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Corona in Schweden
15.12.2020

Intensivstationen sind ausgelastet: Stockholm ruft um Hilfe

In Schwedens Krankenhäusern mussten zuletzt viele Notfälle behandelt werden – nicht nur mit Covid-19.
Foto: Fredrik Sandberg, dpa

Die Intensivbetten in Stockholm waren zuletzt zu 99 Prozent belegt. Jetzt schränkt das Land mit der lockeren Corona-Strategie das öffentliche Leben ein.

Corona ist mit voller Wucht zurück in Schweden – und stellt das Gesundheitssystem auf eine harte Probe. Aktuellen Zahlen zufolge waren die Intensivbetten in der Hauptstadt Stockholm Ende vergangener Woche zu 99 Prozent belegt. Die Nachbarstaaten Finnland und Norwegen haben Schweden deshalb ihre Hilfe bei der Behandlung von Patienten angeboten. Björn Eriksson, Leiter für Gesundheit und Pflege der Region Stockholm, bat außerdem private Pflegedienste, Personal zur Verfügung zu stellen, das in den Intensivstationen der Stadt helfen könnte.

Ende vergangener Woche hatte das Land mit rund zehn Millionen Einwohnern 6000 Neuinfektionen an einem Tag vermeldet. Die Todesrate pro Tag stieg zeitweise auf Mai-Niveau.

Für die einen ist die Schweden-Flagge Symbol für den einzig richtigen Corona-Weg, für die anderen ein mahnendes Zeichen dafür, wie man es nicht machen sollte.
Foto: Paul Zinken, dpa

80 bis 90 Infizierte wurden in Stockholm zuletzt auf den Intensivstationen behandelt – vergleichsweise wenige mit Blick auf das Frühjahr, als zu Hochzeiten 230 Menschen gleichzeitig Intensivpflege brauchten. Doch anders als im Frühling, erklärte Gesundheitschef Eriksson dem Medium TT Newswire, müsse gerade auch ein großer Anteil von Menschen mit anderen Krankheiten intensivmedizinisch behandelt werden. Außerdem hatte Schweden in den ersten Monaten der Pandemie zusätzliche provisorische Behandlungskapazitäten aufgebaut, die mittlerweile aber nicht mehr existieren. Und auf den Intensivstationen fehlt auch Personal – deshalb der Engpass. Hilfe aus dem Ausland brauchte Schweden bislang offenbar nicht – das Nachrichtenportal The Local berichtet, dass Patienten aus Regionen mit einem Mangel an Kapazitäten bisher in anderen Landesteilen behandelt werden konnten.

In Schweden starben viele Hochbetagte in Heimen an Corona

Im Frühjahr schien die lockere Corona-Strategie des Landes, zumindest was einen Kollaps des Gesundheitssektors betraf, aufzugehen. Die Krankenhäuser waren zu keinem Zeitpunkt überlastet. Fernab der Kliniken starben dennoch tausende Menschen, darunter viele Hochbetagte in den Pflegeheimen. Deren mangelnden Schutz hatte auch Anders Tegnell, Staatsepidemiologe und Architekt der schwedischen Strategie, als Fehler bezeichnet. Die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore verzeichnet auf ihrer Corona-Weltkarte in Schweden mittlerweile gut 7500 Covid-19-Opfer.

Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell bei einer Pressekonferenz.
Foto: Pontus Lundahl, dpa

Dennoch: Zwischen Juli und Oktober sank die Zahl der Neuinfizierten wie in Ländern mit strengeren Lockdown-Maßnahmen auf ein vergleichsweise niedriges Niveau. Jetzt aber mehren sich die Zeichen, dass das nordische Land seinen lockeren Sonderweg in der Covid-19-Bekämpfung ein Stück weit verlässt und in einen „sanften“ Lockdown geht. Die Zahl der Teilnehmer bei Versammlungen wurde von 50 auf nur noch acht Personen heruntergefahren. Auch für Weihnachten und Silvester gelten acht Personen als Maximalzahl, Kinder werden dabei mitgezählt.

Schwedens Geschäfte und Gastronomie bleiben trotz Corona offen

Geschäfte und Gastronomie jedoch bleiben geöffnet. Und dort sind oft viel mehr als nur acht Menschen. Denn beispielsweise in einer Bar oder einem Restaurant gilt lediglich, dass am gleichen Tisch maximal acht Leute sitzen dürfen – solange jeweils ein Meter Abstand zwischen den einzelnen Gruppen und Tischen besteht. Auch Busse und Bahnen in Stockholm sind oft voll besetzt, sodass kaum Abstand eingehalten werden kann. Allerdings halten die Unis Fernunterricht ab. Und viele Büros, die bislang höchstens vorübergehend ins Homeoffice gewechselt waren, sind nun fast vollständig zur Heimarbeit übergegangen.

 

Schweden: Ohne neues Gesetz kein Lockdown

Die wohl größte Einschränkung neben Besuchsverboten in Altenheimen bislang: Bars und Restaurants dürfen seit kurzem nur noch bis 22 Uhr ausschenken. Zudem untersucht Schwedens Regierung derzeit, inwieweit die Gesetzeslage so geändert werden kann, dass sie tatsächlich einen vollständigen Lockdown verhängen kann. Ohne Gesetzesänderung ist das in Schweden nicht möglich.

Ab Jahreswechsel soll dann mit der Impfung von Risikogruppen begonnen werden, dann folgt – laut Plan bis Juni – die Impfung der gesamten Bevölkerung auf freiwilliger Basis. Sollte der Impfstoff Anfang Januar verfügbar sein, bleibt fraglich, ob das Land noch schärfere Maßnahmen ergreift. Das nationale Gesundheitsamt geht davon aus, dass der Höhepunkt bei Todesfällen, Neuinfizierten und Intensivpatienten ungefähr um Weihnachten liegen dürfte. Danach sollen die Zahlen den Hochrechnungen der Behörde zufolge nicht mehr wachsen, sondern zurückgehen. Mit Gewissheit weiß das freilich niemand.

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