Ich bin ein Renten-Pessimist. Wenn ich mir meine Zukunft vorstelle, dann so: Es ist 2066, ich bin gerade 67 Jahre alt geworden. Meine Haare sind grau, die Falten tief. Aber es ist noch längst nicht Schluss. Also mit dem Arbeiten. Die Weltreise muss warten, der Garten auch. Noch zehn Jahre, weil die Politiker das Renteneintrittsalter angehoben haben. Mit 77 darf ich dann in den Ruhestand gehen. Ich bekomme eine Bruttorente von 1300 Euro – wenn alles gut läuft. Und die einzige Reise, die ich mir leisten kann, führt in den nahegelegenen Stadtpark.
Aber es ist nicht 2066. Es ist 2026 und schon seit Jahren wird mir eingebläut, dass ich mich auf die Rente nicht verlassen darf. „Die Rente ist sicher“, diesen Satz kenne ich nur aus Satireshows. In vierzig Jahren werde ich also eines nicht sagen können: Dass das mit der Rente überraschend kam. So geht es all meinen Freunden, so geht es meiner Generation. Generation Z – Z für Zukunftsangst.
Laut einer Forsa-Umfrage machen sich 83 Prozent der 18- bis 30-Jährigen Sorgen um ihre Rente. Knapp ein Drittel rechnet überhaupt nicht mehr damit. Und die anderen gehen zumindest nicht von viel Rente aus. Auch der Kanzler sieht es ja so: „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung für das Alter sein. Sie wird nicht mehr ausreichen, um auf Dauer den Lebensstandard zu sichern.“ Was Merz meiner Generation damit sagen will: „Ihr müsst euch kümmern!“ Höchste Zeit, dass ich mich näher mit meinem eigenen Ruhestand beschäftige. Wie also kann ich vorsorgen? Ich frage nach: bei den Eltern, der Oma, Freunden und Experten.
War früher alles besser? Anruf bei Oma
„Von mir willst du Tipps zur Altersvorsorge?“, fragt meine Oma am Telefon und lacht. „Du, da bin ich ganz schlecht.“ Meine Oma ist Jahrgang 1938. Wie viele Frauen ihrer Generation hat sie kaum in die Rentenkasse eingezahlt. Stattdessen kümmerte sie sich um die Familie und den Haushalt. Weil mein Opa sie abgesichert hat, geht es ihr auch noch mit 87 Jahren finanziell gut – Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in ihrem Alter: Jeder fünfte Deutsche über 75 leidet an Armut. Und es werden immer mehr. Wie soll das dann in vierzig oder fünfzig Jahren aussehen?
Meine Oma sagt, früher glaubten die Menschen wirklich, die Rente sei sicher – eine gemütliche Vorstellung. Die Lebensumstände waren allerdings weniger gemütlich als heute. Deswegen brauchten die meisten auch weniger Geld, weniger Rente: „Da hatten viele noch kein Auto. Und wer fuhr denn schon in den Urlaub? Das war Luxus. Manche nahmen dafür sogar einen Kredit auf. Die Leute hatten nicht so hohe Ansprüche. Viele lebten noch von ihrem Garten und die Alten wohnten mit den Jungen in einem Haus. Da hockten alle auf einem Platz und der eine sorgte für den anderen. Das Leben war nicht leichter, aber einfacher. Das ist ja heute undenkbar“, sagt Oma.
Ich denke nach: Vielleicht würde es den Menschen besser gehen, wenn das noch immer so wäre? Gäbe es dann keine Rentner, die Pfandflaschen sammeln müsste? Ich frage: „Oma, wär das denn nicht auch heute sinnvoll?“ Das Telefon bleibt kurz still: „Ich fand’s früher ja ganz schön, aber …“ Sie geht nochmal in sich: „Nein … damals war das gut, aber heute sind alle so viel selbstständiger.“ Eine Familie, die über Vater, Mutter, Kind hinausgeht? In einem Haus? Das ist für die meisten meiner Freunde undenkbar.
Heute Party, morgen der Superkater
Ich kenne kaum jemanden, der mit seinen Eltern längerfristig unter einem Dach leben möchte. Die eigenen Bedürfnisse, Ziele und Sorgen stehen im Vordergrund. Professor Dr. Marco Wilkens, Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, spricht von einer Individualisierung der Gesellschaft. Das mache unser Leben nicht nur weniger sozial, sondern auch teurer. „Der Wohlstand war vor 50 oder auch vor 30 Jahren noch viel niedriger. Und wenn eine Gesellschaft, die in so einem Sättigungszustand ist, nicht mit weniger zufrieden sein will, dann haben wir heute Party und morgen den Superkater“, sagt Wilkens.
Meine Oma kennt Menschen, die schon heute unter diesem Superkater leiden. Bekannte, die sich von ihrer Rente im Lokal keine Tasse Kaffee erlauben können, so sagt sie es mir am Telefon. Ich denke: früher brauchten die Leute nicht viel, aber sie haben auch nicht vorgesorgt. Sie vertrauten der staatlichen Rente. Und vielleicht war das der Fehler?
Meine Eltern? Haben sich erstmal gar keine Gedanken gemacht
„Mit 25 haben wir nur in die Rente eingezahlt. Sonst haben wir überhaupt nicht vorgesorgt. Wir haben uns darüber damals gar keine Gedanken gemacht“, erzählt meine Mutter beim Osterbrunch mit der Familie. „Dass wir später keine Rente kriegen, das stand gar nicht zur Debatte.“ Damit hat sie auch recht, denn meine Eltern werden noch Rente bekommen – nur im Verhältnis deutlich weniger als meine Großeltern: Das Rentenniveau ist in den letzten 50 Jahren um über zehn Prozent gesunken. Heute liegt es bei nur 48 Prozent. Einzig das Eingreifen des Staates verhindert das weitere Absinken. Aber was ist das Rentenniveau eigentlich?
Bedeutet es, dass jeder 48 Prozent seines letzten Lohns bekommt? Eine kurze Recherche ergibt: Nein! Nur wenn ich 45 Jahre lang gearbeitet und währenddessen immer so viel verdient hätte wie der Durchschnitt, dann würde ich heute knapp die Hälfte meines Lohns als Rente bekommen. 1977 wäre ich noch mit üppigen 60 Prozent davon in den Ruhestand gegangen. Ein sinkendes Rentenniveau bedeutet also, dass Rentnerinnen und Rentner im Vergleich zum aktuellen Durchschnittsverdienst weniger Geld haben. Steigende Kosten und Inflation sorgen dafür, dass dieses Geld weiter an Wert verliert.
Meine Mutter fragt: Wie möchtest du einmal leben?
Während wir warme Waffeln mit Blaubeeren essen, frage ich: „Mama, Papa, wenn ihr heute in meinem Alter wärt, wie würdet ihr für später vorsorgen?“ Meine Eltern sind sich einig: „Immobilien“. Die eigene Immobilie wäre die sicherste Geldanlage. Meine Stirn legt sich in Falten: „Aber das eigene Haus kannst du ja nicht verkaufen? Dann steckt das Geld fest. Und außerdem habe ich nicht mal genug Geld für eine Einzimmerwohnung. Wie soll ich mir da ein Haus leisten?“ Mama räuspert sich: „Überspitzt gesagt kannst du das nur, wenn du von Anfang an alles darauf auslegst, möglichst viel Geld zu verdienen oder aus einem sehr wohlhabenden Haushalt kommst.“
Na, super. Also reich geboren werden oder Totrackern. Letzteres ist für mich keine Option. „Das ist doof, Kili, aber wenn wir dir sagen würden, was du zu tun hast, dann würden wir sagen: Such dir einen Job, der dir sicheres Geld bringt und powere dann durch.“ Meine Schwester stöhnt und verdreht die Augen. Ich verstehe sie gut. Ich möchte doch einen Beruf, der mir Spaß macht, der mich erfüllt. Keinen, der nur genug Geld zusammenkratzt, damit ich die letzten fünfzehn Jahre meines Lebens im Wohlstand verbringen kann. Ich möchte meinen Beruf bestimmen, nicht von ihm bestimmt werden. „Wer nur spart, hat nicht gelebt.“ Vielleicht ist das mein jugendlicher Leichtsinn, aber da ist doch was dran?
„Auch wir finden das nicht gut“, sagt Papa. Und Mama fügt hinzu: „Hier geht es nur um die Absicherung im Alter. Die grundlegende Frage ist: Was ist dein Anspruch, wenn du im Rentenalter bist? Wie möchtest du dann leben? Wo willst du später stehen? Davon hängt alles ab. Im Grunde musst du dir das jetzt schon überlegen“. Ich überlege: Ein Haus mit Garten, Familie und Freunde, die mich häufig besuchen … vielleicht noch ein schönes Hobby, ab und zu in den Urlaub. Ja, das wäre toll. „Wenn du das willst, musst du jetzt schon mächtig was dafür tun“, sagt Papa. Ich verspüre Leistungsdruck. Aber wie heißt es nochmal? „Von nichts kommt nichts.“
Tipp eins vom Wirtschaftsprofessor: die eigene Immobilie
Und bei einer Sache gebe ich meinen Eltern recht: Die eigene Immobilie ist ein super Invest. „Wenn Sie genug Geld zusammen haben, dann ist eine Immobilie sicherlich die erste Wahl – sofern Sie diese selbst bewohnen“, erklärt Professor Wilkens. Ich frage: „Macht es denn nicht Sinn, auch in Immobilien zu investieren, die man nicht selbst bewohnt?“ Das sei dann lediglich ein Anlageobjekt und weniger sicher, weil die Immobilienpreise zuletzt sehr hoch waren und stark schwanken. Ein gut gestreutes Aktiendepot sei da die bessere Option. „Aber wenn Sie selbst drin wohnen und wissen, dass Sie die nächsten zehn Jahre an dem Ort bleiben, dann ist eine Immobilie sicherlich pauschal der Aktienanlage vorzuziehen“, sagt Wilkens.
Aber da ich weder weiß, wo ich in zehn Jahren stehe, noch genug Geld für eine eigene Immobilie habe, ziehe ich Aktien vor. Seit einiger Zeit lege ich – auf dringenden Rat meiner Eltern – Geld in sogenannte ETFs (Exchange Traded Funds) an. Jeden Monat 210 Euro. Bis 2066 sind das immerhin 100.800 Euro. Wenn das System vor die Hunde geht, muss ich mich damit über Wasser halten. Aber immerhin kann ich in ETFs investieren – unabhängig vom Sozialstaat zu werden, das muss man sich erst mal leisten können. Ein Privileg.
Tipp zwei: das gestreute Aktiendepot
ETFs sind Fonds, die einen Marktindex wie den DAX oder den Dow Jones nachbilden. Dadurch bündeln sie viele Aktien in einem Produkt und gelten als risikoarm. Indem sie den jeweiligen Marktindex „kopieren“, entfallen auch die hohen Gebühren für Fondsmanager. Deswegen empfehlen viele Finanzexperten und Influencer ETFs, was dazu führte, dass die Zahl der privaten Anleger in den letzten Jahren förmlich explodierte. Fast alle meine Freunde besparen regelmäßig solche Fonds. „Besser Vorsicht als Nachsicht“ lautet das Motto meiner Generation. Auch meine Freundin und ihre Mutter investieren in ETFs.
„Ich war die Einzige, die davon gar keinen Plan hatte“, erzählt mir meine Freundin. Beim Weihnachtsessen vor ein paar Jahren sprach sie mit ihrem Bruder übers Anlegen. Der investierte zu dem Zeitpunkt schon länger Geld in Aktien. „Aber ich hatte auch nicht die Muße, mich damit intensiv zu beschäftigen. Also habe ich seinen Sparplan eins zu eins kopiert.“ Ohne großes Hintergrundwissen legt sie monatlich etwas Geld in ETFs an. Und die entwickeln sich mehr als prächtig.
Innerhalb der letzten fünf Jahre ist ihr Erspartes um 27 Prozent gewachsen – da kann das Geld auf meinem Girokonto nicht annähernd mithalten. Ihre Mutter investiert in denselben ETF. Weil die gesetzliche Rente nicht mehr reicht, sagt sie. „Ich habe immer nur Teilzeit gearbeitet und konnte deswegen nicht viel für die Rente ansparen. Deswegen habe ich dann angefangen, privat vorzusorgen. Auch mit ETFs.“
Ist Optimismus etwas für Reiche?
Weil ich bei der Rente nicht optimistisch bin, sollten auch meine Fonds bis zum Renteneintritt unberührt bleiben – damit ich auf der sicheren Seite stehe, wenn das Rentensystem tatsächlich versagt. Kein Optimist. Meine Freundin grinst: „Ich wollte einfach investieren und sparen. Ob jetzt für den Ruhestand oder ein Haus.“ Das ist laut Wilkens sinnvoller, als das Geld krampfhaft nicht anzurühren. Wenn man sich eine Immobilie kauft, sollte man das angelegte Geld nutzen und damit Wohnung oder Haus finanzieren. „Es ergibt wenig Sinn, wenn Sie einen Kredit bei der Bank aufnehmen, da hohe Zinsen zahlen und dann auf der anderen Seite Aktien haben. Also dann lieber das Geld nutzen, um den Kredit zurückzuzahlen“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler.
Mittlerweile hat sich das Grinsen im Gesicht meiner Freundin verflüchtigt: „Wobei ich eh nicht glaube, dass ich mir ein Haus kaufen kann.“ Ich schlucke: „Dabei bist du viel sparsamer als ich.“ Während ich mir Laptops, Musikanlagen, Schallplatten und Möbel kaufte, drehte sie „jeden Cent um.“ Wieder stellt sich mir die Frage: Wenn manche Reihenhäuser in meiner ländlichen Heimat eine halbe Million kosten, wie soll ich mir jemals eine Immobilie leisten? Die krummen Taler auf meinem Sparbuch reichen dafür nicht aus.
Was ich von anderen lernen kann
Resignation: Vielleicht hätte ich doch nicht studieren sollen? War das der erste Fehler? Vielleicht wäre eine Ausbildung besser gewesen? Dann hätte ich schon mit 20 voll verdient, hätte früh in die Rentenkasse eingezahlt. Vielleicht hätte ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Viel Geld wäre übrig geblieben und ich könnte mir heute eine Eigentumswohnung leisten. Aber ich habe mich für ein Studium entschieden. Dann abgebrochen und wieder studiert. Erst seitdem ich 25 bin, arbeite ich Vollzeit – meine Ersparnisse sind entsprechend gering.
Papa sagt: „Sei immer optimistisch“. Aber ich bin kein Optimist. Meine Freundin hat mir da definitiv was voraus: „Ich vertraue irgendwie darauf, dass ich später nicht in einem Staat lebe, der mich der Armut überlässt. Und die Studienzeit würde ich auch nicht missen wollen.“ Ich denke einen Moment darüber nach: Natürlich, sie hat recht! Das Studium hat mich entscheidend geprägt. Ich habe Freunde fürs Leben gewonnen und unverzichtbare Erfahrungen gesammelt. Nur durch das Studium kann ich heute meine beruflichen Träume verfolgen.
Auch die Mutter meiner Freundin hat studiert und erst spät Geld zur Seite gelegt. „Und bei mir ist es auch gut gegangen. Man braucht eigentlich gar nicht so viel“, sagt sie mit einem leichten Schmunzeln. Selbst meine Eltern haben keinen stringenten Studienverlauf. Und heute geht es ihnen gut. Bin ich doch gar nicht so schlecht dabei? Ein Fünkchen Hoffnung. Ich spare ja schon, ich lege Geld in Fonds an. Und die Kurse werden bestimmt steigen. Oder?
Unsicherheiten, Tipp drei und ein Hoch auf die Familie
Meine Oma ist sich da nicht so sicher. Denn ihr Mann, mein Opa, hatte schon in den 90ern in Wertpapiere investiert – und dabei auch Geld verloren. Opa kannte den Finanzmarkt gut, als Bankdirektor leitete er die lokale Volksbank. „Aber trotzdem konnte er das nicht voraussehen“, erzählt Oma. Das Phänomen scheint sich durch die Familie zu ziehen: Auch mein anderer Großvater verlor viel Geld durch Aktien. Jedenfalls vertraut meine Oma dem Markt nicht mehr so wirklich. Und doch investiert sie in Fonds, auf Anraten der Bankberater: „Die sagen immer, dass ich Papiere kaufen soll. Und dann fallen die Aktienkurse. Da habe ich ein komisches Gefühl und denke mir: Hätte ich's mal lieber aufs Sparbuch getan.“
Einen Notgroschen auf dem Konto zu haben? Das kann nicht schaden. Aber bleibt dadurch nicht langfristig viel Geld liegen? Die Zinsen sind doch so gering, dass man durch die Inflation sogar Geld verliert? Da wäre ich ja schön blöd, wenn ich nicht alles anlegen würde?! Aber langsam: „Sie sollten erst mal ganz klassisch sparen, bis Sie einen gewissen Grundstock beisammen haben“, rät mir Wirtschaftsexperte Wilkens. „Einen Puffer, für den Fall, dass beispielsweise ihr Auto kaputt geht.“ Ich frage: „Und wie viel braucht man da?“ 10.000 Euro sollten stets verfügbar sein, erklärt Wilkens.
Leider gleicht mein Konto einer finanziellen Einöde. Denn die laufenden Kosten und der Aktiensparplan fressen sich jeden Monat durch mein Portemonnaie. Natürlich bleibt auch etwas Geld übrig, aber eben nicht viel. Von den 10.000 Euro ist mein Kontostand jedenfalls noch weit entfernt. Immerhin sieht es bei meinen Aktien gut aus. Und mein eigentlicher Notgroschen liegt auf einem anderen Depot, das von meinen Großeltern seit meiner Geburt monatlich mit kleinen Beträgen bespart wird – ein Hoch auf die Familie! Außerdem sagt Wilkens, bei einem sicheren Einkommen könne man auch schon Aktiendepots besparen, noch während man seine Rücklage auf dem Konto aufbaut. Glück gehabt. Ich bin doch nicht falsch gewickelt.
Tipp vier: die Riester-Rente und ihr Nachfolger
Merksatz: 10.000 Euro, Aktien, dann eine Immobilie. „Und wie kann ich noch vorsorgen?“, frage ich den Wirtschaftsexperten. Wilkens wartet mit einem besonderen Tipp auf: dem Nachfolger der Riester-Rente – das geförderte Altersvorsorgedepot. Riester-Rente? Ist das nicht dieses völlig missglückte Projekt aus den frühen 2000ern? Die Mutter meiner Freundin hat da eingezahlt, meine Oma hat sie Verwandten empfohlen. Nur, um dann zu merken, dass die Abgabe an die Versicherung viel zu hoch und die Rendite zu gering ist. Nicht umsonst zahlen immer weniger Menschen in die Riester-Rente ein. Mein Vater rät mir sogar explizit von solchen „staatlichen Sachen“ ab. Das bringe „im Grunde gar nichts“.
Aber das neue Altersvorsorgedepot will ab Anfang 2027 alles anders machen: kaum Gebühren, höhere Renditechancen, mehr Zuschüsse vom Staat. Man legt Geld in ausgewählte Aktiendepots an und profitiert von der Weltwirtschaft, so die Idee. „Selbst bei kleinen Einzahlungen kommen da mit der Zeit richtig hohe Beträge raus. Das ist dann ein Vielfaches von dem, was Sie eingezahlt haben“, sagt Wilkens. Das Depot lohne sich besonders für junge Leute, die über einen langen Zeitraum einzahlen. Stopp: Ich dachte, ich soll erst 10.000 Euro ansparen, bevor ich Geld in Aktien anlege? In dem Fall nicht, erklärt Wilkens. Hier gelte: je früher, desto besser.
„Von der Rente bleibt in 40 Jahren nichts mehr übrig.“ Sagen meine Freunde
„Warten Sie nicht, bis Sie 10.000 Euro beisammen haben, sondern investieren Sie dabei bitte etwas Geld in das Altersvorsorgedepot“, rät Wilkens. Denn da lohnen sich bereits 30 Euro im Monat. Der Staat legt dann nochmal 180 Euro pro Jahr drauf. 540 Euro extra soll es maximal geben. „Und das Rentensystem wird durch eine solche Vorsorge entlastet“, sagt Wilkens. Das Rentensystem? In das Altersvorsorgedepot werde ich in jedem Fall investieren … aber das Rentensystem? Kann das denn überhaupt noch funktionieren? „Von der Rente bleibt in 40 Jahren nichts mehr übrig“, sagen meine Freunde. Auch meine Eltern denken, dass der Sozialstaat uns nicht mehr wie heute auffangen wird. Eine düstere Prognose, mit der ich den Wirtschaftswissenschaftler konfrontiere.
Es stimmt, erklärt er, meine und nachfolgende Generationen werden mit weniger zufrieden sein müssen. Weniger neue Klamotten, weniger Urlaube, weniger Geld. Ich überlege: Aber auch weniger Überfluss, eine nachhaltigere Lebensweise – das fände ich eigentlich nicht schlecht. Und will ich Wilkens Vorhersage glauben, wird es genügend Wohlstand für alle geben. Vorausgesetzt, der wird richtig aufgeteilt. Und genau das macht auch das Rentensystem, erklärt der Professor.
Rente: der misslungene Generationenvertrag?
Die Rente ist die moderne Version eines jahrtausendealten Generationenvertrags: Die Jungen sorgen für die Alten, die sich wiederum zu ihrer Zeit um die Alten gekümmert haben. „Und auch heute werden sie als Kleinkind von ihren Eltern subventioniert. Im Erwachsenenalter bezahlen sie dann ihre Eltern und die neuen Kinder. Und irgendwann sind Sie selbst alt.“
In Deutschland gehen gerade die geburtenstärksten Jahrgänge, die Babyboomer, in Rente. In den nachfolgenden Jahrzehnten ist die Geburtenrate immer weiter gesunken. Deswegen müssen jetzt wenige junge Leute den Ruhestand vieler älterer Menschen finanzieren – das Rentensystem gerät in Schieflage. „Aber im Grunde macht das die Rente nicht falsch“, sagt Wilkens. Pause – ich werde die Rente der Boomer nicht ewig zahlen müssen, so zynisch das auch klingt. Vielleicht wird sich das Rentensystem dann erholen. Dann, wenn es wieder mehr Junge und weniger Alte gibt. Professor Wilkens drückt es einfacher aus: „Sie wissen ja gar nicht, ob Sie das Problem dann haben.“
Realistischer Optimismus: Wird vielleicht doch alles gut?
Und ich, der Rentenpessimist, spüre plötzlich etwas Optimismus. Vielleicht brauchte es nur mal jemanden, der mir sagt: „Die Rente ist nicht zum Scheitern verurteilt. Ihr jungen Menschen dürft hoffen.“ Vielleicht wird meine Rente klein ausfallen, vielleicht wird sie allein nicht reichen. Ja, wahrscheinlich werde ich nicht mit 67 in Rente gehen. Wilkens sagt: „Wenn die Menschen immer älter werden, muss das finanziert werden. Entweder wir kommen dann mit weniger Geld aus oder wir arbeiten länger.“ Aber der Staat wird mich nicht hängen lassen. Ich darf es auch nicht tun.
Und wenn wir dann das Jahr 2066 schreiben, wenn ich dann 67 Jahre alt bin, werde ich vielleicht nostalgisch zurückschauen auf das, was ich jetzt hier schreibe und denken: „Ich habe die Tipps von damals befolgt, habe in Aktien, das Altersvorsorgedepot und eine Immobilie investiert. Ich werde noch einige Jahre länger arbeiten, aber meine Rente reicht aus. Ich habe ein Haus mit Garten, eine tolle Familie, enge Freunde, ein schönes Hobby und fahre ab und zu in den Urlaub. Ja, mir geht es gut.“
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