Joas, 72, vom neu gebauten Technikhaus oberhalb der Kulisse die Beleuchtung regelt; und auch Xaver Deisenhofer, 77, den alle nur den „Hausmeister“ nennen, weil er einfach immer für die nötige Ordnung sorgt und damit gut beschäftigt und voll dabei ist. Alles ehrenamtlich, das versteht sich in Burg von selbst.

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Bild: Burgstalltheater
Bild: Burgstalltheater

Szene aus „Früher war alles besser“ (2015).

Die hier heimischen Menschen helfen zusammen, um die Geschichte ihrer Heimat zu erzählen. Es sind mehr, als das Dorf an Einwohnern hat, weil in dem irgendwann die Bauplätze ausgegangen sind, wer wegzog aber, dem Verein trotzdem treu geblieben ist. Und der Nachwuchs? Allein zwei Jugendbeauftragte gibt es im elfköpfigen Vorstand, weil daran so gar kein Mangel herrscht. Warum? Timo Högel, zehn Jahre alt, sagt, weil er einfach mitmachen will, aus Spaß, wie seine Freunde – und nicht nur weil Papa Christian, sonst Landwirt, halt auch einer der Schauspieler ist. Im nächsten Stück wird Timo erstmals eine Sprechrolle haben, als Sohn des Bürgermeisters, den aber eben nicht sein Vater gibt. So was hat im Verein schon dafür gesorgt, dass einer seit vielen Jahren einen anderen Vater nennt, obwohl die beiden gar nicht verwandt sind. Aber im Theater entstehen eben neue Bünde, und die gehören zur Geschichte und zum Alltag des Dorfes. Und immer mehr wollen daran teilhaben. Weil Bernhard Horn versprochen hat, dass jeder, der eine Sprechrolle will, auch eine bekommt, hat das nächste Stück davon ganze 80. „Der Sinn des Lebens“ heißt es, ist wieder ein Gang durch die Historie, diesmal bis zum Mauerfall, wagt erstmals auch eine szenische Exkursion, nach Hamburg, 1969 – und feiert am 14. Juni 2019 Premiere.

Auch Pannen gehören ab und zu dazu

Alle Termine stehen schon und alle Schauspieler haben seit drei Monaten bereits ihre Texte. Denn es bleiben ja Laien im Burgstalltheater, sie richten ihre Urlaube nach den Aufführungen und haben nur ihre Freizeit zum Üben – auch wenn etwa Martin Fritz, 43, fast profimäßig nach all den Jahren so gar nichts mehr von Lampenfieber wissen will, obwohl er eine Hauptrolle spielt, den Pfarrgemeinderatsvorsitzenden nämlich. Natürlich gibt es trotzdem Pannen: Zugbrücken, die auf halber Höhe hängen bleiben, die einen Schauspieler, die ihre Texte vergessen und darüber auf offener Bühne lautstark in Wut geraten, die anderen, die ihren Einsatz verpassen, weil sie mit dem Regisseur plaudern, bis sich beide plötzlich wundern, warum das Stück ins Stocken geraten ist. Aber solches gehört dann langfristig eben wieder zur Dorfgeschichte, und kurzfristig hilft der Humor, auch der der Zuschauer, die schließlich wissen, dass es hier nicht um hohe Kunst, sondern um volkstümliche Unterhaltung geht.

Im Jahr 2000 aber, als fast alles ins Stocken geraten wäre, da brauchte es Menschen, die Verantwortung für das Miteinander übernehmen. Und in diesem Dorf namens Burg, das man durch einen Moment der Unachtsamkeit am Steuer allzu leicht rechts liegen lässt, da gibt es diese Menschen. Die das Ich in den Dienst eines Wir stellen, abseits von Geschäft und Ruhm. Auch wenn sie das selbst so natürlich nicht sagen würden. Aber nur so sind solche Märchen möglich.

Schöne Geschichten, Märchen vor der Haustüre, wunderbare Projekte: Wir haben uns auf die Suche nach Menschen begeben, die etwas anpacken und gemeinsam Träume realisieren. Die muss es doch geben auch in Zeiten, die gar nicht so märchenhaft sind. Und ja: Das Echo unserer Leser war groß.

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