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Intendantenwahl
02.07.2021

Nach Wahlkrimi: Das ZDF hat einen neuen Chef

Der ZDF-Fernsehrat hat am Freitag Norbert Himmler zum Intendanten gewählt.
Foto: Jan Woitas, dpa

Das ZDF bekommt mit Norbert Himmler einen neuen Intendanten. Der Mainzer galt als Favorit. Doch ARD-Journalistin Tina Hassel machte ihm harte Konkurrenz.

Die Frage war: Fällt die Entscheidung für einen ZDF-Mann oder eine ARD-Frau? Für einen also, den man seit langem kennt, oder für eine von außen? Der ZDF-Fernsehrat hat am Freitag Norbert Himmler im dritten Wahlgang mit 57 Ja- und einer Neinstimme bei zwei Enthaltungen zum Intendanten gewählt – und sich damit für das Bekannte und Bewährte entschieden.

Allerdings erst nachdem die Gegenkandidatin des langjährigen ZDF-Programmdirektors, die 57-jährige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel, um kurz vor 13 Uhr überraschend vor die in Mainz versammelten Fernsehratsmitglieder trat und sagte: „Wir wollen beide dasselbe, einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“ Eine Wahl mit echten Alternativen sei die Krone der Demokratie, und sie reite erhobenen Hauptes vom Hofe. Hassel empfahl Himmler zur Wahl und beglückwünschte ihn sogleich. „Das war’s, herzlichen Dank“, sagte sie noch - und erhielt stehende Ovationen.

Im ersten Wahlgang hatten weder Hassel noch Himmler das erforderliche Quorum von 36 Stimmen der insgesamt 60 Fernsehrats-Mitglieder erreicht. Auf Hassel waren 24, auf Himmler 34 Stimmen entfallen, es gab zwei Enthaltungen. Im zweiten Wahlgang bekam dann Hassel 28 und Himmler 32 Stimmen. Ein Krimi.

Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, hatte einen starken Auftritt vor dem ZDF-Fernsehrat.
Foto: Maurizio Gambarini, dpa (Archivbild)

Dass der Unterschied nicht allzu deutlich ausfallen würde, hatte sich in den vergangenen Tagen verstärkt abgezeichnet. Der 1971 in Mainz geborene Himmler galt zunächst als Favorit. Beim ZDF begann er bereits als studentische Aushilfskraft und machte Karriere. Doch offenbar wollte man eine „echte“ Wahl haben – und damit kam Tina Hassel ins Spiel. Vorgeschlagen vom sogenannten roten Freundeskreis aus eher SPD-nahen Vertretern im ZDF-Fernsehrat, in dem unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen vertreten sind. Schließlich hieß es aus Fernsehrats-Kreisen, beide Bewerbungen seien gleichstark.

Tina Hassel zieht ihre Kandidatur für den ZDF-Chef-Posten überraschend zurück. Mit ihrem Konzept hatte sie viele überzeugt

Hassel hatte am Vormittag in ihrer Bewerbungsrede vor dem Gremium für ein „neues Wir“ innerhalb des Senders geworben, vor allem aber meinte sie damit dessen Funktion in und für die Gesellschaft. In Zeiten der Polarisierung sei der Wunsch nach Orientierung groß. Hassel empfahl sich als Brückenbauerin und sah das ZDF künftig als den Ort, „an dem die großen Gespräche durchgeführt werden“. Man müsse „raus aus der Komfortzone“ und einen ernstgemeinten Dialog mit Zuschauern und Nutzern führen. Auch müsse die Gesellschaft im Ganzen abgebildet werden. Ziel müsse „ein Fernsehen, das verbindet“, sein.

Auf Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der vielfach als „Lügenpresse“ diffamiert wird, wollte Hassel „selbstkritisch und selbstbewusst reagieren“ – vor allem, „indem wir berichten, nicht belehren“. Strategisch waren ihr zwei weitere Dinge besonders wichtig. Das ZDF müsse „zu einem echten Marken-Kosmos aufgebaut werden“ und als Marke auf allen Kanälen omnipräsent sein. Zudem müsse es agiler und reformbereiter werden. Hassel forderte mehr Mut zu Überraschendem und Formatsprengendem. „Fernsehen muss Erwartungen aufbrechen, um relevant zu bleiben“, sagte sie. Als Beispiel nannte sie die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die auf ProSieben sieben Stunden lang die komplette Schicht einer Krankenpflegerin gezeigt hatten. Dieses Potenzial habe das ZDF allemal.

Himmlers Bewerbungsrede und Konzept unterschieden sich davon allenfalls marginal. Während Hassel mit einem, wenn man so will, etwas emotionaleren Vortrag Sympathiepunkte holte, trug Himmler seine Vorstellungen mit großem Selbstbewusstsein und unter Verweis auf seine Erfolge vor. „Daran können Sie mich bis 2025 messen“, wiederholte er – und sprach von einer Reichweiten-Steigerung ebenso wie von einer Steigerung der Nachrichtenkompetenz. Auf Nachfrage erkläret er, er wolle den Bereich investigativer Journalismus stärken und klarer positionieren, auch die Wirtschaftsberichterstattung werde er ausbauen. Das ZDF müsse „die verlässliche Quelle“ für Jung und Alt sein.

Wie Hassel betonte er die Funktion des Senders für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, und sagte: „Wir müssen schlicht mehr für einzelne Zielgruppen bieten, dazu werde ich einen Plan vorlegen.“ Seinen emotionalen Moment hatte Himmler, als er sagte: „Ich brenne für dieses Haus.“

ZDF-Intendant Thomas Bellut trat nicht mehr zu einer dritten Amtszeit an.
Foto: Andreas Arnold, dpa

ZDF-Intendant Thomas Bellut hatte Anfang März kurz vor seinem 66. Geburtstag erklärt, am 15. März 2022 aus dem Sender ausscheiden zu wollen. Dann sei es „nach 40 spannenden Jahren im Mediengeschäft Zeit für einen neuen Lebensabschnitt“. Bellut hat in seinen zwei Amtszeiten als ZDF-Chef einiges richtig gemacht – häufig im Verbund mit seinem Programmchef Norbert Himmler. Den hatte er 2012, selbst erst kurz zuvor Intendant geworden, als Programmdirektor vorgeschlagen.

Vor allem erkannten sie, dass das Zweite Deutsche Fernsehen auch für ein jüngeres Publikum relevant bleiben – oder wieder werden muss. Und das im Digitalen wie im klassischen linearen Programm. In ihre Zeit fällt zum Beispiel die Einführung und Etablierung von funk, dem öffentlich-rechtlichen Internetangebot für 14- bis 29-Jährige. Schon vor seinem Posten als Programmdirektor hatte Himmler den Spartenkanal ZDFneo aufgebaut – ein Experimentierfeld für neue, „jüngere“ Formate. Satiriker Jan Böhmermann wurde dort gewissermaßen „groß“.

Der neue ZDF-Intendant Norbert Himmler steht für die Strategie "digitaler und jünger"

Der Umgang mit ihm wirft allerdings auch ein schlechtes Licht auf den Sender, der bisweilen alles andere als mutig und konsequent agiert: Lange wurde Böhmermann – von Himmler – mit warmen Worten vertröstet, schließlich bekam er doch noch einen Sendeplatz im Hauptprogramm. Böhmermann hätte gewiss bitter gelächelt bei Himmlers Lob am Freitag, dass er überaus wichtig für das ZDF sei. Wie Markus Lanz. Doch auch der Talker kritisierte kürzlich den Sender dafür, dass dieser es nicht schaffe, seine Show zu erwartbar regelmäßigen Anfangszeiten auszustrahlen. Ein Programmchef sollte so etwas ernst nehmen – die jüngsten Abgänge prominenter ARD-Sendergesichter zur privaten Konkurrenz zeigen, was passieren kann.

Auf das ZDF jedenfalls kommen zunehmend schwierige Zeiten zu. Auch weil bis 2030 ein Viertel der Belegschaft, etwa 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, den Sender altersbedingt verlassen wird. Der eingeschlagene Kurs zumindest ist richtig. „Digitaler und jünger“, so lässt sich die ZDF-Strategie auf zwei Stichworte bringen. „Weiblicher“, das hat hat man in Mainz inzwischen ebenfalls erkannt, müsse der Sender künftig ebenfalls werden. Himmler versprach, die Geschäftsleitung des ZDF weiblicher besetzen zu wollen – sein Ziel sei Parität.

Was das Digitale angeht, hat das ZDF vor wenigen Tagen einen Sprung nach vorne gemacht mit dem angekündigten Aufbau eines gemeinsamen Streaming-Netzwerks. Was für Nutzer in der Praxis bedeutet, dass ZDF- und ARD-Mediathek im Internet zwar eigenständig bleiben, sich aber zunehmend in der einen auch Inhalte der jeweils anderen finden und Nutzern empfohlen werden.

Das beitragsfinanzierte ZDF ist gewaltig unter Druck - wie auch die ARD

Zum Auftakt der Fernsehratssitzung am Freitagvormittag stellte ZDF-Chef Thomas Bellut das senderübergreifende Projekt in den Mittelpunkt. Es stecke noch viel Arbeit drin, sagte er, und sprach davon, dass es etwa zwei Jahre dauern werde, bis alles perfekt laufe. Die Stoßrichtung ist dabei klar: „Wir können nicht zulassen, dass die internationalen Plattformen den Markt dominieren.“

Das ZDF wie die ARD sehen also Netflix und Co. als Hauptkonkurrenz. Den jeweils anderen Sender jedoch auch – im Unterschied mutmaßlich zum Großteil der Beitragszahler, die ARD und ZDF als so etwas wie eine Einheit wahrnehmen. Längst diskutieren sie und Politiker über eine mögliche Fusion der beiden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

ARD und ZDF stehen mächtig unter Druck, und der kommt von vielen Seiten: Sie müssen sich strukturell wie inhaltlich verändern, und das bei starken Sparzwängen und der immer noch ungeklärten Frage, ob der Rundfunkbeitrag pro Haushalt und Monat tatsächlich um 86 Cent auf 18,36 Euro steigen wird. Die Entscheidung liegt beim Bundesverfassungsgericht. Wesentlicher noch ist das Akzeptanzproblem. „Nicht nur die lauten Ränder stellen uns in Frage, auch Teile der Mitte der Gesellschaft wenden sich von uns ab“, hatte Tina Hassel gesagt. Sie gilt nun als aussichtsreiche Kandidatin für die WDR-Intendanz.