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Kino
05.09.2021

Von Hopkins bis Nicholson: Er leiht Hollywood-Stars seine Stimme

2003 wurde Joachim Kerzel mit dem Deutschen Preis für Synchron ausgezeichnet.
Foto: Michael Helbig, dpa (Archivbild)

Ob Anthony Hopkins, Jack Nicholson oder Dustin Hoffman: Joachim Kerzel leiht vielen Charakterdarstellern seine Stimme. Seine Jugend verbrachte er in Augsburg.

Bei manchen Äußerungen muss man unfreiwillig schmunzeln – obwohl sie auch zutiefst gruselig klingen. Zwischen diesen Polen wird man als Zuhörer hin- und hergerissen, wenn Joachim Kerzel von seiner größtenteils in Augsburg verbrachten Jugend spricht oder eine Zeile aus einem seiner ersten Theaterstücke rezitiert. Der Synchronsprecher klingt manchmal wie eine seiner tiefgründigsten und blutrünstigsten Sprechrollen, dem Alptraum vieler schlafloser Nächte, dem Grund für so manches nächtelanges Aufbleiben – Hannibal Lecter. Kerzel vermag es von der einen Sekunde auf die andere, seiner Stimme die stete subtile Arroganz, den leichten Singsang zu verleihen, die den von US-Autor Robert Harris erfundenen und von Anthony Hopkins verkörperten Kannibalen auszeichnet. Ein Gefühl, das sich umso mehr breitmacht, wenn man Kerzel nur übers Telefon hören kann. Denn dann dringen immer wieder Nuancen aus Lecters Stimme hervor, als ob er einem mit leicht angezogenen Mundwinkeln zuzwinkert – und im nächsten Moment ein Messer in den Rücken rammt.

Der Synchronsprecher Joachim Kerzel hat Augsburger Wurzeln

Begonnen hat Kerzels schauspielerische Karriere auf jeden Fall in Augsburg – oder wie Kerzel es immer wieder sagt: Datschiburg. Augsburgs Spitzname ist eine Vokabel, die der Schauspieler vornehmlich dann gebraucht, wenn ein Auto mit einem A auf dem Kennzeichen durch Berlin, seit Jahrzehnten Kerzels Heimat nun, fährt. Geboren ist er 1941 etwa 500 Kilometer weiter südöstlich, im heute polnischen Zabrze, zu Deutsch Hindenburg. Fünf Jahre später floh seine Familie mit Sack und Pack nach Bayerisch-Schwaben. Mit Mutter, Vater und seinen vier deutlich älteren Geschwistern ist der damals Sechsjährige zunächst in einem Haus in einer Gemeinde im Ries untergekommen, um zwei Jahre später dem Vater nach Augsburg zu folgen. Dieser hatte dort einen Job als Prokurist bei Zeuna Stärker bekommen.

Anthony Hopkins erhielt seinen ersten Oscar für die Rolle des Hannibal Lecter in «Das Schweigen der Lämmer».
Foto: Alexandre Meneghini, dpa

„Ich erinnere mich gerne an meine Zeit in Augsburg zurück“, sagt Kerzel. Von einem Dialekt jedoch keine Spur, es ist eher etwas Norddeutsches, das seine Sprache färbt. „Damals habe ich versucht, mich ein wenig anzupassen, mit dem schwäbischen sch oder dem bayerisch gerollten r“, erzählt Kerzel, merkt jedoch auch an: „Bei uns zuhause wurde Hochdeutsch gesprochen. Der bayerisch-schwäbische Dialekt war für mich nichts Halbes und nichts Ganzes.“ Auch bei Vater und Mutter, die sich als gutbürgerlich ansahen, war der Dialekt verpönt.

Als Kind wohnten Kerzels in der Beethovenstraße, nördliche Altstadt, sieben Menschen, zwei Zimmer. „Das war eine Katastrophe“, sagt ihr Jüngster heute, die Kindheit an sich sei jedoch schön gewesen. Treffen am Königsplatz, die sonntägliche Messe in der Pfarrkirche St. Georg, wo Kerzel sogar Ministrant war. „Meine Eltern wollten es so, sie waren katholisch und konservativ“, erinnert er sich. An seinem ersten Schultag verirrte er sich in Augsburgs Innenstadt, bis Passanten ihm halfen, den Weg zurück zur Volksschule St. Georg zu finden.

Wer es dem Synchronsprecher Joachim Kerzel besonders angetan hat

Auch das eine oder andere Gelage prägte Kerzels Jugend, er sei seiner Mutter damals auf der Nase herumgetanzt. Damals, mit 14, nach dem Tod seines Vaters. Dieser hatte sich dafür eingesetzt, dass der Junge einen ordentlichen Beruf lernte. „Schlosser“, sagt Kerzel, „war nur eine Überbrückung bis ich Schauspieler werden konnte.“ In dieser Zeit trieb er sich oft mit seinen Freunden herum, genoss das Leben, kam nachts um drei nach Hause, nur um zwei Stunden später wieder aufzustehen und mit dem Fahrrad den Weg zu seiner Arbeitsstelle in Göggingen anzutreten.

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Mit 14 Jahren trat Kerzel auch erstmals als Laiendarsteller auf, damals in der Basilika St. Ulrich und Afra. Dies ebnete den Weg, den Kerzel seit nunmehr 66 Jahren beschreitet: Zu einem der renommiertesten Synchronsprecher seiner Zeit. Seit 1990 hat er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper, Robert Wagner, Harvey Keitel, Jean Réno und eben Hopkins seine Stimme geliehen. „Anfangs habe ich mir neben der Schauspielerei nur etwas dazu verdienen wollen“, sagt Kerzel, irgendwann wurde das Sprechen jedoch zu seiner Hauptberufung.

Besonders Harvey Keitel (unter anderem „From Dusk Till Dawn“) und Anthony Hopkins haben es ihm dabei angetan: Vor Letzterem habe er „tiefe Ehrfurcht“, sagt der 79-Jährige, der den walisischen Schauspieler ursprünglich gar nicht sprechen wollte, da er sich dazu nicht in der Lage sah. Der Grund: „Hinter jedem Wort ist eine Welt, so viel Intelligenz, so viel Feinsinn“. Dabei war zu Beginn nicht einmal Kerzel als Hopkins’ deutsche Stimme vorgesehen, sondern Hartmut Reck. Der synchronisierte Hopkins noch im Film „Das Schweigen der Lämmer“, starb jedoch 2001. Just ein Jahr bevor der zweite Teil der Hannibal-Lecter-Filmreihe in die Kinos kam. Recks Rolle übernahm nun Joachim Kerzel – und tut das bis heute. 2020 wurde er unter anderem dafür mit dem deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet, eine Ehre, die ihm besonders wichtig ist, „weil sie von Schauspielern, also Kollegen verliehen wird“.

Was Joachim Kerzel noch mit Augsburg verbindet

Verdient hat er ihn, das merkt man sogar am Telefon. Spontan bietet Kerzel drei Varianten ein und desselben Satzes an. Sechs einfache Worte, die Hannibal Lecter im Schweigen-der-Lämmer-Prequel „Roter Drache“ spricht, als sein Widersacher ihm auf die Spur kommt: „Ich bin nur ein Mensch Will“. Dreimal derselbe Satz, dreimal ähnlich und doch ganz unterschiedlich. Ungefragt schickt ihm Kerzel ein leises, freudloses Lachen hinterher, das eher wie eine Drohung klingt. Der Grund dafür ist nicht, dass der gemeine Horrorfilmfan genau weiß, dass Hannibal Lecter in ebenjener Szene seinem Gegner ein Messer in den Bauch rammt. Viel eher transportiert Kerzel ebenjene Tiefe in seiner Stimme, wie auch Hopkins es vermag.

Nach Augsburg hat er noch heute lose Verbindungen. „Ich liebe diese Stadt“, sagt der Schauspieler, obwohl er das letzte Mal vor etwa 15 Jahren hier gewesen sei. Denn seit einem Schlaganfall vor etwa zehn Jahren ist Kerzel auf eine Gehhilfe angewiesen. Die Gräber einiger Verwandter sind noch in Augsburg, „ebenso wie mein Herz. Auch wenn ich die Stadt damals etwas spießig fand.“ Dennoch war der 79-Jährige in den Fünfzigern Stammgast am Perlachturm oder am Augustusbrunnen, ministrierte in St. Georg, fuhr mit gerade mal 14 Jahren mit seinem Fahrrad über die Wälder nach München – drei Gänge, knapp 130 Kilometer und ein irrer Muskelkater.

Den kann Kerzel auch heute noch kriegen, allerdings eher im Kiefer, wenn er im ersten Moment eine Lachorgie hinlegen und im nächsten einen Weinausbruch simulieren muss. „Natürlich gibt es eine Technik, ein Handwerk, das man lernen muss“, erklärt Kerzel. „Aber vieles ist Identifikation, Glück.“ Eine seiner erfolgreichsten Rollen war der Joker, 1989 verkörpert von Jack Nicholson. „Der Charakter war aber furchtbar“, sagt Kerzel im Rückblick. „Richtig unsympathisch und unangenehm, aber brillant“ Und genau so hat er ihn auch gesprochen.

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