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Corona-Folgen

19.03.2021

Wie die Corona-Pandemie auf Psyche und Gesellschaft wirkt

Forscherinnen und Forscher untersuchen die Langzeitfolgen, welche die Pandemie für Individuen und Gesellschaft haben könnte.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Die Corona-Maßnahmen machen den Menschen zunehmend zu schaffen. Experten untersuchen, welche langfristigen Folgen die Pandemie haben könnte.

Seit einem Jahr scheint uns das Coronavirus in einen permanenten Ausnahmezustand zu versetzen, der den Alltag weitgehend außer Kraft setzt. Doch während es im ersten Lockdown noch schien, als ob die Pandemie bald vorüber sei, herrscht im zweiten Lockdown vor allem Unsicherheit vor – mit Folgen für die Psyche des Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt. Experten glauben zwar, dass diese Effekte nach dem Ende der Krise wieder verfliegen werden, mahnen aber, manche Gruppen bräuchten mehr Unterstützung.

Immer mehr Studien zeigen, wie sehr die Corona-Krise und die damit verbundenen Einschränkungen die Psyche der Menschen beeinflussen. So ergab eine Befragung von Forschern der Universität des Saarlandes, dass das Wohlbefinden der Menschen in Deutschland zunehmend unter den Folgen der Corona-Maßnahmen leidet – stärker als beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Die Lebenszufriedenheit sei deutlich zurückgegangen, während Sorgen, Stress und Depressivität zugenommen hätten, heißt es. Gleichzeitig hätten die Befragten nach dem ersten Lockdown ein Zusammenrücken der Gesellschaft gefühlt, nun aber werde das Verhalten der Menschen als eher egoistisch und die Gesellschaft als auseinanderdriftend eingeschätzt.

"Wir haben uns angestrengt, und es hat doch nichts genützt"

Auch der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg sieht einen Wandel: „Seit letztem Herbst hat sich die individuelle Befindlichkeit verändert, was natürlich Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft hat.“ Noch im ersten Lockdown habe es ein Gefühl der Hoffnung gegeben, basierend auf der Erwartung, dass im Sommer alles vorbei sein werde. Diese Hoffnung sei im zweiten Lockdown zerstoben. „Das Ergebnis ist eine erlernte Hilflosigkeit: Wir haben uns angestrengt, und es hat doch nichts genützt.“

 

Hinzu komme eine Wahrnehmungsverzerrung: „Wir sehen, was wir auf uns genommen haben, aber nicht, was diese Anstrengungen verhindert haben.“ In der Folge könnten Menschen zum einen in Hilflosigkeit oder Handlungsunfähigkeit verfallen bis hin zu tiefen Depressionen. Zum anderen gebe es diejenigen, die eine mehr oder minder ausgeprägte Reaktanz zeigten – also einen inneren Widerstand gegen Verbote oder Druck: „Die sind an einem Punkt, an dem sie das alles nicht mehr kümmert“, so Wagner.

Ob das aber gesamtgesellschaftlich zu mehr Aggressivität führe, sei unsicher, zumal schon vor der Corona-Krise eine ambivalente Entwicklung zu beobachten gewesen sei: Während die Zahl der Gewalttaten laut polizeilicher Kriminalstatistik generell sinke, gebe es gleichzeitig immer mehr Übergriffe auf Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste. „Bestimmte Segmente der Gesellschaft sind eher bereit, physische Gewalt anzuwenden“, erklärt Wagner. Ein Phänomen, das durch die Corona-Krise verstärkt werden könnte: „Die permanente Hilflosigkeit bedeutet Aufregung, die Erregungsniveaus addieren sich.“

Das Angstgefühl während Corona-Pandemie hat sich verändert

Zur Erregung kommt für Borwin Bandelow von der Universität Göttingen noch eine weitere zentrale Emotion: „Jeder Dritte in Deutschland gehört zu einer Risikogruppe: Die Menschen haben Angst – auch weil man durchhalten muss, bis man irgendwann mit dem Impfen an der Reihe ist.“ Insgesamt kämen die Menschen aber besser als erwartet mit der Pandemie zurecht, so der Professor für Psychiatrie und Psychotherapie. „Noch zu Beginn war davon ausgegangen worden, dass die Zahl der Suizide steigen wird – das ist ebenso ausgeblieben wie der Andrang auf psychiatrische Praxen.“

Zudem habe sich das Angstgefühl in den vergangenen zwölf Monaten verändert, so Bandelow: „Wir können uns das Gehirn wie eine riesige Behörde mit verschiedenen Abteilungen vorstellen.“ Eine Abteilung bilde das intelligente Vernunftgehirn, das Zahlen und Fakten verarbeite. Daneben gebe es aber auch das primitive Angstgehirn, das in neuen Situationen anspringe. „Das Angstgehirn hat im ersten Lockdown beispielsweise dafür gesorgt, dass viele Menschen Klopapier und Mehl hamsterten.“

 

Andere mache es anfälliger für Verschwörungstheorien: „Das sind keine unintelligenten Menschen, aber das Angstgehirn hat keinen Hochschulabschluss: Wenn es zu stark wird, lässt man sich von einfachen Erklärungen überzeugen.“ Inzwischen habe sich die Angst bei vielen in Richtung Impfen verlagert: „Die Impfungen stellen wieder eine unbekannte Situation dar, die das Angstgehirn aktiviert.“

Doch nicht nur Ängste haben sich im vergangenen Jahr verschoben, sondern auch die Aufmerksamkeit für bestimmte Gruppen. Im ersten Lockdown standen zum einen das medizinische Personal, zum anderen ältere Menschen und dabei vor allem solche, die in Pflegeheimen leben, im Fokus. Mittlerweile wird auch darüber diskutiert, was die Pandemie mit Jüngeren macht – zu Recht, wie die zweite Befragung der Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt.

„Bereits bei der Befragung im Mai und Juni 2020 waren wir überrascht, dass die Folgen des ersten Lockdowns so deutlich zu sehen waren“, erinnert sich Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer. Noch stärker habe der zweite Lockdown gewirkt. In der Erhebung von Dezember 2020 bis Januar 2021 sagten 85 Prozent der befragten Kinder zwischen 7 und 17 Jahren, sich in der Corona-Krise belastet zu fühlen. Sieben von zehn Kindern empfanden ihre Lebensqualität als gemindert, Ängste, Sorgen und depressive Verstimmungen nahmen zu.

Corona-Einschränkungen: Die Belastungen bringen die Eltern ans Limit

Die Befragung der Eltern habe ergeben, dass auch bei ihnen zunehmend depressive Verstimmung und Erschöpfung aufträten. „Organisatorisch kamen Familien besser durch den zweiten Lockdown, aber die Belastungen brachten die Eltern ans Limit“, sagt die Professorin für Kinder- und Jugendgesundheit.

Gerade deren Befinden wirke sich aber direkt auf das der Kinder aus, unterstreicht Christoph Correll, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité Berlin. Für die Jüngeren bedeuteten die Einschränkungen, dass sie sich nicht mehr in dem Bereich bewegen könnten, der für sie konstituierend sei, nämlich der mit den etwa Gleichaltrigen geteilte Raum. „Hinzu kommt die Unsicherheit: ‚Was ist mit meinen Noten? Was mit meiner Zukunft?‘“, zählt Correll auf.

Correll wie auch Ravens-Sieberer sehen vor allem jene Kinder als am meisten gefährdete Gruppe, die schon vor Ausbruch der Krise sozial belastet waren, in engen Wohnverhältnissen lebten oder deren Eltern eine bereits bestehende psychische Erkrankung hatten. Denn für Kinder in instabilen familiären Strukturen brächen die wichtigen Lebenswelten Schule und Freunde weg, so Ravens-Sieberer. Für sie und ihre Eltern müssten einfach zugängliche Hilfsangebote geschaffen werden. Ravens-Sieberer warnt indes davor, eine psychische Belastung mit einer psychischen Erkrankung gleichzusetzen: „Wir befinden uns derzeit in einer Krise und sehen eine Reaktion darauf. Das heißt aber nicht, dass diese zu einer nachhaltigen gesundheitlichen Veränderung führt.“

 

Auch Christoph Correll ist überzeugt, dass die meisten Kinder und Jugendlichen die Corona-Krise ohne anhaltende Folgen verarbeiten werden: „Allerdings befinden sie sich noch in der Persönlichkeitsformung. In jener Phase formt sich unser Selbstbild auch dadurch, wie wir Probleme lösen können, und da verändert sich gerade sicher etwas.“

Längerfristige Veränderungen stehen auch im Mittelpunkt der Coh-Fit-Untersuchung, einer internationalen Studie zur psychischen Gesundheit in der Pandemie, an der die Charité beteiligt ist. In Deutschland wurden bereits 10 000 Menschen dazu befragt, geplant sind zusätzlich Befragungen sechs Monate sowie 1,5 bis 2 Jahre nach der Pandemie. Schon vor der zweiten Welle hatte die Studie ergeben, dass es einem Drittel der Bevölkerung schlechter ging – und hier vor allem jungen Menschen sowie Frauen, die unter der Mehrfachbelastung von Beruf, Haushalt und Homeschooling litten. „13 Prozent gaben aber an, profitiert zu haben, indem sie weniger Stress und weniger Einsamkeit bemerkten“, erklärt Correll.

Psyche: Die Gefühle der Hilflosigkeit und fehlenden Kontrolle steigen

Ein ähnliches Ergebnis für den zweiten Lockdown sei hingegen fraglich: „Die positiven Effekte schmelzen jetzt, gleichzeitig steigen Gefühle der Hilflosigkeit und fehlenden Kontrolle.“ Insgesamt hätten Dosiseffekt, Dauer und Schweregrad der Pandemie zugenommen: „Die Situation hört nicht auf und wird schlimmer, ohne dass ein Ende in Sicht ist.“ Dies führe zu dauerhaftem Stress. „Den kann man durchhalten, wenn man weiß, wann der Zustand vorbei ist“, merkt Correll an. Aber genau jener Endpunkt sei unsicher. „Und diese Unsicherheit ist Lethargie fördernd, entsprechend beobachten wir gerade bei einigen eine Erschöpfungslethargie.“

 

Umso wichtiger sei es, sagt Sozialpsychologe Wagner, dass die Politik nicht nur Verbote, sondern auch Erfolge kommuniziere: „Auch muss sie sagen, wenn man etwas nicht wissen kann, so wie bei den neuen Corona-Mutanten.“ Vor allem aber müsse es darum gehen, die Gründe für Schutzmaßnahmen besser zu erklären. „Und das bedeutet auch, auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Wissenslücken zu schließen: Warum wissen wir etwa immer noch nicht, was die Hauptinfektionsorte sind?“ Und schließlich könne es helfen, die Maßnahmen vor allem auf lokaler Ebene zu konzentrieren und zu vermitteln: „Das würde das Gefühl stärken, durch angemessenes Verhalten selbst etwas zur Verbesserung der Situation beitragen zu können“, so Wagner.

Insgesamt glaube er aber nicht, dass die psychische Gesundheit der Mehrheit dauerhaft durch die Pandemie verändert werden. Auch Angstexperte Bandelow prognostiziert keine langfristigen Effekte: „Selbst wenn die Pandemie uns noch zwei Jahre begleiten sollte, wird sich danach alles nivellieren, im Guten wie im Schlechten.“ Er erwartet allenfalls direkt nach der Rückkehr in den Alltag einige Überschwangsreaktionen: „Vielleicht werden sich die Menschen einige Zeit viel umarmen – aber auch das wird vorbeigehen.“ (von Alice Lanzke, dpa)

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