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Wandel
03.11.2020

Kochen, Essen, Wohnen, Leben: Wie sich die Küche verändert

Eine originale Frankfurter Küche aus dem Jahr 1929 ist Teil der Dauerausstellung "Moderne am Main" in Frankfurt.
Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

Der Arbeitsraum wandelt sich immer mehr zum Zentrum des Hauses. Die Erfinderin der modernen Küche saß im Krieg als Widerstandskämpferin in Aichach im Gefängnis.

Der Ursprung der typischen deutschen Einbauküche, die vor hundert Jahren einen Siegeszug um die ganze Welt antrat, erinnert an die berühmten Brühwürstchen, die in Wien Frankfurter heißen und in Deutschland Wiener. Denn es war eine Wienerin, die 1926 den bis heute stilprägenden Entwurf der modernen Küche erfand, doch Möbeldesigner in aller Welt kennen sie unter dem Begriff "Frankfurter Küche".

Die Österreicherin Margarete Schütte-Lihotzky entwickelte die berühmten, noch heute mehrfach erhaltenen Prototypen für Millionen von Einbauküchen, die in fast allen deutschen Wohnungen ein Zuhause haben. Die damals 29-Jährige war die erste österreichische Berufsarchitektin überhaupt. Und mit ihrem zweckmäßigen Ansatz, den sie sich unter anderem von Mitropa-Eisenbahn-Speisewagenküchen abschaute, und bei einem gleichzeitig hohen Anspruch an das Design war Schütte-Lihotzky ihren Bauhaus-Kollegen in Weimar und Dessau stilbildend weit voraus.

Die Erfinderin der Einbauküche wurde von den Nazis verfolgt

Im Stile der damals aufstrebenden "Neuen Sachlichkeit" ließ der Frankfurter Baustadtrat Ernst May ab 1925 innerhalb von fünf Jahren 15.000 Wohnungen in 15 verschiedenen Siedlungen als voll elektrifiziertes "Neues Frankfurt" hochziehen. Baustadtrat May beauftragte die Österreicherin Schütte-Lihotzky für eine standardisierte Innenausstattung. Zuvor war die Küche ein Sammelsurium zusammengestellter Schränke, vom Küchenbuffetschrank bis zum Arbeitstisch.

Schütte-Lihotzky hatte mit ihrem "Labor einer Hausfrau" schon damals berufstätige Frauen und sozialen Fortschritt im Sinn. Sie setzte auf zeitsparendes und effizientes Kochen und Arbeiten, nannte Griff- und Schrittersparnis auf kleinem Raum als Ziel und setzte schon Mitte der Zwanzigerjahre auf eine umlaufende Arbeitsplatte mit genormten Hoch- und Unterschränken mit robusten Oberflächen. Die Designmutter der modernen Küche entging später als Widerstandskämpferin in der Nazizeit nur knapp der Todesstrafe. Bis zu ihrer Befreiung wenige Tage vor Kriegsende saß sie mehrere Jahre im Frauenzuchthaus in Aichach. Ihre vier mitverhafteten, von einem Spitzel verratenen Wiener Genossen wurden von den Nazis hingerichtet. Als Schütte-Lihotzky im Jahr 2000 kurz vor ihrem 103. Geburtstag starb, war sie eine der meistgefeierten österreichischen Architektinnen. Noch zu Lebzeiten benannte die Stadt Wien einen Platz nach ihrem Namen, ihre berühmten Küchen stehen heute in Museen.

"Die Frankfurter Küche ist bis heute die Mutter der modernen Küche", sagt Trendexperte Ralph Redeker vom Küchenhersteller Nolte. "Der Unterschied zu heute ist, dass die moderne Küche vom Arbeits- zum Lebensraum geworden ist. Die Frankfurter Küche hatte die Philosophie, die Küche vor allem als Arbeitsraum zu sehen und dabei größten Wert auf effiziente Wege und Arbeitsabläufe gelegt."

Küche und Wohnzimmer wachsen immer stärker zusammen

Heute wachsen Küche und Wohnzimmer immer mehr zu einem großem offenen Bereich zusammen. Die meisten Neubauten werden inzwischen so geplant, dass die Küche kein Extraraum ist, sondern sich sogar eher zum Zentrum der Wohnung entwickelt.

Für Redeker setzt sich damit ein Trend fort, der bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit begonnen hat. In den großen alten Bürgerhäusern gab es für jene, die es sich leisten konnten, noch viele einzelne Räume – vom Esszimmer bis zum Salon und Herrenzimmer. Doch immer mehr öffneten sich die Räume und wuchsen zusammen.

In den Siebzigerjahren entstand der Wunsch nach offenen Küchen zunächst mit Durchreichen. In Einfamilienhäusern wurden beim Renovieren oft Wände zur Küche durchbrochen. In den Achtzigern öffnete sich der Küchenabschluss in vielen Häusern im Stil einer kleinen Theke mit Barhockern in Richtung Wohnbereich. Heute ist ein offener Wohn- und Küchenbereich Standard. Und statt einer Bar-ähnlichen Theke rückt bei großzügigen Platzverhältnissen die Kochinsel mit Herd und Abzug ins Zentrum der ganzen Wohnung.

Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky hat 1926 die erste funktionellen Einbauküche entworfen.
Foto: Ulrich Schnarr, dpa

"Die Menschen wollen offener wohnen, wollen zusammen im Geschehen sein", sagt Marketingmann Redeker. "Das hat sich langsam auch in den Grundrissen entwickelt, denn niemand will mehr allein in der Küche stehen, während im Wohn- und Esszimmer der Spaß tobt." Aber auch das alte Motto "Die besten Partys enden in der Küche" komme nicht von ungefähr. Und so wie sich vor Jahrhunderten die Menschen in den Bauernhäusern alle um die warme Feuerstelle scharten, wünschten sich heute viele den Herd als sozialen Mittelpunkt. Auch hohe Miet- und Immobilienpreise verstärken den Trend, auf teuren Quadratmetern Küche und Wohnzimmer ökonomisch zu einem großzügigen Raum zu verschmelzen.

Die Küchenbranche ist von zahlreichen Insolvenzen gebeutelt

Derzeit geht diesen Weg kein großer Küchenhersteller so radikal mit wie Redekers Arbeitgeber Nolte. Auf der letzten großen Möbelmesse in Köln präsentierte der Küchenbauer ein umfassendes Wohnungseinrichtungssystem, das als Designfamilie für alle Hausbereiche bis zum Bad auf robusten Küchenmöbeln und flexiblen Maßrastern aufbaut. Der Küchenbauer rückt damit wie seine Möbel endgültig in Richtung Wohnzimmer. Möglicherweise sind die Ostwestfalen allerdings der Zeit ein bisschen zu weit voraus. Denn noch tut sich der Küchenhersteller schwer, die neue Philosophie im Handel umzusetzen. Anders als in Deutschlands Neubaugebieten und Designerwohnungen sind in vielen Möbelhäusern Küchen- und Wohnzimmer weiterhin wie vor Jahrzehnten getrennte Welten mit unterschiedlichen Abteilungen und Firmeneinkäufern. "Das ganzheitliche Denken hat den Möbelhandel noch nicht so erfasst, wie wir es gerne hätten", räumt Redeker ein.

Dennoch stellt sich Nolte als eines der letzten großen Familienunternehmen dem Trend der mit zahlreichen Insolvenzen kriselnden Küchenbranche erfolgreich entgegen. Mit 180 000 produzierten Einbauküchen stattet das Unternehmen im Jahr umgerechnet eine komplette Großstadt aus und hält damit auch den Ruf von Löhne als "Weltstadt der Küchen" hoch. Drei Viertel aller deutschen Küchen kommen heute aus der Region Ostwestfalen. Allein in Löhne sitzen vier große Hersteller, neben Nolte sind das Bauformat, Nieburg, und der Luxusküchenbauer SieMatic, der von chinesischen Investoren übernommen wurde. Ein Schicksal, das auch Deutschlands ältesten Küchenbauer Poggenpohl aus dem von Löhne zehn Kilometer entfernten Herford ereilte, der in der Corona-Krise in die Insolvenz schlitterte. Das 1892 von Schreinermeister Friedemir Poggenpohl gegründete Unternehmen galt jahrzehntelang als einer der führenden Küchenhersteller in Deutschland. Schon in den Zwanzigerjahren wurde es eine Aktiengesellschaft und war bis zuletzt stark im Export. Wie in vielen Industriebereichen investiert China auch bei Küchen stark in deutsche Marken.

Manche Küche sieht inzwischen so modern aus, dass man sich fast scheut, dort Arbeitsspuren zu hinterlassen.
Foto: AMK

Wirtschaftliche Probleme und der Strukturwandel waren vor über hundert Jahren auch der Ursprung, dass sich Ostwestfalen zu Deutschlands Küchenzentrum entwickelte: Die Region war zuvor jahrhundertelang eine Hochburg in der Leinenherstellung. Doch mit dem Niedergang der Leinen-Textilindustrie verloren die Menschen zu Tausenden ihre Arbeit. In der waldreichen Region bildete sich nach ersten Erfolgen schnell eine Holzmöbelindustrie, die trotz Krisen bis heute Deutschlands Hauptstandort ist.

Der Wandel spielt auch heute für die Küchenhersteller eine große Rolle. Seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg in den Fünfzigerjahren setzte sich Schütte-Lihotzkys Modell einer standardisierten Einbauküche in Millionen von Küchen durch. Das Design nimmt dabei immer wieder Anleihen bei früheren Trends: Die weißen Blöcke aus den Sechzigerjahren wirken heute wieder sehr modern. In den vergangenen zehn Jahren verschwanden die Griffe immer mehr von den Küchenschränken, langsam kehren sie wieder zurück. Verdrängte in den Neunzigern Buche die dunkle rustikale heimelige Eiche der Achtziger, ist es inzwischen genau umgekehrt: "Wer mit großen Flächen Buchenholz zum Beispiel auf Laminatböden aufgewachsen und groß geworden ist, der möchte heute etwas anderes sehen", sagt Experte Redeker. "Man glaubt es kaum, aber beim neuesten Eiche-Trend sind wir vom Farbton der Achtziger gar nicht mehr weit entfernt."

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